Swiss Export Shield: Ein Airbag, der KMU vor einer starken Aufwertung schützt
In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.
Die Schweiz gehört zu den offensten Volkswirtschaften der Welt. Ein wesentlicher Teil unseres Wohlstands beruht auf unserer Fähigkeit, hochwertige Produkte zu exportieren, die hierzulande von Frauen und Männern mit einem Knowhow hergestellt werden, das weit über unsere Landesgrenzen hinaus anerkannt ist.
Diese Stärke gerät jedoch durch ein bekanntes Phänomen zunehmend unter Druck: die anhaltende Aufwertung des Frankens. Sie ist zwar Ausdruck des Vertrauens in unser Land, stellt für exportorientierte Unternehmen aber zugleich eine erhebliche Belastung dar. Verkauft ein KMU seine Produkte in Euro oder Dollar, bezahlt jedoch Löhne, Lieferanten, Mieten und Steuern in Franken, schmälert jede weitere Aufwertung des Frankens automatisch seine Margen. Die Tatsache, dass die Inflation in der Schweiz tiefer liegt als im Ausland und damit die reale Aufwertung weniger dramatisch ausfällt als die nominelle, ist dabei nur ein schwacher Trost.
Grosskonzerne verfügen häufig über ausgefeilte Instrumente, um solche Währungsschocks abzufedern: Produktionsstandorte in mehreren Ländern, spezialisierte Finanzabteilungen oder komplexe Absicherungsgeschäfte.
«Exportorientierte KMU produzieren in der Schweiz, beschäftigen hier Mitarbeitende und bilden Lernende aus. Sie sind den Wechselkursschwankungen unmittelbar ausgesetzt.»
Industrie-KMU hingegen haben diese Möglichkeiten oft nicht. Sie produzieren in der Schweiz, beschäftigen Mitarbeitende in der Schweiz, bilden hier Lernende aus und tragen ihre Kosten in Franken. Entsprechend sind sie den Wechselkursschwankungen unmittelbar ausgesetzt.
Kommt es zu einer starken Aufwertung des Frankens, bleiben ihnen nur wenige Optionen: geringere Margen in Kauf nehmen, Preise erhöhen und Marktanteile riskieren, Investitionen aufschieben oder im schlimmsten Fall eine teilweise Verlagerung der Produktion ins Ausland prüfen.
Das ist nicht nur ein unternehmerisches Problem, sondern betrifft Arbeitsplätze, Berufsbildung, industrielle Souveränität und letztlich den Wohlstand unseres Landes.
Der Swiss Export Shield: eine Versicherung, keine Subvention
Vor diesem Hintergrund könnte ein Swiss Export Shield geschaffen werden. Das wäre ein Mechanismus nach dem Vorbild der SERV, der Schweizerischen Exportrisikoversicherung.
Seit vielen Jahren unterstützt die SERV Schweizer Exporteure dabei, sich gegen kommerzielle und politische Risiken abzusichern, etwa wenn ein ausländischer Kunde seine Rechnung nicht bezahlt. Der Swiss Export Shield würde dieselbe Logik auf das Wechselkursrisiko anwenden.
Finanzierung über Prämien
Dabei ginge es weder um ein Geschenk an Unternehmen noch um einen Eingriff in den Devisenmarkt. Vielmehr wäre der Swiss Export Shield eine Versicherung, die von den Unternehmen selbst über Prämien finanziert würde. Seine Aufgabe wäre einfach: als monetärer Airbag zu wirken.
Ein Airbag verhindert keinen Unfall, aber er dämpft die Folgen, wenn der Aufprall heftig ist. Nach demselben Prinzip würde der Swiss Export Shield funktionieren: Normale Wechselkursschwankungen blieben in der Verantwortung der Unternehmen. Erst wenn sich der Franken über einen vordefinierten Schwellenwert hinaus aussergewöhnlich stark aufwertet, griffe der Mechanismus.
Schutz nur gegen Schocks, nicht gegen normale Wechselkursbewegungen
Konkret könnten Industrieunternehmen mit einer bedeutenden Wertschöpfung in der Schweiz 50 bis 70 Prozent ihrer Exporterlöse in Euro oder Dollar für einen Zeitraum von zwölf Monaten absichern. Dafür würden sie eine jährliche Versicherungsprämie entrichten.
Ein Selbstbehalt würde sicherstellen, dass nur aussergewöhnliche Währungsschocks gedeckt sind. Im Schadensfall würde ein Teil der Wechselkursverluste kompensiert, um Rentabilität, Arbeitsplätze, Investitionen und die Produktion in der Schweiz zu sichern.
Die Unabhängigkeit der SNB wahren
Der Swiss Export Shield müsste so ausgestaltet werden, dass die Unabhängigkeit der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vollständig gewahrt bleibt. Die SNB würde weder das System finanzieren noch verwalten.
Verwaltet würde das Instrument von einer unabhängigen öffentlichen Institution nach dem Vorbild der SERV. Finanziert würde es in erster Linie durch die Prämien der teilnehmenden Unternehmen sowie durch einen Reservefonds. Eine begrenzte Garantie des Bundes käme nur in ausserordentlichen Krisensituationen zum Tragen und würde als Sicherheitsnetz dienen – nicht als laufende Staatsausgabe.
Diese Architektur ist entscheidend: Sie ermöglicht die Unterstützung der Exporteure, ohne die Geldpolitik in Industriepolitik zu verwandeln.
Den Markt ergänzen, nicht ersetzen
Bereits heute bieten Banken Absicherungsinstrumente wie Termingeschäfte oder Optionen an. Für viele KMU sind diese Lösungen jedoch komplex, kostspielig oder nicht auf ihre operativen Bedürfnisse zugeschnitten. Der Swiss Export Shield würde den privaten Markt daher nicht ersetzen, sondern durch eine einfache, standardisierte und leicht zugängliche Lösung ergänzen.
Sein Ziel wäre es, exportorientierten KMU mehr Planungssicherheit zu geben. Ein Unternehmen, das weiss, dass es gegen extreme Wechselkursschocks zumindest teilweise geschützt ist, kann mit grösserem Vertrauen investieren, Mitarbeitende einstellen, Lernende ausbilden und in der Schweiz produzieren.
KMU schützen – die industrielle Zukunft der Schweiz sichern
KMU bilden das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Sie schaffen qualifizierte Arbeitsplätze, bilden Lernende aus, treiben Innovationen voran, exportieren ihre Produkte und sichern die wirtschaftliche Vitalität ganzer Regionen. Sie vor extremen Währungsschocks zu schützen, bedeutet nicht, sie vor Wettbewerb abzuschirmen. Es bedeutet, ihnen faire Wettbewerbsbedingungen zu gewährleisten.
Der Swiss Export Shield schützt Unternehmen nicht vor dem Markt. Er schützt die Schweiz vor dem schleichenden Verlust ihrer industriellen Substanz.
In einer Welt, die von geopolitischen Spannungen, fragilen Lieferketten und intensivem internationalem Wettbewerb geprägt ist, ist eine starke industrielle Basis kein Luxus, sondern eine strategische Notwendigkeit.
«In der Welt von heute ist eine starke industrielle Basis kein Luxus, sondern eine strategische Notwendigkeit.»
Die Schweiz hat mit der SERV ein wirksames Instrument geschaffen, um ihre Exporteure gegen kommerzielle Risiken abzusichern. Heute braucht sie ein ergänzendes Instrument, um die heftigsten Währungsschocks abzufedern.
Ein Swiss Export Shield – von den Unternehmen finanziert, unabhängig von der SNB und gezielt auf KMU ausgerichtet, die in der Schweiz produzieren – wäre ein pragmatisches, verantwortungsvolles und zutiefst schweizerisches Instrument.
Nabil Francis ist seit Juni 2021 CEO und seit Juni 2026 auch Präsident des Verwaltungsrats von Felco. Bevor er zu Felco stiess, hatte er verschiedene Leitungspositionen in der internationalen Baustoff- und Zementindustrie inne, u.a. bei Italcementi Group, Heidelberg Cement und CRH.
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