Versicherung und Technologie – die ungeschminkte Wahrheit


In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Seit einem Jahrzehnt erzählen wir uns dieselbe Geschichte: Gleich kommt die grosse Disruption. Gleich macht KI das Underwriting überflüssig. Gleich wird ein InsurTech den Markt umpflügen. 

Nichts davon ist passiert. Und das hat Gründe, die kaum jemand offen ausspricht: Versicherung ist kein digitales Modeprodukt, sondern Kind der Finanzindustrie mit extrem stabiler Mechanik. 

Zinsen schlagen KI. Schadeninflation schlägt Chatbot. Ein falsch gezeichnetes Industrierisiko schlägt jede Einsparung aus einer Prozessautomatisierung.

IT für viele kein Innovationsversprechen, sondern ein Risiko

In Präsentationen wird Technologie als Zukunftstreiber gefeiert. Hinter verschlossenen Türen hört man andere Töne:

  • «Wir finden niemanden mehr, der das Kernsystem versteht.»
  • «Wir haben Angst vor Cyberangriffen.»
  • «Wir wissen nicht, ob unsere Daten gut genug sind.»
  • «Beim nächste grosse IT-Projekt könnte Millionen in den Sand gesetzt werden – wieder.»

«Die Branche investiert Milliarden in Technologie, doch die Produktivitätsgewinne bleiben bescheiden.»

Das ist der Realismus der Branche. Und dies führt dazu, dass IT zu grossen Teilen ein Stabilisierungsapparat ist – nicht der Motor für neue Geschäftsmodelle.

Produktivität? Eher nicht

Die Branche investiert Milliarden in Technologie, doch die Produktivitätsgewinne bleiben bescheiden. Warum? Weil im Versicherungsgeschäft ein einziges falsch kalkuliertes Risiko effizientere Backoffice-Prozesse sofort überkompensiert. 

Und weil viele Technologien zu einem absurden Katz-und-Maus-Spiel führen: KI verbessert die Schadenprüfung und ermöglicht gleichzeitig neuen Betrug. Nettonutzen: gegen null. 

Es erinnert an den überraschenden Befund des Wirtschaftsnobelpreisträgers Robert Solow: «You can see the computer everywhere but in the productivity statistics!» (Man sieht den Computer überall – nur nicht in den Produktivitätsstatistiken!)

Verzicht auf Technologie wäre fatal

Technologie liefert nicht die grosse Revolution. Aber sie liefert alles, was notwendig ist, um relevant zu bleiben: Eine Kundenerfahrung, die nicht aus den 90ern stammt, datenbasierte Entscheidungen, ohne Bauchgefühl als Hauptinstrument, neue Produkte für neue Risiken, Effizienz, die nicht weltbewegend ist, aber immerhin wettbewerbsfähig, Arbeitsumgebungen, die Talente nicht vertreiben. Technologie ist also kein Heilsbringer – aber absolut unverzichtbar. Ohne sie steht alles still.

KI – Heilsversprechen oder Selbstbetrug?

Viele Häuser reden über KI wie über eine Religion. «KI-first», «AI everywhere» – beeindruckend, aber wenig belastbar. Die relevante Frage ist: Wo liefert KI messbaren Wert? Wo senkt sie Schadenkosten? Wo erhöht sie Abschlussquoten? 

«Die eigentliche Bedrohung kommt nicht von InsurTechs, sondern von Plattformen, OEMs, Big Tech.»

Wenn ein Projekt diese Fragen nicht beantwortet, ist es kein Projekt, sondern eine Kostenstelle mit gutem Marketing.

Legacy – wann hören wir auf, Dinosaurier zu schminken?

Seit Jahrzehnten «wrappen» Versicherer ihre alten Kernsysteme. Das ist pragmatisch, aber irgendwann erreicht jedes Pflaster sein physikalisches Limit. Was fehlt, ist Mut: Mut zu modularen Ablösungen, zu echten Schnitten, zu einer Architektur, die Veränderung zulässt. Solange 70 Prozent des IT-Budgets in die Pflege des Gestern fliessen, wird das nicht stattfinden. Dafür braucht es einen langen Atem – zehn Jahre mindestens.

InsurTechs – Gefahr gebannt? Keineswegs

Die Startup-Revolution blieb aus. Aber Selbstzufriedenheit wäre gefährlich. Die eigentliche Bedrohung kommt nicht von InsurTechs, sondern von Unternehmen, die Kundenkontakt, Daten und Kapital in einer Grössenordnung besitzen, von der Versicherer nur träumen: Plattformen, OEMs, Big Tech. 

Wenn diese Player ernst machen, wird es eng. Insbesondere, wenn sie das Business Modell aufbrechen können und Versicherung zum Beispiel als Protection-Service-Modell umsetzen. Im Abo.

Regulatorik – unterschätzter Machtfaktor

Die Technologieagenda vieler Versicherer wird nicht vom CIO, sondern vom Regulator bestimmt. IFRS, DORA, Cloud-Abhängigkeiten, geopolitische Spannungen – all das zwingt Versicherer zu Redundanz und technischer Souveränität. Das wird teuer. Und notwendig.

«Wer weiter Beschwörung statt Strategie betreibt, wird vom Markt korrigiert.»

Die Branche muss ehrlich werden

Zwischen Hype und Stillstand gibt es einen dritten Weg: Klarheit darüber, was Technologie leisten kann – und was nicht. Die Frage ist nicht «Disruption». Die Frage ist, ob sie zwei Dinge liefert, die man in der Gewinn- und Verlustrechnung sieht: 

  1. niedrigere Schadenkosten und 
  2. niedrigere Betriebskosten. 

Und das, ohne dass die Risikoqualität leidet. Alles andere ist Dekoration. Konkret heißt das: Fokus auf drei Kennzahlen, die der CEO/CFO monatlich trackt.

  • Dunkelverarbeitung im Schaden (wie viel läuft ohne menschlichen Eingriff),
  • Quote-to-bind / Abschlussquote im wichtigsten Vertriebskanal,
  • Time-to-Yes (or No) im Standard-Underwriting.

Dazu braucht es zuweilen harte Entscheidungen. Wenn ein Use Case nach zwölf Wochen keine messbare Bewegung zeigt (echte Zahlen, nicht «User finden’s nice»), wird er eingestellt, egal wie gut die Story war. Gleichzeitig muss ich als Firma den Durchhaltewillen zeigen, die Umsetzung auch in aller Konsequenz in der Organisation durchzuziehen.

Wer diese Frage radikal beantwortet, wird in den nächsten zehn Jahre gewinnen. Wer weiter Beschwörung statt Strategie betreibt, wird vom Markt korrigiert.


Dimitri Wulich ist Managing Director, Head of Insurance ALPS (CH & AT) der Zühlke Group

Lukas Stricker ist Head Further Education an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW; seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: nachhaltige Versicherung, Transformation in der Versicherung und Industrieversicherung.