KI im Wealth Management: Von Zug nach Europa

In einem Industriequartier nahe Zug: Der Hauptsitz von Logol wirkt wie eine Mischung aus Softwarefirma und Labor. Das Büro in Steinhausen ist hell, ruhig und auffallend aufgeräumt. Keine Startup-Poster, kein Durcheinander. Glaswände und Schreibtische erscheinen beinahe unberührt.

Wir treffen den Gründer der Firma Marco Farina. Er ist CEO, Triathlet und ausgezeichneter Microsoft-Insider. Im Gespräch strahlt er die kultivierte Gelassenheit und Eleganz Norditaliens aus, wo er aufgewachsen ist. Sein Geschäft dreht sich um Cloud-Software und künstliche Intelligenz. Sein Ausgangspunkt ist dabei allerdings analog: Ordnung und Ausdauer.

Ein Unternehmer mit Langstrecken-Mentalität

Farina bewegt sich in der sportlichen Geschmeidigkeit eines Mannes, der täglich trainiert. Und das tut er auch. Ausdauersport strukturiert seinen Alltag. «Ich renne, ich fahre Rad, ich schwimme», sagt er. Für Partys habe er wenig übrig: «Chaos oder Partys mag ich nicht.»

Farina steht hinter einer bislang nur wenigen bekannten Erfolgsgeschichten im Schweizer Legal-Tech- und Fintech-Umfeld. Logol wurde 2017 gegründet und nahm 2018 den operativen Betrieb auf. Seither ist das Unternehmen von vier auf rund fünfzig Mitarbeitende gewachsen. Standorte bestehen in Steinhausen, Lugano, in der Westschweiz und seit kurzem in Köln.

Im Vorstand der Swiss LegalTech Association

Marco Farina studierte Informatik am Politecnico di Milano und absolvierte dort später ein Executive MBA. Seine berufliche Laufbahn begann er in Technologie- und Beratungsfunktionen, unter anderem bei Accenture. In der Schweiz verantwortete er später Digitalisierungs- und Transformationprojekte im Finanzumfeld, leitete Cloud-Migrationen und entwickelte datengetriebene Systeme für das Wealth Management.

Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit engagiert sich Farina im Vorstand der Swiss LegalTech Association und doziert zu Themen wie künstliche Intelligenz, Big Data und Robotic Process Automation.

MVP für KI

Besonders hervorzuheben ist seine Auszeichnung als Microsoft Most Valuable Professional (MVP) für Artificial Intelligence. Damit gehört er zu einem exklusiven Kreis von nur wenigen hundert KI-Experten weltweit, die sich jährlich am Microsoft-Hauptsitz in Redmond treffen. 2025 wurde Farina zudem von der AMBA, dem Verband der weltweit führenden Business Schools, in London zum «Entrepreneur of the Year» erkoren.

Seine strukturierte Denkweise prägt auch seinen technologischen Ansatz. Während in der Finanzbranche intensiv über KI-Modelle diskutiert wird, richtet Farina den Blick auf etwas Grundlegenderes: Prozesse.

Von der Beratung zur eigenen Plattform

Logol begann nicht mit eigenen Produkten, sondern als Dienstleistungsunternehmen. «Die erste Phase waren nicht Produkte, sondern Beratung», erinnert sich Farina. Das junge Unternehmen beriet Kanzleien bei Cloud-Migrationen und Digitalisierungsprojekten innerhalb des Microsoft-Ökosystems.

Der Wendepunkt kam im Rahmen eines Migrationsprojekts für eine Anwaltskanzlei. «Bei diesem Projekt mussten wir ihr Enterprise-Resource-Planning-(ERP)-System migrieren.» Was er dort sah, überzeugte ihn, dass schrittweise Optimierungen nicht ausreichen würden. «Wir schrieben das Jahr 2020, und es wurde mir klar, dass man mit dieser Art von Lösung nicht zukunftsfähig war.»

Statt bestehende Drittanbieter-Lösungen zu integrieren, entschied sich Farina für einen radikaleren Ansatz: «Warum entwickeln wir nicht eine spezifische Business-Application für die Branche, anstatt Drittparteien-Technologie bei Kunden zu installieren?»

Integriertes ERP und DMS für die Juristerei

Das Resultat war ELLE, Logols erste eigene Plattform – von Farina beschrieben als «integriertes ERP und DMS für den juristischen Sektor.» Im Kern verbindet die Lösung operative Geschäftsprozesse mit einem strukturierten Dokumentenmanagementsystem (DMS) in einer einheitlichen, regulierungskonformen Umgebung.

Im Unterschied zu vielen Legal-Tech-Tools, die einzelne Funktionen wie Dokumentenerstellung oder Zeiterfassung ermöglichen, versteht sich ELLE als durchgängige operative Schicht: Mandatsführung, Dokumentenmanagement, Fakturierung, Workflow-Steuerung und Compliance-Logik in einem einzigen System.

«Wir bewegen uns zu 100 Prozent auf der Microsoft-Plattform», ergänzt Farina. Juristen arbeiten ohnehin mit Outlook, Teams und SharePoint. Ziel sei es nicht gewesen, diese Umgebung zu ersetzen, sondern die wesentlichen Funktionen strukturell einzubetten.

Komplexität im Wealth Management

Die Expansion in den Finanzbereich folgte im vergangenen Jahr. Die inhaltliche Nähe war von Beginn an gegeben. «Der Rechtssektor und die Finanzindustrie waren von Anfang an zwei mögliche Ziele», sagt Farina rückblickend.

Allerdings: Gegenüber der bereits ausgeprägten Fragmentierung im Rechtsumfeld wird es im Wealth Management erst recht herausfordernd. Portfoliodaten liegen bei Depotbanken, Buchhaltungssysteme laufen separat, Reporting-Tools sind vom operativen Tagesgeschäft entkoppelt.

Logols Antwort darauf heisst EFFE, «ein integriertes ERP und DMS für den Finanzsektor». Die Struktur lehnt sich an ELLE an, erweitert diese jedoch um Portfolio-Intelligenz. EFFE deckt Mandatsadministration, Zeiterfassung, Fakturierung und Dokumentenmanagement ab und führt anschliessend Datenakquisition, Abstimmung und Bewertung zusammen.

Aggregation ist entscheidend

Im Kern steht die Aggregation. «Das zusätzliche EFFE-Modul richtet sich an Wealth Manager, insbesondere bei der Datenakquisition.» Bankdaten werden konsolidiert, Positionen abgeglichen, Performance und Risiken berechnet. Das Ziel bleibt bewusst pragmatisch formuliert: «Jederzeit zu wissen, wie viel mein Portfolio wert ist.»

Für Family Offices und Treuhänder mit mehreren Banken und Anlageklassen erfordert die Beantwortung dieser Frage häufig mehrere voneinander getrennte Systeme. EFFE soll sie in einer einheitlichen Microsoft-Umgebung beantworten.

Einer der ersten Kunden ist die in Luxemburg ansässige Lagfin, Ankeraktionärin der Campari-Gruppe. Im vergangenen September gaben beide Unternehmen eine strategische Zusammenarbeit bekannt, in deren Rahmen Lagfin eine Minderheitsbeteiligung an Logol erwarb.

KI als Architektur, nicht als Zusatzmodul

Sowohl ELLE als auch EFFE folgen demselben Prinzip: Künstliche Intelligenz ist kein separates Add-on, sondern Bestandteil einer integrierten Prozessarchitektur.

Farina begegnet isolierten KI-Tools mit Skepsis. «Manche Mitbewerber haben sehr gute Tools», sagt er. Das Problem sei jedoch der Umfang: «Das Tool beherrscht nur einen spezifischen Bereich der Kundenbedürfnisse.»

Compliant, nachvollziehbar und prüfbar

In regulierten Beratungsumfeldern ist diese Begrenzung entscheidend. Juristische wie finanzielle Abläufe sind Prozessketten, keine isolierten Einzelschritte. Ein durch KI erstelltes Dokument muss compliant archiviert werden. Analysierte Portfoliodaten müssen nachvollziehbar und prüfbar sein.

«Wenn man die Daten integrieren muss, verliert man Zeit.» Für Farina liegt hier die eigentliche Hürde der KI-Adaption. «Wenn es schon vorher ein Chaos war, bleibt es auch mit KI ein Chaos.»

Grossteil der operativen Prozesse abdecken

Die Konsequenz ist architektonischer Natur. Logols Plattformen sind darauf ausgelegt, den Grossteil der operativen Prozesse abzudecken. «Wenn wir mit unserer Lösung nicht 80 Prozent der Bedürfnisse des Kunden abdecken können, sind wir nicht wettbewerbsfähig.»

Erst auf einer soliden Grundlage werde die nächste Stufe sinnvoll, so Farina: sogenannte agentic AI – autonome Systeme, die nicht nur assistieren, sondern prozessübergreifend selbständig Aufgaben ausführen.

Einsatz von KI-Agenten

Solche Agenten kommen bereits zum Einsatz. Ein Kunde von Logol verwaltet Immobilienanlagen in mehreren Ländern. Die Daten stammen von unterschiedlichen Property Managern, in verschiedenen Formaten und Strukturen. «Sie haben Immobilien-Assets über die Welt verstreut und erhalten die Daten von ihren Property Managern natürlich in unterschiedlicher Struktur», erklärt Farina.

Der KI-Agent sammelt diese heterogenen Informationen, vereinheitlicht sie und überführt sie direkt in EFFE. «Das Tool sammelt diese Informationen, aggregiert sie und stellt sie innerhalb von EFFE zur Verfügung.»

Damit wird KI Teil der operativen Infrastruktur. Sie bereitet Daten vor und führt Abgleiche durch, bevor Menschen erstmals darauf zugreifen.

Von der Schweiz nach Europa

Logols Ambitionen reichen inzwischen über den Heimmarkt hinaus. Die Mehrsprachigkeit der Schweiz diente als Testfeld. «In der Schweiz muss man ab Tag 1 dreisprachig operieren», sagt Farina.

Der nächste Schritt ist die Expansion nach Europa. Deutschland bildet mit dem neuen Standort in Köln den Auftakt, gefolgt von Frankreich und Grossbritannien.

Strukturelle Reife statt klassische Skalierungslogik

Für Farina ist dabei nicht die Mitarbeiterzahl entscheidend. Das Tempo technologischer Entwicklungen – insbesondere im Bereich der KI – macht klassische Skalierungslogiken unsicher. Entscheidend sei vielmehr strukturelle Reife.

Wenn seine Analyse zutrifft, entsteht der Wettbewerbsvorteil in regulierten Branchen nicht durch den blossen Zugang zu KI-Modellen, sondern durch Umgebungen, in denen diese Modelle kohärent und rechtssicher operieren können.

Farina lässt seinen Blick über das winterliche Licht der Zuger Landschaft schweifen. Ein kurzer, fokussierter Blick, wie vor einem langen Lauf. Die nächste Etappe seines unternehmerischen Triathlons führt über die Schweiz hinaus.