Weltmeister: Der geheime Lohn-Benchmark der SNB
In schöner Regelmässigkeit thematisiert das Finanzportal «Bloomberg» den Lohn des SNB-Präsidenten: «SNB's Jordan Is Still The Million Dollar Central Banker», schrieb es 2024 (Beitrag auf Englisch, hinter Paywall). Und jetzt im März, als die SNB ihren Geschäftsbericht 2025 veröffentlichte: «SNB President Martin Schlegel's Salary Is Now $1.2 Million» (Artikel ebenfalls auf Englisch, hinter Paywall).
Auch bei finews waren die nackten Zahlen bereits im März zu lesen: Die drei Mitglieder des Direktoriums – Präsident Martin Schlegel, Vizepräsident Antoine Martin und Petra Tschudin – erhielten 2025 ein identisches Grundsalär von 986'200 Franken plus 30'500 Franken «Diverses» (Repräsentationspauschale, GA usw.).
Deutlich über 1 Million pro Direktoriumsmitglied
Die individuell etwas unterschiedlichen Arbeitgeberbeiträge an Pensionskasse und AHV heben die Gesamtvergütung deutlich über 1 Million Franken: Bei Schlegel und Tschudin sind es je 1'295'000, bei Martin 1'334'500 Franken.
Diese Gehälter sind nicht nur im Schweizer Behördenkontext (im Jahr 2025 verdiente ein Bundesrat 477'688 Franken, zuzüglich einer Spesenpauschale von 30'000 Franken) herausragend, sondern auch im internationalen Peer-Vergleich der geldpolitisch eigenständigen Notenbanken wichtiger Währungsräume:
| Zentralbank | Chef/in | Vergütung 2025 (Landeswährung) |
Entsprechung (Franken) |
| Schweizerische Nationalbank | Martin Schlegel1 | CHF 1'016'700 | 1'016'700 |
| Europäische Zentralbank | Christine Lagarde2 | EUR 595'566 | ca. 555'000 |
| Bank of England | Andrew Bailey3 | GBP 495'000 | ca. 528'000 |
| Bank of Canada | Tiff Macklem4 | CAD max. 544'800 | ca. 315'000 |
| US Federal Reserve | Jerome Powell5 | USD 250'600 | ca. 199'000 |
1 Barvergütung (Salär plus Pauschalen), ohne Arbeitgeberbeiträge; inklusive Beiträge 1'295'000 Franken. Identische Vergütung für alle drei Direktoriumsmitglieder. 2 Grundsalär (492'204 Euro) plus Repräsentationszulage (103'362 Euro); zuzüglich Dienstresidenz sowie BIZ-Verwaltungsratshonorar von 130'457 Franken. 3 Grundsalär, unverändert seit Amtsantritt 2020; Gesamtpaket inklusive Barzulage anstelle einer Pension rund 600'000 Pfund. 4 Oberes Ende des publizierten Salärbands (463'100 bis 544'800 kanadische Dollar); Boni sind gesetzlich ausgeschlossen. 5 Per Gesetz fixiert (Executive Schedule, Level I; Stand 2025). Umrechnung zu Kursen per 31.12.2025, gerundet. Quellen: Geschäftsberichte und Angaben der Notenbanken |
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Im länderübergreifenden Kontext ist interessant, dass Mark Carney als ehemaliger Gouverneur der Bank of England mit einer Gesamtvergütung von total 874'000 Pfund ähnlich viel verdiente wie ein Counterpart in der Schweiz. Sein Paket umfasste 480'000 Pfund an Salär, 250'000 Pfund als Wohnzulage und 144'000 Pfund als Barzulage anstelle einer Pension.
Bailey und Carney verzichteten auf Lohnerhöhungen
Bei seinem Nachfolger Andrew Bailey entfiel die Wohnzulage komplett, und die Pensionszulage fiel tiefer aus (rund 99'000 Pfund), womit das Paket beim Wechsel im März 2020 um rund einen Drittel sank. Zudem: Baileys Salär blieb seit der Ernennung unverändert — er lehnte Erhöhungen ab, wie schon sein Vorgänger. Ein Kontrast zur SNB, wo die Direktoriumsvergütung 2025 um 1,5 Prozent stieg.
Warum tanzen die Löhne der Direktoriumsmitglieder derart aus der Reihe? Wir haben bei der SNB nachgefragt.
«Benchmarking mit vergleichbaren Positionen»
Zu den Vergütungen anderer Zentralbanken will sich die SNB nicht äussern. Sie schreibt: «Die Vergütung des Direktoriums der SNB wird jährlich im Rahmen eines Benchmarkings mit vergleichbaren Positionen im Inland und international verglichen und entspricht einem marktgerechten Gehalt.» An anderer Stelle präzisiert die Notenbank, es werde die «Höhe der Entschädigungen, die bei anderen Unternehmen ähnlicher Grösse und Komplexität im Finanzsektor und bei Grossbetrieben des Bundes üblich sind», herangezogen.
Welche Positionen genau den «Benchmark» bilden, will die SNB allerdings nicht verraten. Fakt ist: Bei keinem bundeseigenen Betrieb – Post, SBB, Finma, Compenswiss, Skyguide – verdient der oberste Chef so viel wie ein SNB-Direktoriumsmitglied, von den übrigen Geschäftsleitungsmitgliedern ganz zu schweigen.
Martin Schlegel: 78'898 Franken von der BIZ
Unklarheit herrscht auch in einem anderen Punkt: Der Geschäftsbericht 2025 der SNB weist für Martin Schlegel zusätzlich zu seiner SNB-Vergütung ein Honorar von 78'898 Franken als Verwaltungsrat der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel aus – inwieweit ihm dieses persönlich ausbezahlt wird, will die SNB nicht sagen: «Übernahmen von externen Mandaten kommen nur in unmittelbarem Zusammenhang mit der Ausübung des Mandats der SNB vor. Bei damit verbundenen Vergütungen besteht ein entsprechendes Reglement.»
Der Fed-Chairman wie auch der Gouverneur der Bank of England verzichten auf diese Honorare. Bei EZB-Spitzenfrau Christine Lagarde hingegen haben die 140'000 Euro aus ihrem BIZ-Verwaltungsratsmandat unlängst für Kontroversen gesorgt: «Christine Lagarde’s pay is 50% higher than disclosed by ECB», tadelte die Financial Times (Beitrag auf Englisch, hinter Paywall), was kritische Nachfragen im Parlament zur Folge hatte. (Fairerweise muss man sagen: Nach Steuern ist Lagarde wohl nicht mehr weit von ihren Schweizer Amtskollegen entfernt – wie alle EU-Beamten ist sie nur marginal einkommenssteuerpflichtig.)
Wäre es auch günstiger zu haben?
Weiter schreibt die SNB: «Die Vergütung des Direktoriums der SNB soll – aufgrund der erheblichen Tragweite der Entscheidungen, höchsten Anforderungen an die fachliche Expertise und persönlichen Kompetenzen sowie an die uneingeschränkte Verfügbarkeit – ein ausgewogenes Anreiz‑ und Ausgleichssystem bieten. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass hochqualifizierte Fach‑ und Führungskräfte bereit sind, das Amt zu übernehmen und langfristig im Interesse der Schweiz zu handeln.»
Das tönt auf den ersten Blick nachvollziehbar und sogar sympathisch. Andererseits stellt sich durchaus die Frage, ob dies nicht auch günstiger zu haben wäre. Die letzten Spitzenleute der SNB (mit der kontroversen Ausnahme Philipp Hildebrands) waren grossmehrheitlich entweder Eigengewächse (Thomas Jordan, Martin Schlegel und Petra Tschudin) oder sie entstammten einem internationalen Behörden-Kontext (Andréa Mächler und Antoine Martin).
Kein Arbeitsmarkt im Wettbewerb
Von einem Arbeitsmarkt für das SNB-Direktorium, der sich im Wettbewerb privatwirtschaftlicher Finanzunternehmen bewegt, kann man kaum sprechen. Antoine Martin verdiente als Financial Research Advisor bei der Federal Reserve Bank of New York einen Bruchteil seines heutigen Salärs.
Die Aufgabenstellung an das Direktorium bringt durchaus ihre Schwierigkeiten mit sich: 800-Milliarden-Franken-Bilanz, Währungsinterventionen, Zinsentscheide, ein Laden mit über 1'000 Leuten... Aber andererseits: Ihr Portefeuille legt die SNB indexnah an, und Zinsentscheide haben heutzutage etwas inhärent Mechanisches.
Zu reden gibt die Vergütung des Direktoriums auch SNB-intern, wie finews erfahren hat: Und zwar soll mit der Stabsübergabe von Thomas Jordan an Martin Schlegel für die unteren Etagen eine spürbare Zurückhaltung bei den Personalkosten Einzug gehalten haben. Mit anderen Worten: Während die Löhne des Direktoriums – langsam vielleicht, aber doch sicher – steigen, ist dies längst nicht überall der Fall.
Lohnzurückhaltung an der Basis – Und an der Spitze?
Mit diesem Befund konfrontiert, schreibt die SNB: «Die SNB legt allgemein Wert auf eine haushälterische Disziplin.» Die Frage, wie das Budget für Personalkosten und der Stellenetat für die kommenden Jahre aussieht, beantwortet die Nationalbank nicht: «Gemäss Organisationsreglement verabschiedet der Bankrat das Jahresbudget der SNB, welches auch die Personalkosten beinhaltet. Die 1'025 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Stand Ende 2025, siehe Geschäftsbericht 2025, S. 154) bilden die Basis für die Erfüllung des Mandats der Nationalbank.»
Wir halten fest: Die Löhne der drei Direktoriumsmitglieder der SNB, die monatlich mit neu geschöpftem Geld auf deren Privatkonten gutgeschrieben werden, stehen schief in der Landschaft. Die SNB argumentiert mit einem angeblichen Benchmark, ist aber nicht bereit, diesen auf Anfrage hin offenzulegen. Auch über ihre zukünftige Personalplanung hüllt sie sich in beredtes Zentralbanker-Schweigen. Und die Frage, wie viel Martin Schlegel von seinem BIZ-Zustupf persönlich behält, bleibt unter Hinweis auf ein nicht öffentliches Reglement ebenfalls unbeantwortet.
Also werfen wir scheu die Frage auf: Wäre es nicht erfreulich, wenn die Institution, die qua gesetzlichem Monopol an der Quelle des Geldes sitzt, bei ihren Top-Salären mehr eidgenössische Zurückhaltung walten liesse?













