Setzen Schweizer Anleger zu stark auf den Heimmarkt?


In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Schweizer Anleger vertrauen traditionell stark auf den Heimmarkt. Das ist nachvollziehbar: Die Schweiz steht für Stabilität, Rechtssicherheit, eine starke Währung und Unternehmen von Weltformat. Doch genau diese Vertrautheit kann zur Falle werden. Viele Portfolios sind deutlich stärker auf die Schweiz ausgerichtet, als es auf den ersten Blick scheint.

Ein Vorgeschmack darauf zeigte sich im August 2025. Die USA verhängten Zölle von 39 Prozent auf Schweizer Exporte. Der SMI verlor daraufhin an nur einem Handelstag fast 2 Prozent. Nach monatelangen Verhandlungen und der Zusage der Schweiz, mindestens 200 Milliarden Dollar in den USA zu investieren, wurde der Zollsatz auf 15 Prozent reduziert.

«Schweizer Anleger profitieren von einem der stabilsten Finanzplätze der Welt. Doch Stabilität ersetzt keine Streuung.»

Die Episode war rasch verdaut. Die dahinterliegende Frage bleibt jedoch: Wie robust sind Schweizer Portfolios wirklich, wenn externe Schocks den Heimmarkt treffen?

Vertrautheit ist keine Diversifikation

Schweizer Anleger profitieren von einem der stabilsten Finanzplätze der Welt. Doch Stabilität ersetzt keine Streuung.

Pensionskassen in der Schweiz halten im Durchschnitt zwischen 33 und 40 Prozent ihrer Aktienanlagen in Schweizer Titeln. Würde sich diese Gewichtung am Anteil der Schweiz an den globalen Aktienmärkten orientieren, läge sie eher bei rund 2 Prozent. Hinzu kommen Erwerbseinkommen in der Schweiz, Immobilienbesitz, Obligationen und weitere Vermögenswerte, die häufig ebenfalls stark vom heimischen Umfeld abhängen.

So entsteht ein Konzentrationsrisiko, das im Alltag kaum auffällt. In Stressphasen kann es jedoch entscheidend werden.

Auch der Schweizer Aktienmarkt selbst ist weniger breit abgestützt, als viele Investoren annehmen. Ende 2024 entfiel fast die Hälfte des Swiss Market Index auf nur drei Unternehmen: Nestlé, Novartis und Roche. Im MSCI Switzerland machten diese drei Titel immer noch rund 38 Prozent der Marktkapitalisierung aus.

Ein Schweizer Aktienindex mag auf dem Papier diversifiziert erscheinen. In der Praxis hängt seine Entwicklung jedoch stark von wenigen Schwergewichten ab.

Das Problem ist nicht nur schweizerisch

Diese Entwicklung ist kein Sonderfall. Auch in den USA ist die Marktkonzentration deutlich gestiegen. Die zehn grössten Unternehmen machen inzwischen rund 41 Prozent des S&P 500 aus – ein Niveau, das seit der Dotcom-Blase nicht mehr erreicht wurde.

Für Anleger bedeutet das: Wer einfach vom Schweizer Markt in US-Aktien umschichtet, diversifiziert nicht automatisch. Unter Umständen ersetzt er nur drei Schweizer Schwergewichte durch eine Handvoll amerikanischer Technologiekonzerne.

«Auslandumsätze sind nicht dasselbe wie internationale Diversifikation.»

Die geografische Streuung verbessert sich zwar. Das Konzentrationsproblem bleibt aber bestehen.

Globale Schweizer Konzerne reichen nicht aus

Ein häufiges Argument lautet: Schweizer Blue Chips seien ohnehin global aufgestellt. Nestlé, Novartis oder Roche erzielen einen grossen Teil ihrer Umsätze im Ausland. Warum also zusätzlich international investieren?

Die Antwort: Auslandumsätze sind nicht dasselbe wie internationale Diversifikation.

Eine Schweizer Aktie bleibt eine Schweizer Aktie. Sie ist in der Schweiz kotiert, wird stark vom Schweizer Marktumfeld geprägt und ist denselben regulatorischen, währungsbezogenen und indexspezifischen Dynamiken ausgesetzt wie andere Schweizer Titel. Globale Umsätze können das Risiko abfedern. Sie ersetzen aber keine direkte Anlage in unterschiedliche Märkte, Regionen und Wirtschaftszyklen.

Gerade darin liegt der Wert echter Diversifikation: Nicht alle Volkswirtschaften bewegen sich im gleichen Takt. Märkte wie Japan, Indien oder Brasilien folgen teilweise anderen Treibern als die Schweiz, Europa oder die USA. Sie reagieren unterschiedlich auf Zinsen, Währungen, Rohstoffpreise oder politische Entwicklungen.

Für Schweizer Anleger kann das helfen, die Abhängigkeit vom Heimmarkt zu reduzieren.

Diversifikation braucht mehr als Auslandaktien

Doch geografische Streuung allein genügt nicht. Viele globale Aktienindizes sind selbst stark konzentriert. Wer international investiert, sollte deshalb nicht nur auf Länder achten, sondern auch auf Sektoren, Währungen, Renditequellen und Anlageklassen.
Hier gewinnen Privatmärkte an Bedeutung. Private Equity, Private Credit, Infrastruktur und Immobilien können Portfolios breiter abstützen, weil sie nicht täglich an der Börse gehandelt werden und ihre Wertentwicklung stärker von langfristigen Fundamentaldaten abhängt.

Grosse internationale Stiftungsfonds, etwa jene von Yale oder Harvard, setzen seit Jahrzehnten auf eine Mischung aus kotierten Anlagen und alternativen Anlageklassen. Der Grund ist einfach: Unterschiedliche Renditequellen können helfen, Portfolios widerstandsfähiger zu machen.

«Für Schweizer Anleger heisst das: Nicht weniger Qualität ist gefragt, sondern mehr Breite.»

Für Schweizer Investoren ist dieser Punkt besonders relevant. Der heimische Markt ist stark von wenigen grossen Konzernen und bestimmten Sektoren geprägt. Privatmarktanlagen können Zugang zu Bereichen eröffnen, die an der Schweizer Börse kaum vertreten sind – etwa Infrastruktur, spezialisierte Kreditstrategien, wachstumsstarke Unternehmen oder internationale Immobiliensegmente.

Die Schweiz bleibt stark, aber sie reicht nicht allein

Die Schweiz bleibt ein aussergewöhnlich stabiler und attraktiver Markt. Genau deshalb bildet sie für viele Anleger eine solide Grundlage. Doch eine solide Grundlage ist nicht dasselbe wie ein vollständiges Portfolio.

Kein einzelner Markt kann dauerhaft alle Aufgaben erfüllen: Schutz vor externen Schocks, reale Renditen, breite Risikostreuung und eine geringe Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen oder Sektoren. Auch die Schweiz nicht.
Für Schweizer Anleger heisst das: Nicht weniger Qualität ist gefragt, sondern mehr Breite. Wer sein Portfolio geografisch, sektoral und über verschiedene Anlageklassen hinweg diversifiziert, ist besser vorbereitet, wenn die Märkte anspruchsvoller werden.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Schweizer Anleger ihrem Heimmarkt vertrauen dürfen. Das dürfen sie. Die wichtigere Frage ist, ob sie ihm zu viel zutrauen.


Wassim Jomaa ist CIO bei Petiole Asset Management.