J.P. Morgan AM EMEA-CEO: «Die Schweiz bietet etwas, das viele Länder verloren haben»
Patrick Thomson, als wir uns vor einem Jahr das letzte Mal gesehen haben, betonten Sie, wie strategisch wichtig die Schweiz für J.P. Morgan Asset Management ist und dass sie neues Wachstum anstreben. Wie fällt Ihre Bilanz heute aus?
Sehr positiv. Wir haben mit Laura (Laura Geiger-Pancera ist seit 2024 Schweiz-Chefin; Anm. d. Redaktion) einen hervorragenden Country Head in der Schweiz, die gemeinsam mit dem Team einen ausgezeichneten Job macht.
Unser Geschäft ist weiter gewachsen. Wir sind nach wie vor die Nummer eins bei den grenzüberschreitenden Mittelzuflüssen in Europa. Besonders stark entwickelt haben sich sowohl unser Fonds- als auch unser institutionelles Geschäft.
Gerade im Bereich Infrastruktur hatten wir in der Schweiz zuletzt grosse Erfolge. Infrastruktur ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Asset Management gleichzeitig attraktive Lösungen für Pensionskassen liefern und gesellschaftliche Herausforderungen adressieren kann – etwa die Energiewende in Europa.

«Viele Investoren suchen heute Stabilität und Vorhersehbarkeit – genau dafür steht die Schweiz.»: Patrick Thomson. (Bild: zVg)
Wo sehen Sie in den kommenden Jahren die grössten Chancen in der Schweiz?
Die Schweiz bleibt ein sehr attraktiver Wachstumsmarkt. Das Vermögen wächst, die Wirtschaft entwickelt sich solide, und gleichzeitig verändert die Konsolidierung im Private Banking den Markt fundamental. Die Integration der Credit Suisse in die UBS ist dafür das prominenteste Beispiel.
Für uns entsteht daraus eine grosse Chance. Wir verfügen über die notwendige Skalierung, um Vermögensverwalter und institutionelle Kunden effizient zu bedienen. Gleichzeitig ist unser Marktanteil in der Schweiz noch relativ klein – wir liegen bei ungefähr 3 Prozent. Das zeigt, wie viel Potenzial noch vorhanden ist.
Wie beurteilen Sie den Schweizer Finanzplatz heute – insbesondere nach dem Ende der Credit Suisse?
Die Schweiz verfügt über etwas, das leider immer seltener geworden ist: politische Berechenbarkeit. Dank des föderalen Systems herrscht ein hohes Mass an Stabilität und Vorhersehbarkeit – bei Steuern, Regulierung, Arbeitsrecht oder Immobilienfragen.
«Gerade im Bereich Infrastruktur hatten wir in der Schweiz zuletzt grosse Erfolge.»
Für Asset Manager ist das enorm wertvoll. In einer Welt voller Unsicherheit, geopolitischer Spannungen und politischer Schnellschüsse bietet die Schweiz klare Regeln, einen starken Regulator und verlässliche Rahmenbedingungen. Genau deshalb bleibt die Schweiz ein sehr attraktiver Standort für Finanzdienstleistungen.
Profitiert die Schweiz zusätzlich von geopolitischen Konflikten wie aktuell im Nahen Osten?
Ich denke schon. In den vergangenen Jahren floss viel Vermögen in den Nahen Osten, insbesondere nach Dubai, das sich hervorragend entwickelt hat. Langfristig bleiben wir auch sehr optimistisch für die Region.
Kurzfristig sorgen geopolitische Konflikte aber dafür, dass Vermögen eher in stabilen Jurisdiktionen bleibt oder dorthin zurückfliesst. Die Schweiz profitiert von diesem Safe-Haven-Status weiterhin stark. Viele Investoren suchen heute Stabilität und Vorhersehbarkeit – genau dafür steht die Schweiz.

Patrick Thomson: «Regulierung muss immer eine Balance finden: Kunden schützen, aber Innovation nicht verhindern.» (Bild: zVg)
Sie äusserten sich am Media Summit auch überraschend optimistisch über Europa. Können Sie das noch ein wenig genauer erläutern?
Europa stösst aktuell wichtige Reformen anstösst. Deutschland diskutiert ernsthaft über Pensionskassenreformen, Frankreich ebenfalls. Gleichzeitig investieren die Staaten massiv in Verteidigung und Infrastruktur.
Das sind die richtigen Prioritäten. Europa muss produktiver wachsen. Angesichts der demografischen Entwicklung können die Staaten künftig nicht mehr alles alleine finanzieren. Deshalb müssen Individuen stärker Verantwortung für ihre Altersvorsorge übernehmen – genau darum geht es bei den Reformen.
Ich bin deshalb deutlich optimistischer für Europa als viele andere Beobachter.
Gleichzeitig klagen viele Unternehmen über zu viel Regulierung in Europa. Teilen Sie diese Sicht?
Teilweise schon. Regulierung muss immer eine Balance finden: Kunden schützen, aber Innovation nicht verhindern. Europa bewegt sich in die richtige Richtung, etwa mit der Savings and Investment Union.
«Wir beobachten die Entwicklung der Neo-Banken sehr genau. Sie haben das Kundenerlebnis revolutioniert.»
Trotzdem bleibt Europa sehr fragmentiert. In den USA gibt es einen Markt und einheitliche Regeln. In Europa haben wir noch immer 27 unterschiedliche Regulierungsansätze. Das bremst Innovation und Kapitalmarktintegration.
Gerade bei Themen wie Verteidigung oder Kapitalmarktunion wäre eine stärkere Harmonisierung sehr sinnvoll.
Ein grosses Thema ist derzeit der historische Vermögenstransfer von den Babyboomern zur nächsten Generation. Wie verändert das die Asset-Management-Branche?
Massiv. Die nächste Generation erwartet völlig andere Produkte und Dienstleistungen. Junge Kunden wollen nicht zwingend in eine Filiale gehen und mit einem Berater sprechen. Sie erwarten digitale Lösungen, intuitive Apps und Echtzeit-Informationen.
Deshalb beobachten wir die Entwicklung der Neo-Banken sehr genau. Sie haben das Kundenerlebnis revolutioniert. Genau daraus kann auch die Asset-Management-Industrie lernen.
Was konkret?
Die Kundeninteraktion. Ich nutze selbst ein digitales Bankkonto. Sobald ich mit der Karte bezahle, sehe ich die Transaktion sofort auf dem Smartphone. Das ist ein viel besseres Erlebnis als klassische Bankauszüge.
Dasselbe Prinzip lässt sich auch auf Investments übertragen. Wenn ein Kunde beispielsweise überschüssiges Bargeld auf dem Konto hält, könnte ihn die App direkt darauf hinweisen und alternative Anlageoptionen vorschlagen.
Wie stark wird Künstliche Intelligenz die Branche verändern?
Fundamental. KI wird Analysten und Portfoliomanager deutlich effizienter machen. Heute deckt ein Analyst vielleicht 40 Unternehmen ab. In einigen Jahren könnten es doppelt oder sogar dreimal so viele sein.
KI verbessert Research, Datenanalyse und Entscheidungsprozesse massiv. Gleichzeitig sind die Investitionen enorm teuer: Daten, Infrastruktur, Rechenleistung und Talente kosten sehr viel Geld.
Führt das zu einer weiteren Konsolidierung in der Branche?
Ja, insbesondere im Mittelfeld. Die grossen Anbieter verfügen über die notwendige Skalierung und die finanziellen Ressourcen. Kleine Boutiquen werden ebenfalls überleben, weil sie innovativ und schnell sind.
«Mit schlechter Technologie kann man überleben, mit schlechten Portfoliomanagern nicht.»
Unter Druck geraten vor allem mittelgrosse Anbieter, die dieselben Kunden wie die grossen Häuser bedienen wollen, aber nicht dieselben technologischen Möglichkeiten besitzen. Deshalb sehen wir derzeit so viele Fusionen in der Asset-Management-Industrie.
Was bleibt in Zukunft wichtiger: Technologie oder Menschen?
Menschen. Technologie ist extrem wichtig, aber Talent bleibt entscheidend. Mit schlechter Technologie kann man überleben, mit schlechten Portfoliomanagern nicht.
Die Zukunft gehört jenen Unternehmen, die beides kombinieren können: exzellente Talente und starke Technologie.
Das Gespräch wurde am Media Summit 2026 von J.P. Morgan Asset Management in London geführt.















