Rochus Appert: «Wer heute nur auf CHF-Bonds setzt, verschenkt Rendite»
Emerging Markets erleben einen Aufwind, werden aber von Investoren zu wenig bedacht. Weshalb?
Viele Investoren schauen noch durch die «alte Brille» auf Schwellenländer. Schwache Phasen aus der Vergangenheit prägen das Bild stärker als die aktuelle Entwicklung. Dabei haben sich viele Emerging Markets verbessert: Wachstum und Verschuldung sind in einigen Ländern heute stabiler als in Teilen der Industrieländer. Wichtig ist: Emerging Markets sind kein einheitlicher Markt. Ohne gezielte Auswahl wird es schnell zur pauschalen Wette. Mit fundierter Analyse können sie dagegen eine attraktive Quelle für Rendite und Diversifikation sein.
«Der Hauptgrund ist die Struktur: AAA-Tranchen stehen ganz oben in der Kapitalstruktur, erhalten als Erste die Cashflows und tragen Verluste erst ganz am Schluss.»
Credit Spreads erscheinen in vielen Segmenten historisch eher eng. Spiegelt das aus Ihrer Sicht die fundamentale Stärke wider oder eine strukturelle Fehlbepreisung von Risiko?
Enge Spreads sind auch eine logische Folge davon, dass viele Investoren Aktien aktuell nicht übergewichten und Kapital bewusst in Fixed Income belassen, um Portfolios resilient zu halten. Das ist weniger ein Zeichen für fundamentale Stärke als eine Positionierungsrealität. Die Konsequenz ist eine offensichtliche Asymmetrie: Spreads können kaum viel enger werden, aber im Stress schnell deutlich weiter. Genau deshalb suchen wir Bausteine, die in Stressphasen stabiler reagieren und nicht nur Carry liefern.
Wie beurteilen Sie aktuell das Late-Cycle-Risiko im Credit-Markt, insbesondere im Leveraged-Loan- und Private-Debt-Bereich?
Der Credit Markt befindet sich in einer Phase der Rekalibrierung. Die Dispersion steigt, die Unterschiede zwischen guten und weniger guten Emittenten werden grösser, und genau dort entsteht Alpha. Vorsicht braucht es insbesondere bei Geschäftsmodellen, die bei Wachstumsschocks oder technologischen Brüchen schnell unter Druck kommen. Grundsätzlich sind wir in einem Umfeld, in dem aktives Management seine Stärken ausspielen kann. Klar ist aber auch: Breite Diversifikation und konsequentes, diszipliniertes Underwriting sind wichtiger als die nächste Makro Story.
«Enge Spreads sind eine Folge davon, dass viele Investoren Aktien aktuell nicht übergewichten und Kapital bewusst in Fixed Income belassen, um Portfolios resilient zu halten.»
Für Schweizer Investoren sind Währungsbewegungen oft entscheidend für die Gesamtperformance. Wie sollten Investoren aktuell mit anhaltenden Zinsdifferenzen umgehen – eher hedgen oder gezielt offen lassen?
Für Schweizer Investoren überwiegen für mich die Vorteile einer systematischen Währungsabsicherung. Währungsvolatilität kann die laufenden Renditen sehr schnell neutralisieren. Bei 3 bis 4 Prozent Coupon/Carry können schon kleine Währungsschwankungen die Rendite auffressen, ohne dass sich am Kreditrisiko etwas geändert hat. Währungsrendite ist für die meisten Investoren keine verlässliche Einkommensquelle, sondern ein zusätzlicher Risikotreiber.
Ist aktives Währungsmanagement heute eine Alpha-Quelle – oder primär ein Risikosteuerungsinstrument?
Für die meisten Investoren ist FX Management primär Risikosteuerung und nicht die Alpha Engine. Für grosse Bilanzträger wie Pensionskassen kann es situativ eine Alpha Quelle sein, weil sie Grössenvorteile, längere Horizonte und operativ mehr Möglichkeiten haben. Aber im Kern bleibt FX: erst Stabilität, dann Opportunität.
In einem Umfeld aus niedrigen Zinsen, geopolitischer Unsicherheit und potenziell steigenden Energiepreisen: Wie sollte ein robustes Fixed-Income-Portfolio heute strukturiert sein?
Robustheit entsteht, wenn Bausteine möglichst nüchtern kombiniert werden, also nach Sharpe Ratio, der Rendite pro Risikoeinheit, die ein Investor eingeht, und ihrer Korrelation – und eben nicht rein nach den aktuellen Titelgeschichten einschlägiger Nachrichtenportale. In der Praxis spricht aktuell einiges für eine Portfolio Integration von Multi-Sector Credit, AAA CLO und Emerging Markets, da diese Instrumente Mehrwerte liefern durch relativ attraktive Sharpe Ratios und relative niedrige Drawdowns und Korrelationen.
Währungsrendite ist für die meisten Investoren keine verlässliche Einkommensquelle, sondern ein zusätzlicher Risikotreiber.
Welche Rolle spielt Fixed Income aktuell noch als Diversifikator gegenüber Aktien, wenn Korrelationen in Stressphasen steigen?
In echten Stressphasen steigen Korrelationen – das zeigen historische Beispiele wie die Finanzkrise. In genau diesen Situationen kann allerdings ein aktiver Manager seine Stärken ausspielen, auch im Fixed Income. «Vorbereitung ist der Schlüssel zum Erfolg» – durch Diversifikation in der Breite, researchgetriebener Selektion in der Tiefe und nicht voll ausgeschöpften Risikobudgets bleibt das Portfolio resilient und gleichzeitig manövrierfähig und man kann in Stressphasen die entstehenden Preisvorteile nutzen.
«Der grösste Fehler ist, in unsicheren Zeiten zu glauben, man habe alles im Griff – und dabei die eigenen Denkfehler zu übersehen.»
Wie verändert sich die optimale Duration-Positionierung, wenn gleichzeitig Wachstumsrisiken und Inflationsrisiken bestehen bleiben wie in der aktuellen Situation?
Duration ist einer der schwierigsten Entscheide – und gerade bei gemischten Wachstums /Inflationsrisiken sind grosse Duration Wetten selten sauber zu begründen. Tendenziell bevorzugen Investoren in solchen Phasen eine kontrollierte, eher kurze Duration. Entscheidend bleibt aber, dass Renditeziele nicht an ein einziges Zins Szenario gekoppelt sind.
Was ist aus Ihrer Sicht der grösste Denkfehler, den Investoren aktuell im Fixed-Income-Bereich machen?
Der grösste Fehler ist, in unsicheren Zeiten zu glauben, man habe alles im Griff – und dabei die eigenen Denkfehler zu übersehen. Viele orientieren sich zu stark an der jüngsten Vergangenheit oder halten an einmal getroffenen Entscheidungen fest. Wichtiger ist ein klarer Prozess: Annahmen regelmässig hinterfragen und bewusst gegenprüfen. Und: sich mit Spezialisten austauschen, statt alles allein entscheiden zu wollen. Wie beim Zahnarzt – bei komplexen Problemen geht man besser direkt zum Experten.
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