Weshalb quantitative Anleger in Schwellenländern im Vorteil sind

Von Chris Zani, Portfoliomanager Quantitative Equity bei PGIM

Als ich in Peking ankam, war ich überrascht – nicht davon, wie gut organisiert, effizient und strukturiert alles war, und auch nicht von der Vielzahl internationaler Fachkräfte, denen ich begegnete, darunter viele Amerikaner, die zwischen China und den USA arbeiten. Diese Aspekte des Aufstiegs Chinas sind allgemein bekannt. Überrascht hat mich die Entwicklung Pekings zu einem zentralen Knotenpunkt von Politik und Finanzwesen.

Häufig liegen das politische und das finanzielle Zentrum eines Landes in verschiedenen Städten. Die Schweiz ist ein gutes Beispiel: Bern steht für Politik, Zürich für Finanzen und Wirtschaft, während Genf eine zentrale Rolle in der Diplomatie, bei internationalen Organisationen und in der privaten Vermögensverwaltung spielt. Diese Rollenverteilung erscheint aus Schweizer Sicht ganz natürlich. In vielen Schwellenländern beobachten wir ähnliche Muster. Brasilien ist ein typisches Beispiel: Obwohl es sich um eine äusserst interessante aufstrebende Volkswirtschaft handelt, war ich noch nie in der Hauptstadt Brasília.

Es gab keinen Grund dazu, denn ein Grossteil der wirtschaftlichen Aktivität des Landes findet in São Paulo und Rio de Janeiro statt.

Peking als neues Finanzzentrum

Ähnliche Entwicklungen lassen sich in Indien und Südafrika beobachten, während in einigen Schwellenländern die politischen und finanziellen Zentren miteinander verbunden sind, wie beispielsweise in Südkorea oder Russland.
Bei dieser Reise lag mein Hotel buchstäblich an der «Financial Street» in Peking, manchmal auch als «Wall Street Chinas» bezeichnet. Schon dieses Viertel allein erinnert eindrucksvoll an die Veränderungen, die das Land im Laufe der Jahre durchlaufen hat. Auf den ersten Blick könnte man China für ein weiteres Beispiel einer geografischen Trennung zwischen politischen und finanziellen Zentren betrachten, mit Shanghai und Hongkong als die wichtigsten Finanzzentren.

Doch zwischen eleganten Wolkenkratzern und minimalistischen Plätzen, staatlichen Institutionen, Pensionskassen und internationalen Banken hat Pekings Finanzviertel in der chinesischen Finanzlandschaft deutlich an Bedeutung gewonnen und das nicht nur wegen seiner Nähe zu den Schauplätzen politischer Entscheidungen.

Schwellenländer sind keine einheitliche Anlageklasse

Beobachtungen wie diese erinnern daran, dass Schwellenländer zwar oft als eine einheitliche Anlagekategorie behandelt werden, aber alles andere als eine homogene Ländergruppe sind. Für Schweizer Anleger, die an ein stark international ausgerichtetes, institutionell stabiles und gut reguliertes Anlageumfeld gewöhnt sind, ist die Heterogenität innerhalb der Schwellenländer besonders wichtig. Diese Märkte weisen zwar häufig bestimmte Gemeinsamkeiten auf, wie schnelleres Wachstum, eine wachsende Mittelschicht und das Potenzial für höhere Renditen.

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Chris Zani von PGIM. (Bild: zVg)

In ihren politischen Systemen, Finanzstrukturen und industriellen Ausrichtungen unterscheiden sie sich jedoch erheblich. Ein Beispiel sind die BRICS-Staaten: Während China fest in der KI-Welle verankert ist, wird Brasilien stärker mit dem Energiesektor verbunden, und Indien konzentriert sich mehr auf den Industriesektor.

In Bezug auf die Wertschöpfungskette der KI-Hyperscaler sind Korea und Taiwan eher mit China vergleichbar als die klassischen BRICS-Märkte. Diese Unterschiede sind für Anlageentscheidungen von Bedeutung, ebenso wie die erhöhte Volatilität, die ebenfalls für Schwellenländermärkte charakteristisch ist. Gerade hier gewinnt das Know-How der Aktienauswahl besondere Bedeutung, während allgemeine Länderspekulationen erhebliche Risiken bergen können.

Warum quantitative Strategien im Vorteil sind

Angesichts dieser Unsicherheiten können quantitative Ansätze bei Anlagen in Schwellenländern besonders nützlich sein. Sie können auf verschiedene Weise dazu beitragen, die mit diesen Märkten verbundenen Risiken zu adressieren. Erstens eignen sich quantitative Strategien häufig besser für Märkte mit höheren Transaktionskosten. Zudem können sie auch dabei helfen, Benchmark-Risiken systematischer zu steuern. Schliesslich sind Länderallokationen in Schwellenländern anspruchsvoll.

Aber auch die Aktienauswahl birgt Risiken, da viele Schwellenländermärkte stark konzentriert sind. Auch hier können quantitative Analyse von Nutzen sein, indem sie Anlegern ermöglicht, kontrolliert und diszipliniert von Benchmarks abzuweichen, anstatt rein binäre Entscheidungen zu treffen.

Diversifikation mit Augenmass

Kurz gesagt: Schwellenländermärkte bieten eine breite Palette attraktiver Anlagemöglichkeiten für Schweizer Anleger. Doch in einem Marktumfeld, das durch eine niedrige Informationslage gekennzeichnet und von geopolitischer Unsicherheit beeinflusst ist, kann ein quantitativer Ansatz dazu beitragen, bessere und fundiertere Entscheidungen zu treffen. Davon können letztlich Anleger profitieren, die ihr Portfolio diversifizieren und eine Anlageklasse mit einem attraktiven Risiko-Rendite-Verhältnis beimischen möchten.