Fidelity will Europas Billionen vom Sparkonto in den Kapitalmarkt bringen

Europa ist für die globale Asset-Management-Industrie ein gewaltiger Markt. Doch ein beträchtlicher Teil seines Vermögens arbeitet kaum am Kapitalmarkt.

Samantha Ricciardi, Head of EMEA bei Fidelity International, beziffert an einem Panel anlässlich des European Media Summit vom Donnerstag in London den adressierbaren europäischen Markt auf rund 34 Billionen Euro. Gleichzeitig lägen nach ihren Angaben rund 13 Billionen Euro auf Bankkonten und in Einlagen. Für Asset Manager besteht die zentrale Herausforderung deshalb darin, einen Teil dieses Kapitals vom Sparen ins Investieren zu bewegen. 

Das Thema wird ihrer Einschätzung nach an Bedeutung gewinnen: Die alternde Bevölkerung und sinkende Geburtenraten setzen die europäischen Vorsorgesysteme zunehmend unter Druck. Die traditionelle Vorstellung, dass staatliche Systeme einen wesentlichen Teil der Altersvorsorge sicherstellen können, gerate dadurch an ihre Grenzen.

«Die Mathematik funktioniert einfach nicht mehr», sagte Ricciardi. Die Menschen müssten deshalb mehr Verantwortung für ihre finanzielle Zukunft übernehmen.

Deutschland als Experimentierfeld

Besonders aufmerksam blickt Fidelity dabei auf Deutschland. Ricciardi verweist auf die dort geplanten neuen Instrumente zur privaten Altersvorsorge, die ab Anfang 2027 greifen sollen. Staatliche Unterstützung und steuerliche Anreize sollen dazu beitragen, mehr privates Kapital in Investments zu lenken.

Fidelity sieht darin eine erhebliche Cchance für sich. Ricciardi verweist auf eine Marktschätzung von rund 35 Milliarden Euro pro Jahr. Fidelity will sowohl über grosse Vertriebspartner als auch über die deutsche Fondsplattform FFB daran partizipieren. 

Das langfristige Ziel geht allerdings über einzelne Produkte hinaus: Ricciardi will Fidelity in Europa stärker als Partner für die Altersvorsorge positionieren.

13 Billionen Euro auf Konten

Die Dimension des ungenutzten Kapitals ist beträchtlich. Ricciardi verweist auf rund 13 Billionen Euro, die in Europa in Einlagen liegen. Dem stellt sie den im Draghi-Bericht genannten zusätzlichen Investitionsbedarf von rund 700 bis 800 Milliarden Euro pro Jahr gegenüber, der erforderlich sei, um Europas Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. 

Wie viel des auf Konten liegenden Vermögens tatsächlich mobilisiert werden kann, lässt Ricciardi offen. Entscheidend sei vielmehr, Sparern den Einstieg in Kapitalanlagen zu erleichtern.

Finanzielle Bildung allein reiche da nicht aus. «Wenn man mit drei Klicks investieren kann, hilft das wahrscheinlich viel mehr, als wenn man Experte für Tracking Error ist», sagte sie. Einfacher Zugang zu Investments sei ein wesentlicher Faktor für eine stärkere Kapitalmarktbeteiligung. 

Aktive ETFs sollen sich verdreifachen

Eine zentrale Rolle in Fidelitys Wachstumsstrategie spielen aktive ETFs. Nach den von Ricciardi genannten Marktzahlen ist das weltweit in aktiven ETFs verwaltete Vermögen von rund 800 Milliarden auf 2 Billionen gestiegen. Bis 2030 könnte es 4 Billionen erreichen.

Fidelity zählt sich in Europa bereits zu den grössten Anbietern in diesem Segment. Das Unternehmen verwaltet Ricciardi zufolge rund 17 Milliarden in aktiven ETFs und will dieses Volumen in den kommenden Jahren verdreifachen.

Ricciardi sieht aktive ETFs dabei nicht lediglich als nächsten Produkttrend. Sie kombinierten die Struktur und Transparenz eines ETFs mit den Möglichkeiten aktiven Managements und könnten dadurch auch dazu beitragen, bisherige Sparer an Kapitalmarktinvestments heranzuführen.

Fixed Income schlägt Aktien

Nicht in allen Bereichen des aktiven Managements entwickelt sich die Nachfrage gleich. Besonders stark ist sie derzeit bei Anleihen.

Nach den von Ricciardi genannten Zahlen flossen in Europa innerhalb von zwölf Monaten rund 170 Milliarden in aktiv verwaltete Fixed-Income-Strategien. Über drei Jahre seien es annähernd 400 Milliarden gewesen. Aktive Aktienstrategien verbuchten dagegen im vergangenen Jahr Abflüsse von rund 25 Milliarden. 

KI ersetzt die Beratung nicht

Auch künstliche Intelligenz dürfte nach Einschätzung Ricciardis die Art verändern, wie Anleger Informationen beschaffen und Anlageentscheidungen vorbereiten. Fidelity setzt KI-Agenten bereits in der eigenen Investmentanalyse ein. Gleichzeitig beschäftigt das Unternehmen weiterhin mehr als 200 Analysten. KI soll insbesondere manuelle Tätigkeiten übernehmen und den Spezialisten ermöglichen, mehr Unternehmen abzudecken und ihre Zeit stärker auf wertschöpfende Analysen zu konzentrieren. 

Einen vollständigen Ersatz menschlicher Beratung erwartet Ricciardi jedoch nicht. Gerade bei weitreichenden Entscheidungen über die eigene finanzielle Zukunft werde der persönliche Austausch relevant bleiben. Sie zieht dabei eine Parallele zur Medizin: Patienten könnten sich mithilfe von KI umfassend informieren, wollten vor einer wichtigen Entscheidung aber häufig trotzdem mit einem Arzt sprechen. 

Für Fidelity ergibt sich daraus eine Strategie, die über einzelne Fonds hinausgeht: Das Unternehmen will Anleger über verschiedene Lebensphasen begleiten, den Übergang vom Sparen zum Investieren erleichtern und sich in Europa stärker als Anbieter von Vorsorgelösungen etablieren.