Start 2026: Ein Jahr für konsequentes Stock Picking

Der Jahresbeginn ist für mich weniger ein ritualisierter Neuanfang als ein analytischer Moment. In Paris, wo ich lebe und arbeite, setzt der Alltag oft schon früh wieder ein – ohne echte Pause, ohne viel Abstand. Gerade deshalb nehme ich mir zu Jahresbeginn bewusst Zeit, um die dominierenden Narrative einzuordnen. Wenn auf Marktebene scheinbar alles stimmig wirkt, werde ich skeptisch. Genau dieses Gefühl begleitet mich zum Start ins Jahr 2026: Viele Themen sind bekannt, vielfach gespielt – und zunehmend vom Momentum getragen. Für einen konträren Value-Investor ist das kein Komfortsignal, sondern eine Aufforderung, genauer hinzusehen.

Momentum verliert an Kraft – Fundamentaldaten kehren zurück

2025 war erneut ein Jahr, in dem Momentum-Faktoren ganze Marktsegmente dominiert haben: von der Euphorie rund um GLP-1-Therapien über handelspolitische Spannungen bis hin zum anhaltenden KI-Boom. Gegen Jahresende liess diese Dynamik spürbar nach. Gleichzeitig entwickelten sich die europäischen Aktienmärkte deutlich uneinheitlicher. In einem solchen Umfeld gewinnt Stock Picking für mich an Bedeutung – nicht als Stilfrage, sondern als notwendige Antwort auf wachsende Abweichungen zwischen Kursentwicklung und Fundamentaldaten.

Diese Entwicklung zeigte sich auch im Jahresverlauf. Phasen erhöhter Volatilität – etwa im Zusammenhang mit den im Frühjahr angekündigten US-Zollerhöhungen – führten zunächst zu deutlichen Marktverwerfungen, eröffneten im Anschluss jedoch selektive Einstiegsmöglichkeiten. Entscheidend war für mich dabei weniger die kurzfristige Marktrichtung als die Fähigkeit, Preissignale von tatsächlichen Wertsignalen zu trennen.

Aktive Allokation statt passiver Anpassung

In einem zunehmend erratischen Marktumfeld rückt für mich die aktive Portfoliosteuerung stärker in den Fokus.  So habe ich das Engagement im Bankensektor angepasst und Erste Group neu ins Portfolio aufgenommen. Ergänzend wurden Positionen im Bereich Unternehmensdienstleistungen aufgebaut, unter anderem bei Publicis. Diese Schritte dienten der Weiterentwicklung der Portfoliostruktur im jeweiligen Marktumfeld.

Die produktive Wirtschaft im Mittelpunkt

Seit einiger Zeit rücke ich das Konzept der produktiven Wirtschaft stärker in den Vordergrund. Im Fokus stehen Unternehmen mit greifbaren Vermögenswerten, klarer operativer Kompetenz und nachvollziehbarer Wertschöpfung. Ich bevorzuge Sachanlagen und meide Basiskonsumgüter bewusst. Diese Ausrichtung entwickle ich weiter, indem ich die Titelauswahl zunehmend an der Fähigkeit zur nachhaltigen Kapitalrückführung an die Aktionäre ausrichte – unabhängig vom jeweiligen Sektor. Industrie-, Dienstleistungs- und Finanzunternehmen werden dabei gleich behandelt.

Mit Blick auf 2026 gewinnt für mich ein Aspekt zusätzlich an Bedeutung: die Klarheit und Visibilität der Kapitalallokation. In einem Umfeld erhöhter Unsicherheit bevorzuge ich Unternehmen, deren Investitions-, Ausschüttungs- und Bilanzpolitik transparent und nachvollziehbar ist.

Value als Anpassungsstrategie, nicht als Timing-Instrument

Value-Investments werden häufig als temporäre Positionierungen verstanden – als Mittel, um ein bestimmtes makroökonomisches Fenster zu nutzen. Diese Sicht teile ich nicht. Für mich basiert Value auf einer bewussten, oft konträren Marktanalyse, bei der Unterbewertungen gezielt und ohne sektorale Vorbehalte identifiziert werden. Gerade deshalb eignet sich dieser Ansatz, um konjunkturelle Schwankungen zu navigieren und sich an unterschiedliche Marktregime anzupassen.

2026 dürfte genau diese Anpassungsfähigkeit entscheidend sein: weniger Momentum, mehr Differenzierung – und ein Umfeld, in dem Fundamentaldaten wieder stärker den Ausschlag geben.


Yann Giordmaina, Head Value Division und Fonds Manager, LFDE.