Alicia Daurignac: «Attraktive Schnittstelle zwischen Mobilfunk und Raumfahrt»

Satelliten entwickeln sich von einer Nischenlösung zur zentralen Infrastruktur der globalen Kommunikation. Technologische Fortschritte, sinkende Startkosten und neue Anwendungen treiben die Dynamik der sogenannten Space Economy. Fondsmanagerin Alicia Daurignac von La Financière de l’Échiquier (LFDE) ordnet die Entwicklung ein und zeigt, wo sich daraus Chancen für Investoren ergeben.


Frau Daurignac, Sie sprechen von einer Revolution in Telekommunikation und Raumfahrt. Was verändert sich derzeit konkret?

Da unser Bedarf, jederzeit und überall verbunden zu sein, stetig wächst – insbesondere beim Reisen mit Zug, Flugzeug oder Schiff – stossen klassische terrestrische Netze zunehmend an ihre Grenzen. Das führt dazu, dass Satelliten an Bedeutung gewinnen.

Heute befindet sich ihr Einsatz noch in einem frühen Stadium und beschränkt sich vor allem auf schwer zugängliche Regionen, abgelegene Infrastruktur oder Notfallsituationen. Mit dem technologischen Fortschritt und dem Aufkommen von 6G werden Satelliten jedoch zunehmend zu einem festen Bestandteil der Netzinfrastruktur – und nicht mehr nur als Backup-Lösung dienen.

Dieser Wandel wird die gesamte Wertschöpfungskette im Satellitenmarkt grundlegend verändern – von den Herstellern bis hin zu den Telekommunikationsanbietern.

Warum ist die Satellitenkommunikation derzeit so wichtig für die Raumfahrtindustrie?

Satelliten-Kommunikation hat sich zu einem der stärksten Wachstumstreiber innerhalb der Raumfahrtindustrie entwickelt. Der globale Markt wird auf über 20 Milliarden US-Dollar geschätzt und dürfte bis 2034 jährlich um rund 20 Prozent wachsen. Für Investoren eröffnen sich daraus substanzielle Chancen, getrieben von zwei zentralen Entwicklungen.

«Der Aufschwung der Branche ist vor allem auf deutlich gesunkene Startkosten zurückzuführen.»

Der erste Treiber ist die stark steigende Nachfrage nach zuverlässiger, jederzeit verfügbarer Verbindung. Die rasante Verbreitung mobiler Geräte erhöht den Bedarf an leistungsfähigen Lösungen – sowohl im privaten als auch im geschäftlichen Umfeld. Zentrale Anwendungsfelder sind dabei die Konnektivität in der Luft- und Schifffahrt, die Versorgung abgelegener Regionen, sicherheitsrelevante Kommunikation sowie Anwendungen rund um das Internet der Dinge.

Der zweite wesentliche Trend ist der wachsende Fokus von Staaten auf Resilienz. Regierungen weltweit investieren zunehmend in den Ausbau und die Absicherung nicht-terrestrischer Kommunikationsnetze. Das beschleunigt die Entwicklung und den Einsatz von Satellitensystemen zusätzlich.

Welche konkrete Funktion übernehmen Satelliten in dieser Entwicklung?

Indem sie Signale von der Erde empfangen, verstärken und weiterleiten, übernehmen Satelliten eine zentrale Funktion in der globalen Kommunikation. Ihr entscheidender Vorteil liegt darin, dass sie unabhängig von bodengebundener Infrastruktur arbeiten. Dadurch ermöglichen sie eine verlässliche Verbindung auch dort, wo klassische Netze an ihre Grenzen stossen – etwa in abgelegenen Regionen oder bei mobilen Anwendungen wie in der Luft- und Schifffahrt.

Was treibt den Aufschwung der Satellitenbranche besonders stark an?

Der Aufschwung der Branche ist vor allem auf deutlich gesunkene Startkosten zurückzuführen. Dank wiederverwendbarer Raketen und effizienterer Trägersysteme sind diese in den vergangenen zwei Jahrzehnten um ein Vielfaches gefallen. Das hat die Eintrittsbarrieren erheblich gesenkt und grosse Satellitenkonstellationen wirtschaftlich überhaupt erst möglich gemacht.

Gleichzeitig hat sich die Technologie rasant weiterentwickelt: Satelliten werden kleiner, günstiger und leistungsfähiger. Das ermöglicht eine schnellere Produktion und den Aufbau ganzer Netzwerke in kurzer Zeit.

«2025 führte SpaceX mehr Starts durch als der Rest der globalen Raumfahrtindustrie zusammen – ein klarer Wettbewerbsvorteil.»

Hinzu kommt eine stark wachsende Nachfrage nach zuverlässiger, jederzeit verfügbarer Verbindung – etwa in Flugzeugen, auf Schiffen, in abgelegenen Regionen oder im Umfeld des Internet of Things. Klassische Netze allein können diesen Bedarf zunehmend nicht mehr abdecken. Schliesslich investieren auch Staaten verstärkt in weltraumgestützte Kommunikationslösungen, um Resilienz und Sicherheit zu stärken. Satelliten entwickeln sich damit von einer Nischenlösung zu einer strategischen Schlüsseltechnologie.

Welches Unternehmen ist derzeit führend?

Als klarer Branchenführer gilt derzeit SpaceX – vor allem dank einer aussergewöhnlich hohen vertikalen Integration. Durch zentrale Innovationen bei der Trägerrakete Falcon 9, insbesondere die Wiederverwendbarkeit der ersten Raketenstufe, hat das Unternehmen die Startfrequenz massiv erhöht und gleichzeitig die Kosten deutlich gesenkt. 2025 führte SpaceX mehr Starts durch als der Rest der globalen Raumfahrtindustrie zusammen – ein klarer Wettbewerbsvorteil. Diese Fähigkeit erlaubt es dem Unternehmen, seine Starlink-Konstellation schnell auszubauen und kontinuierlich zu erneuern, und zwar deutlich schneller und kosteneffizienter als die Konkurrenz.
Damit hat sich SpaceX sowohl bei der Ausbaugeschwindigkeit als auch bei der operativen Skalierung einen signifikanten Vorsprung erarbeitet.

Ist damit bereits ein Höhepunkt erreicht – oder dürfte sich die Entwicklung noch beschleunigen?

Das Tempo dürfte weiter steigen. Anfang Januar 2026 hat Starlink zusätzlich zu seinen bereits über 9'000 aktiven Satelliten die Genehmigung für weitere 7'000 Satellitenstarts erhalten.

Wie entwickelt sich der globale Wettbewerb im Satellitensektor?

Das Rennen ist in vollem Gange. China versucht, zu den USA aufzuschliessen, und plant dafür eine Konstellation von über 200'000 Satelliten. Europa liegt deutlich zurück und setzt auf die Satellitenkonstellation «Iris²», die bis 2030 realisiert werden soll.

Was bedeutet dieses steigende Tempo für die Branche insgesamt?

Diese Entwicklung wird die gesamte Wertschöpfungskette im Satellitensektor prägen – von Herstellern über Betreiber bis hin zu Distributoren und Dienstleistern – und dabei zusätzliche Wachstumsimpulse schaffen.

Damit kommt die Regulierung ins Spiel. Warum ist sie in diesem Sektor so entscheidend?

Regulierung ist heute ein zentrales Thema für die Satellitenindustrie. Um Daten aus dem All zur Erde zu übertragen, benötigen Betreiber eine sogenannte Frequenzlizenz. Diese legt fest, welche Frequenzbänder genutzt werden dürfen. Solche Lizenzen sind entscheidend, um Störungen zu vermeiden und sicherzustellen, dass mehrere Satellitenkonstellationen parallel sicher und effizient betrieben werden können. Frequenzen sind eine knappe und strategisch hochrelevante Ressource.

«Mit dem Start tausender neuer Satelliten wird der verfügbare ‹Platz› im Orbit, insbesondere im niedrigen Erdorbit, zunehmend knapp.»

Die Verwaltung dieser Frequenzen erfolgt auf zwei Ebenen: international durch die Internationale Fernmeldeunion (ITU), die globale Frequenznutzungen und Orbitalpositionen koordiniert, sowie national durch Behörden wie die US-Regulierungsbehörde FCC, die Lizenzen vergeben und lokale Vorschriften durchsetzen.

Die zentrale Herausforderung liegt im Management eines zunehmend überfüllten Orbits. Mit der stark wachsenden Zahl an Satelliten steigen auch die Risiken von Interferenzen. Gleichzeitig geraten Regulierungsbehörden unter Druck, da immer mehr Anbieter um begrenzte Frequenzen konkurrieren. Frequenzen entwickeln sich damit zum Engpass – und zu einem der wertvollsten Assets für zukünftige Satellitendienste.

Warum hat sich daraus ein eigentlicher Wettlauf entwickelt?

Der Satellitensektor ist zu einem echten Wettlauf geworden, weil Unternehmen um zwei zentrale und begrenzte Ressourcen konkurrieren: Orbitalpositionen und Frequenzlizenzen. Beide sind essenziell für den Betrieb grosser Satellitenkonstellationen – und beide sind endlich. Mit dem Start tausender neuer Satelliten wird der verfügbare «Platz» im Orbit, insbesondere im niedrigen Erdorbit, zunehmend knapp. Betreiber wissen: Wer sich die besten Positionen und die attraktivsten Frequenzen sichert, verschafft sich einen langfristigen Wettbewerbsvorteil. Einmal vergeben, sind diese Rechte nur schwer erneut zu erhalten und bieten einen wirksamen Schutz vor neuen Marktteilnehmern.

Gleichzeitig gewinnt das Frequenzspektrum massiv an Wert und ist entsprechend umkämpft. Der Zugang zu bestimmten Frequenzbändern entscheidet darüber, wie schnell, zuverlässig und skalierbar ein Satellitennetz betrieben werden kann. In einzelnen Fällen – etwa bei der Umwidmung von C-Band-Frequenzen für 5G – überstieg der Marktwert der Nutzungsrechte sogar den Wert der Satelliten selbst. Das unterstreicht die strategische Bedeutung von Frequenzen in diesem Markt.

Gibt es noch weitere wichtige Trends, die Sie als Investorin besonders interessiert?

Ja. Ein besonders spannender Trend ist die Entstehung von Direct-to-Device (D2D)-Konnektivität. Diese Technologie ermöglicht es, dass Satelliten direkt mit einem herkömmlichen Smartphone kommunizieren – unter Nutzung terrestrischer Frequenzen, wenn kein Mobilfunkmast verfügbar ist. Das stellt einen bedeutenden Fortschritt für die Branche dar.

Bisher war eine direkte Kommunikation zwischen Smartphones und Satelliten kaum möglich: Die Distanzen sind gross, die Signale schwach und die Antennen in Mobilgeräten sind auf nahegelegene terrestrische Netze ausgelegt. Fortschritte bei Satelliten-Nutzlasten, Signalverarbeitung und Phased-Array-Antennen machen diese direkte Verbindung nun jedoch technisch und wirtschaftlich realisierbar.

Warum ist das so bedeutend?

Damit erschliesst sich ein völlig neuer Markt: grundlegende Kommunikationsdienste wie Messaging, Telefonie oder sogar breitbandige Verbindungen können künftig weltweit angeboten werden – ohne dass Nutzer neue Geräte benötigen.

Für Investoren entsteht damit eine attraktive Schnittstelle zwischen Mobilfunk und Raumfahrt. Die Nachfrage ist sowohl auf Seiten der Netzbetreiber als auch bei den Endkunden hoch, was dem Thema zusätzliches Wachstumspotenzial verleiht.

Welche Unternehmen positionieren sich in diesem Bereich?

US-Unternehmen wie SpaceX, Amazon und AST SpaceMobile stehen hier in den Startlöchern, da sie bereits Satelliten in den niedrigen Erdorbit in Höhen von 500 bis 1'200 Kilometern gebracht haben. Dank der vergleichsweise geringen Distanz zur Erde ist das Signal stärker, wodurch eine direkte Verbindung mit Smartphones überhaupt erst möglich wird.

Was sagt Ihnen diese Entwicklung über die künftige Bedeutung des Sektors?

Angesichts der kontinuierlich steigenden Nachfrage nach zuverlässiger Verbindung entwickelt sich der Satellitensektor zu einem zentralen Kernbereich der Raumfahrtindustrie.

«Beim Echiquier Space Fund handelt es sich um einen thematischen Fonds, der in kotierte Unternehmen mit Bezug zur Raumfahrt investiert.»

Und was bedeutet das aus Sicht von Anlegern?

Diese Wachstumsdynamik – kombiniert mit der Disruption etablierter Satellitenbetreiber im bestehenden Ökosystem – eröffnet für Investoren attraktive Chancen.

LFDE investiert seit 2021 gezielt in «Space». Wie sieht die Strategie genau aus? Besteht sie ausschliesslich aus dem Fonds Echiquier Space?

Richtig, beim Echiquier Space Fund handelt es sich um einen thematischen Fonds, der in kotierte Unternehmen mit Bezug zur Raumfahrt investiert. Ziel ist es, innerhalb eines eigens aufgebauten Investmentuniversums jene Unternehmen zu identifizieren, die aus unserer Sicht am besten positioniert sind.

Wie gross ist der Echiquier Space Fonds heute (AUM), und wie hat sich das Volumen seit Lancierung entwickelt?

Der Fonds verwaltet derzeit rund 420 Millionen Euro (Stand: 23.03.2026) und ist seit Anfang 2024 deutlich gewachsen – damals lag das Volumen noch bei rund 50 Millionen Euro.

Ist der aktuelle Zeitpunkt aus Ihrer Sicht noch attraktiv für einen Einstieg, oder sind bereits viele Erwartungen eingepreist?

Raumfahrt bleibt ein überzeugendes Langfristthema, da sich die Industrie weiterhin in einer Phase beschleunigter Entwicklung befindet. Viele Unternehmen stehen erst am Anfang, ihre Technologien zu skalieren, Produktionskapazitäten auszubauen und neue kommerzielle Anwendungsfelder zu etablieren. Wir sehen darin den Beginn eines langfristigen Wachstumstrends.


Alicia Daurignac ist Fondsmanagerin und Analystin bei La Financière de l’Échiquier (LFDE) und verantwortet dort unter anderem Strategien im Bereich der Space Economy. Vor ihrem Eintritt bei LFDE war sie als Equity-Research-Analystin für den Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungssektor bei Exane tätig. Davor arbeitete sie bei Fidelity International im Credit Research mit Fokus auf Airlines, Flugzeugleasing und europäische Versorger. Frühere Stationen umfassen unter anderem Positionen bei J.P. Morgan im Investment Banking und Asset Management. Daurignac hat einen Abschluss der HEC Paris sowie einen Bachelor in Mathematik und Informatik der University of Exeter.