Der Weckruf des CEO von J. P. Morgan Asset Management
Inflation, geopolitische Spannungen, ein massiver Umbau der Asset-Management-Industrie und die rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz: Für George Gatch, CEO von J.P. Morgan Asset Management, befinden sich Investoren in einem der anspruchsvollsten Marktumfelder seit Jahrzehnten. Gleichzeitig sieht er enorme Chancen – insbesondere für aktive Strategien, ETFs und die Verbindung von privaten und öffentlichen Märkten.
Im Rahmen des Media Summits 2026 in London sprach Gatch über die zunehmende Unsicherheit an den Kapitalmärkten, Europas strukturelle Schwächen bei der Vermögensanlage, die Zukunft von Private Credit sowie die Rolle von KI im Asset Management.

George Gatch bei seinem Auftritt am Media Summit 2026 in London. (Bild: zVg)
«Es gibt derzeit sehr viel Lärm, enorme Unsicherheit und Volatilität – aber nur wenig Klarheit», sagte Gatch. Anleger suchten Antworten auf Fragen rund um Inflation, geopolitische Konflikte und die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft. «Das ist wahrscheinlich eines der unsichersten Marktumfelder meiner Karriere.»
Zunehmende Zuversicht gegenüber Europa
Während in den USA rund 60 Prozent der Haushalte in Wertschriften investiert seien, liege in Europa noch immer ein grosser Teil des Vermögens unverzinst auf Konten.
«Europäer sind Sparer, aber sie sparen ineffizient», sagte Gatch. Rund 40 bis 45 Prozent des Haushaltsvermögens lägen in Cash – und würden durch die Inflation laufend an Kaufkraft verlieren.
Gleichzeitig beobachtet er eine zunehmende Zuversicht gegenüber Europa. Erstmals seit längerer Zeit hätten europäische Aktien wieder positive Kapitalzuflüsse verzeichnet. Anleger hofften auf weniger Regulierung und eine stärkere wirtschaftliche Dynamik auf dem Kontinent.
Renaissance der Anleihen
Mit Blick auf die Zinsmärkte sprach Gatch von einer «Normalisierung» der Renditen. Der Anstieg der langfristigen US-Zinsen erhöhe zwar die Unsicherheit, mache Obligationen gleichzeitig aber wieder attraktiv.
«Emerging-Markets-Anleihen rentieren inzwischen bei fast 8 Prozent», sagte er. Diversifizierte Fixed-Income-Strategien erzielten Renditen von sechs bis sieben Prozent und böten damit einen attraktiven Puffer gegen weitere Zinserhöhungen.
«Europäer sind Sparer, aber sie sparen ineffizient.»
Besonders stark wachse derzeit das ETF-Geschäft im Bereich Fixed Income. Laut Gatch verwaltet J.P. Morgan Asset Management inzwischen mehr als 100 Milliarden Dollar in aktiven Anleihen-ETFs. Dass noch immer 96 Prozent der Fixed-Income-ETF-Anlagen passiv verwaltet würden, bezeichnete er als «bemerkenswert».
«In einem Umfeld mit Inflations- und Kreditrisiken wird aktives Management immer wichtiger», sagte er.
«Nicht mehr Public oder Private – sondern Public und Private»
Einen zentralen Schwerpunkt sieht Gatch in der stärkeren Verzahnung von öffentlichen und privaten Märkten. Anleger müssten künftig beide Welten gleichzeitig betrachten.
«Wenn man nur in öffentlichen Märkten fischt, verpasst man womöglich den grösseren Fang», sagte er.

«Ein Analyst wird in Zukunft doppelt oder dreimal so viele Unternehmen abdecken können wie heute»: George Gatch. (Bild: zVg)
Die Zahl börsenkotierter Unternehmen in den USA habe sich in den vergangenen Jahrzehnten halbiert, während private Märkte massiv gewachsen seien. Heute gebe es zehn- bis zwanzigmal mehr private als börsenkotierte Firmen.
J.P. Morgan Asset Management verwaltet laut Gatch rund 300 Milliarden Dollar in privaten Marktanlagen – darunter Infrastruktur, Immobilien, Private Equity und Private Credit. Besonders grosses Potenzial sieht er in hybriden Strategien, die Research und Investmententscheide über öffentliche und private Märkte hinweg integrieren.
«Es gibt keine magische Liquidität.»
«Die eigentliche Chance liegt nicht in Multi-Manager-Produkten, sondern in vollständig integrierten Investmententscheidungen zwischen Public und Private Markets», sagte er.
Warnung vor falschen Erwartungen bei Private Credit
Trotz des Booms bei privaten Kreditstrategien warnte Gatch vor Missverständnissen rund um die Anlageklasse. Das grösste Risiko sei derzeit weniger die Kreditqualität als vielmehr die Liquidität.
«Es gibt keine magische Liquidität», sagte er. Viele Anleger hätten Produkte gekauft, deren Liquiditätsprofil sie nicht vollständig verstanden hätten.
Zwar sehe man aktuell noch keine systemischen Kreditausfälle im Private-Credit-Markt. Allerdings habe die Branche noch nie einen echten globalen Abschwung durchlaufen. «Das ist ein Markt von fast zwei Billionen Dollar, der bisher keine grosse Rezession erlebt hat.»
KI soll Analysten produktiver machen
Breiten Raum nahm auch das Thema Künstliche Intelligenz ein. Als Teil von JPMorgan Chase verfüge die Vermögensverwaltung über enorme technologische Ressourcen, betonte Gatch. Der Konzern investiere jährlich mehr als 20 Milliarden Dollar in Technologie.
Innerhalb von J.P. Morgan Asset Management arbeiteten rund 1’600 Ingenieure an Daten- und KI-Lösungen. Ziel sei es, Research-Prozesse effizienter zu machen und Analysten produktiver werden zu lassen.
«Investoren brauchen heute mehr denn je Orientierung auf Basis von Fakten – nicht Emotionen.»
«Ein Analyst wird in Zukunft doppelt oder dreimal so viele Unternehmen abdecken können wie heute», prognostizierte Gatch. Die Maschine übernehme zunehmend die Datenauswertung – «der Mensch trifft weiterhin die Entscheidungen».
Einen massiven Stellenabbau erwartet er dennoch nicht. «Ich sehe künftig nicht deutlich weniger Mitarbeitende», sagte er. Vielmehr gehe es darum, mit Technologie mehr Mehrwert zu schaffen.
«Gefährlichste Welt seit dem Zweiten Weltkrieg»
Zum Ende des Gesprächs wurde Gatch gefragt, warum er das aktuelle Umfeld als besonders schwierig bezeichnet. Seine Antwort fiel deutlich aus.
«Das ist wahrscheinlich die gefährlichste Weltlage seit dem Zweiten Weltkrieg», sagte er mit Verweis auf geopolitische Spannungen, Konflikte in Europa und Asien sowie Unsicherheit hinsichtlich der US-Politik.
Gerade deshalb sei langfristiges Denken wichtiger denn je. Oder wie Gatch es formulierte: «Investoren brauchen heute mehr denn je Orientierung auf Basis von Fakten – nicht Emotionen.»















