Bankenregulierung – wie viel Regulierung ist genug?
Am 16. März lädt der Finance Circle zur Diskussion über die vom Bundesrat vorgeschlagenen Reformen der Bankenregulierung ein. Die Veranstaltung der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und des Zürcher Bankenverbandes widmet sich der Bankregulierungsdebatte. Während international mit Basel III und IV bereits ein enger Rahmen gilt, will der Bundesrat die Schweizer Bankenregulierung weiter verschärfen, doch ob dies die Finanzstabilität tatsächlich erhöht oder neue Risiken für den Standort schafft, ist laut Experten umstritten.
Referentin Suzanne Ziegler, Leiterin Abteilung Banking, Finance, Insurance der ZHAW School of Management and Law, sowie Christian Bretscher, Geschäftsführer des Zürcher Bankenverbands, geben vorab Einblicke in ihre Einschätzungen.
Mehr Regulierung – mehr Stabilität?
In einem Punkt sind sich beide einig: Mehr Eigenkapital allein macht das System nicht automatisch stabiler. Bretscher verweist auf die Ursachen der CS-Krise: «Nicht zu tiefe Kapitalanforderungen waren das Problem, sondern die weitreichenden Konzessionen, welche die Finma über Jahre gewährt hatte.» Statt neue Vorschriften zu erlassen, müsse man zunächst die bestehenden konsequent durchsetzen.
Ziegler argumentiert aus historischer Perspektive ähnlich. Die Erfahrung der letzten hundert Jahre zeige, dass regulatorische Verschärfungen nach einer Krise die nächste nicht verhindern konnten. Zudem seien Bankenkrisen seit den 1990er-Jahren selten mit den vorgesehenen Instrumenten gelöst worden, sondern mit Sondermassnahmen.
Für die Mehrheit kein Regulierungsbedarf
Ziegler anerkennt, dass Mindestvorgaben für Eigenkapital und Liquidität grundsätzlich geeignet sind, um Banken widerstandsfähiger zu machen. Sie korrigierten den inhärenten Anreiz, Risiken tendenziell zu unterschätzen. Das Instrumentarium ist aber aus ihrer Sicht eher zu ergänzen. Der Fokus auf Eigenmittelverschärfungen greife zu kurz.
Bretscher plädiert für gezielte Anpassungen statt pauschaler Verschärfungen. Instrumente, die konkret festgestellte Mängel aus der CS-Krise beheben, erachtet er als sinnvoll. Eine generelle Einengung des gesamten Regulierungsrahmens für alle Banken lehnt er hingegen ab: «Für die Mehrheit der Institute, die kaum systemische Relevanz hätten, bestehe kein zusätzlicher Regulierungsbedarf.» Zudem sieht er rechtsstaatliche Fragen berührt, etwa durch erweiterte Kompetenzen der Finma. Eine umfassende Beurteilung des Gesamtpakets sei daher zwingend.
Unerwünschte Nebeneffekte
Einigkeit besteht darin, dass selbst deutlich höhere Eigenkapitalquoten Risiken wie Liquiditätsstress, Vertrauensverlust oder operationelle Schwächen nicht eliminieren. Für Ziegler liegt das grösste nicht regulierbare Risiko im menschlichen Verhalten. «Jede Regulierung hat neben dem angestrebten Effekt auch unerwünschte Nebeneffekte», warnt sie. Je dichter das regulatorische Netz, desto mehr Anreize entstünden für regulatorische Arbitrage. Risiken verschwänden nicht, sie verlagerten sich.
Bretscher betont ebenfalls, dass der verantwortungsvolle Umgang mit Risiken Kern des Bankgeschäfts sei. Die Aufsicht müsse sicherstellen, dass bestehende Vorschriften eingehalten werden, genau hier habe es im Fall CS gemangelt. Statt immer neue Vorschriften zu schaffen, müsse man zunächst die bestehenden konsequent anwenden.
Folgen für UBS und Finanzplatz
Kritisch beurteilen beide die möglichen Auswirkungen auf die UBS und den Finanzplatz. Ziegler bezweifelt, dass höhere Kapitalanforderungen die Wahrscheinlichkeit einer künftigen Krise wesentlich senken. Gleichzeitig könnten strengere Vorgaben die internationale Wettbewerbsfähigkeit einschränken und Anreize schaffen, in potenziell risikoreichere Geschäftsfelder auszuweichen, um die höheren Regulierungskosten mit zusätzlichen Erträgen zu kompensieren. «Damit wird die Stabilität im Endeffekt nicht erhöht.»
Auch Bretscher sieht die vorgeschlagenen Anpassungen kritisch. Eine massive Verschärfung würde die letzte Schweizer Grossbank im internationalen Wettbewerb fundamental schwächen. Darüber hinaus würde das Auslandsgeschäft für alle Banken verteuert. Höhere Kosten müssten überwälzt oder Dienstleistungen eingeschränkt werden. Das hätte nachhaltige Folgen für Investitionen, Innovation und die Realwirtschaft.
Wo liegt der mögliche Kompromiss?
Ziegler sieht den zentralen Hebel weniger bei quantitativen Kapitalvorgaben als bei Führung, Governance und Risikokultur. Die meisten Krisenfälle der letzten Jahrzehnte seien durch mangelndes Risikobewusstsein oder Fehleinschätzungen entstanden. Entscheidend sei, wie Risiken gemanagt würden. «Banking ist und bleibt ein Risikogeschäft», sagt sie. «Entscheidend sei, dass Risikomanagement auf oberster Ebene verankert und vom Verwaltungsrat konsequent überwacht werde.» Geschäftsmodelle, in denen Business und Risikomanagement zu eng verzahnt sind, sollten der Vergangenheit angehören.
Bretscher fordert ein ausgewogenes Paket, das gezielt die in der CS-Analyse identifizierten Probleme behebt. «Alles, was darüber hinausgehe, müsse aus dem Paket gestrichen werden.» Einen tragfähigen Mittelweg zu finden, sei nun Aufgabe des Parlaments. Er vertraue darauf, dass eine Lösung gefunden werde, «die der Schweiz langfristig mehr nützt als schadet».
Finance Circle
Die Frage sei also weniger, ob Finanzstabilität wichtig ist. Sondern mit welchen Instrumenten und in welchem Ausmass sie am effektivsten erreicht wird. Mehr Kapital kann Puffer schaffen, doch es ersetzt weder eine konsequente Aufsicht noch eine gelebte Risikokultur auf oberster Führungsebene. Gleichzeitig sind die potenziellen Auswirkungen auf Wettbewerbsfähigkeit und Standortattraktivität nicht von der Hand zu weisen. Ob die Schweiz einen regulatorischen Sonderweg einschlägt oder einen ausgewogenen Kompromiss findet, wird für den gesamten Finanzplatz richtungsweisend sein.
Erfahren Sie mehr am Finance Circle vom 16. März mehr über die Zukunft der Bankenregulierung und die Frage, wie sich Finanzstabilität und Wettbewerbsfähigkeit in Einklang bringen lassen. Neben Professor Ziegler sprechen Roman Studer, CEO der Schweizerische Bankiervereinigung und Simon Rahn, Partner bei Rahn+Bodmer Co.
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