Seit drei Jahrzehnten erste Ansprechpartnerin der Weltelite

Von Christoph Ammann 

Sie kommt etwas atemlos zum Treffen. Eben war Sylvie Gonin noch in einem Video Call mit einem interessanten Gast. «Ein 90-jähriger Japaner, der regelmässig bei uns absteigt», erzählt sie. «Wir haben seinen Aufenthalt minutiös besprochen und noch etwas geplaudert.»     

Mit den roten Locken und dem charmantesten aller Lächeln fällt Sylvie sofort auf: Die 56-Jährige ist Chef-Concierge im Luxushotel Beau-Rivage Palace in Lausanne – seit mehr als drei Jahrzehnten! Hinter dem Desk beim Hoteleingang erwartete man früher gestandene Männer, doch mittlerweile fühlen sich dort auch Frauen am richtigen Platz, selbst jüngere.

Weibliche Vorkämpferin hinter dem Desk

Die  Waadtländerin erzählt: «Als ich im Januar 1995 meinen Job antrat, war ich eine der raren weiblichen Concierges. Es ging  auch darum, das etwas angestaubte Berufsbild aufzufrischen.» Gonin hatte die Schule für Hotel-Sekretärinnen besucht, im Beau-Rivage als Praktikantin und später an der Reception und in der Reservation gearbeitet. Nach einem Intermezzo in Montreux kehrte sie nach Lausanne zurück und blieb: «Ich war Mitte 20 und wollte eigentlich die Welt entdecken. Nun bin ich immer noch am Genfersee, dafür kommen Gäste aus aller Welt zu mir.»

«Nur wer unsere Werte lebt und mit Herzblut dabei ist, besteht im Beau-Rivage.»

Der Entscheid, die Stellung im BeauRivage dauerhaft zu halten, sei Herzensssache, betont Gonin: «Unser Haus ist eine Bubble in Lausanne, Lausanne eine Bubble in der Schweiz und die Schweiz eine Bubble in der Welt. Ich bin glücklich, hier zu sein.» Die Romande ist Chefin eines 17-köpfigen Teams mit Concierge-Kollegen, Chauffeuren, Türstehern, Pagen und Angestellten, die sich um die Autos der Gäste kümmern. «Nur wer die Werte unseres Hauses lebt und mit Herzblut dabei ist, besteht im Beau-Rivage.»

Flaggschiff am Genfersee

Das Fünf-Sterne-Superior-Hotel an einmaliger Lage am Genfersee ist nicht nur das Flaggschiff der Sandoz-Stiftung, es gehört auch zu den absoluten Top-Adressen der Schweizer Hotelszene und erreicht in den diversen Rankings zuverlässig Spitzenplätze. Mitarbeitende kümmern sich um die internationalen Gäste, die in den beiden Hotelflügeln in 168 Zimmern und Suiten residieren. Nicht nur die Unterkunft schlägt auf der Rechnung ordentlich zu Buche, auch die Nebenkosten sind selbst für Schweizer Verhältnisse hoch: Ein Espresso in der Lounge kostet 8.50 Franken, für zwei Spiegeleier beim Frühstück berechnet das Hotel 22 Franken. 

«Wir müssen die Aufgabe der Concierges neu denken und einen unersetzlichen Mehrwert schaffen.»

Im Prinzip sind heute alle Infos zu einem Hotelaufenthalt digital abrufbar; die sogenannte Guest Journey lässt grüssen. «Deshalb müssen wir die Aufgabe der Concierges neu denken und einen unersetzlichen Mehrwert schaffen», sagt Sylvie Gonin. «Das funktioniert über den persönlichen Kontakt zu den Gästen.»

Als Concierge ist sie  Auskunftsperson für alle Belange im Hotel, Ratgeberin der Touristen unter den Gästen, aber auch Bezugsperson. «Viele Leute haben heute Mühe, ins Gespräch zu kommen. Jeder starrt nur noch auf sein Handy», konstatiert Sylvie. «Ich interagiere sehr gerne, manchmal nur mit einem Lächeln oder einer netten Geste.»

Als man im Beau-Rivage Palace die Zimmerschlüssel durch Karten ersetzen wollte, wehrte sie sich energisch. Das Schlüsselbrett blieb und damit die einfachste Möglichkeit, mit der Kundschaft, die den Schlüssel abgibt oder holt, ins Gespräch zu kommen.

Beruflich in einer Traumwelt

Madame Gonin will sich stetig weiterentwickeln: «Wenn ich abends nach Hause fahre, frage ich mich: Was hast du heute gelernt?» Privat liebt die Tochter einer Lehrerin und eines Landwirts Musik, Kunst und die Natur. «Ich weiss sehr wohl, dass ich beruflich in einer Welt unterwegs bin, von der viele Menschen nur träumen. Aber ich kenne meine Wurzeln und bleibe immer auf dem Boden.»

«Ich weiss sehr wohl, dass ich beruflich in einer Welt unterwegs bin, von der viele Menschen nur träumen.»

Diskretion ist im Beau-Rivage oberstes Gebot. Dass aber im zweiflügeligen Palast am Genfersee hochrangige Politiker und VIP's aller Sparten verkehren, bleibt kein Geheimnis. In den 165 Jahren seit der Gründung fanden hier ein Dutzend Konferenzen statt, die international in die Geschichte eingingen. «Am meisten Leute belagerten aber das Haus, als 2008 die niederländische Nationalmannschaft bei uns ihr Basecamp für die Euro in der Schweiz und in Österreich aufschlugen.» 

«Von den vielen Berühmtheiten sind mir Nelson Mandela und der Dalai Lama in besonderer Erinnerung geblieben», sagt Sylvie Gonin. «Bei dieser Art von Persönlichkeiten spürt man sofort die Aura, wenn sie durch die Türe kommen.» Sie hat am Concierge-Desk mit Phil Collins oder andern VIPS geplaudert, und manchmal hat sie Zeit für einen Kaffee mit Gästen: «Ein arabischer Multimilliardär verriet mir, drei Tage im Beau-Rivage Palace seien für ihn mehr Erholung als zwei Wochen auf seiner Privatyacht.»