Hermès-Milliarden: LVMH schiebt Schuld auf Vermögensverwalter
Eine neue, 20-seitige Gerichtseingabe von LVMH, die das «Wall Street Journal» (WSJ) einsehen konnte, zeichnet dessen Rolle detailliert nach.
Und sie schärft die Kernfrage des Falls: Hatte der Hermès-Erbe Nicolas Puech in den Verkauf seines milliardenschweren Aktienpakets eingewilligt? Oder hatte sein Genfer Vermögensverwalter Eric Freymond ohne das Wissen seines Kunden mit dem Konkurrenten LVMH konspiriert?
Letzteres behauptet Puech, der angibt, fast sein ganzes Vermögen verloren zu haben, und der LVMH auf mehr als 15 Milliarden Dollar Schadenersatz verklagt hat.
Kontakt über Arnault-Vertrauten
Erstmals legt der Luxusgüterkonzern LVMH die eigene Version der Geschichte auf den Tisch. Demnach trat Eric Freymond, der das Vermögen von Nicolas Puech über Jahrzehnte verwaltete, im Jahr 2001 an Pierre Godé heran, einen engen Vertrauten von Konzernchef Bernard Arnault. Sein Vorschlag: eine Allianz mit dem Hermès-Erben.
Ein Kauf von Puechs Paket sei nie das Ziel gewesen, hält der Konzern fest. Im Gegenteil: Man habe einen gemeinsamen Aktionärsblock schmieden wollen, um Hermès von innen zu beeinflussen. Ein Erwerb der Aktien wäre «das Gegenteil» dieses Plans gewesen.
Treffen auf Château d'Yquem
Gerade weil Puech sein historisches Paket noch hielt, sei er ein «nützlicher, ja unverzichtbarer» Partner gewesen. Freymond und Puech trafen Arnault und Godé über die Jahre mehrfach, unter anderem auf Château d'Yquem, dem LVMH-eigenen Sauternes-Weingut.
2007 kam der kritische Moment. Der Vermögensverwalter warnte LVMH, ein grosses Aktienpaket komme auf den Markt. Er drohte, es an einen Konkurrenten zu verkaufen, sollte der Konzern nicht handeln. Inwiefern Puech ab hier noch im Bilde war, ist nicht klar.
Aufbau einer verdeckten Beteiligung
Das setzte die Maschinerie in Gang. LVMH baute über «Equity Swaps» mit Banken wie der Société Générale verdeckt eine Beteiligung auf, in die mutmasslich auch Puechs Aktien flossen. Gut zwei Jahre später löste der Konzern die Tarnkonstrukte auf und Arnault enthüllte im Oktober 2010, dass LVMH rund 17 Prozent an der Rivalin Hermès hielt. Die Gründerfamilie reagierte schockiert.
Im Jahr 2014 – die Beteiligung hatte damals bereits 23 Prozent erreicht – einigten sich die beiden Luxusgüterkonzerne vor Handelsgericht darauf, dass die Hermès-Beteiligung an die LVMH-Aktionäre verteilt werden sollte.

Aktienkurse von Hermès und LVMH (in Euro). (Quelle: Bloomberg)
Welche Rolle spielte Freymond wirklich? 2016 brüstete er sich vor einem Schweizer Gericht selbst damit, den verdeckten Aufbau orchestriert zu haben. Der Coup brachte LVMH einen Gewinn von rund 3,8 Milliarden Euro. 10 Prozent davon forderte Freymond für sich.
Von möglicher Veruntreuung nichts gewusst
LVMH argumentiert: Habe Freymond Puechs Aktien ohne Wissen des Konzerns in die Transaktionen eingeschleust, wäre das ein «Treuebruch» gegenüber dem Erben gewesen. Und weil man Puech ja als Aktionär habe halten wollen, habe Freymond damit auch LVMH selbst hintergangen.
Weiter erklärt LVMH in seiner Eingabe, von einer möglichen Veruntreuung nichts gewusst zu haben. Was die Banken in seinem Auftrag einsammelten und ob darunter Aktien waren, die Puech ohne sein Einverständnis entzogen worden waren, sei dem Konzern verborgen geblieben. Vorwürfe, man habe mehr gewusst, nennt LVMH «verleumderisch und haltlos»,
Freymond: Doppelrolle und ein spätes Geständnis
Im Juli 2025 wurde Freymond, dem mehrere frühere Kunden vorwarfen, Vermögen abgezweigt zu haben, von französischen Ermittlern befragt. Dort räumte er erstmals ein, 2008 einen erheblichen Teil von Puechs Hermès-Aktien an LVMH verkauft zu haben. Jahrelang hatte er dies bestritten.
Entscheidend ist, was Freymond hinzufügte: Er habe mit Puechs vollem Wissen und Einverständnis gehandelt.
Die Kernfrage
Puech nennt diese Darstellung falsch. Er habe nichts gewusst. LVMH wiederum schiebt die Verantwortung von sich. «Wenn Nicolas Puech den Erlös aus dem Verkauf seiner Aktien nicht erhalten hat, dann ist das eine Sache, die Eric Freymond betrifft, nicht LVMH», zitiert das «WSJ» aus der Eingabe.
Die Justiz in Paris versucht laut «WSJ» zu klären, ob Beteiligte wussten, dass die Titel ohne Zustimmung ihres Eigentümers den Besitzer wechselten. Puechs Anwälte halten es für verfrüht, LVMH diesbezüglich zu entlasten. Genau das müsse das laufende Verfahren zeigen.
Tod in den Alpen
Der vermutlich einzige Mensch, der die ganze Wahrheit kennt, kann nicht mehr befragt werden.
Zwei Wochen nach seiner Einvernahme in Frankreich wurde Freymond nahe seinem Wohnort in den Schweizer Alpen von einem Zug erfasst und getötet. Die Schweizer Behörden gehen von einem Suizid aus.
Klar ist nur: Ein Aktienpaket, das heute einen Wert von mehr als 15 Milliarden Dollar hätte, hat sich unter der Ägide eines Genfer Finanzakrobaten in Luft aufgelöst.














