Jauch entdeckt: Champagner des grossen Zeitalters

Der Zürichsee liegt an diesem Montagmittag nur ein paar Schritte entfernt, die Luft ist noch trocken, und in der Wöschi sind die ersten Gespräche bereits im Gang. Die Gäste stehen beim Welcome mit einem Glas Laurent-Perrier Vintage 2015 in der Hand, während die gedeckten Tische noch auf den eigentlichen Teil des Mittags warten.

Ich bin kaum zehn Minuten im Raum, als draussen der Regen einsetzt. Nicht heftig, nicht störend, eher so, als würde Zürich für einen Moment weicher gezeichnet. Der Blick auf den See bleibt, nur die Konturen verändern sich.

Antonio Tortorelli eröffnet den Lunch und begrüsst Lucie Pereyre de Nonancourt aus der Familie Laurent-Perrier sowie Edouard Cossy, Global Director Grand Siècle, die für diesen Anlass aus Frankreich angereist sind. Die Gästeschar ist entsprechend gut besetzt: führende Sommeliers der Schweiz, eine Handvoll Journalisten, ausgewählte Händler und viele Menschen, die Laurent-Perrier seit Jahren mit echter Begeisterung begleiten.

Im Zentrum steht die Lancierung der Grand Siècle Iteration Nº27. Dazu werden Laurent-Perrier Vintage 2015, Grand Siècle Iteration Nº26 und später die Iteration Nº24 aus der Magnum – auch eine Schweizer Premiere – ausgeschenkt. So wird aus dem Lunch eine kleine Reise durch die Idee von Grand Siècle.

PANA2179
Mit Assemblage zur Perfektion: Verschiedene Iterationen des Laurent-Perrier Grand Siècle. (Bild: zVg)

Wenn ein Jahr allein nicht genügt

In der Champagne wird gerne über grosse Jahrgänge gesprochen. Über Jahre, in denen scheinbar alles zusammenkam: Reife, Säure, Struktur, Länge, Aromatik, Wetterglück und dieser schwer erklärbare Moment, in dem ein Wein später mehr erzählt als nur den Sommer, aus dem er stammt.

Grand Siècle denkt anders. Laurent-Perrier geht bei dieser Cuvée von der Überzeugung aus, dass ein einzelner Jahrgang fast nie vollkommen ist. Ein Jahr bringt Reife, ein anderes Frische, ein drittes Struktur. Daraus entsteht bei Grand Siècle kein Kompromiss, sondern eine bewusste Komposition.

Lucie Pereyre de Nonancourt erzählte diesen Gedanken als Familiengeschichte: «Mein Grossvater war überzeugt: Auch sehr gute Jahrgänge sind nie perfekt. Es fehlt immer etwas. Genau daraus entstand die Idee, mit Grand Siècle durch Assemblage den idealen Jahrgang zu erschaffen.»

Vielleicht ist das der schönste Zugang zu dieser Cuvée. Die Natur schenkt grosse Jahre, aber selten Vollkommenheit. Der Mensch muss zuhören, auswählen, warten und verbinden. Darin liegt die Faszination von Grand Siècle.

Die Nº27 und ihre drei Jahre

Bei der Iteration Nº27 sind es die Jahrgänge 2015, 2013 und 2012. 2015 liefert Reife, Substanz und Grosszügigkeit. 2013 steuert Frische, Präzision und Zug bei. 2012 gibt dem Wein Struktur, Energie und Länge – so schilderte es Edouard Cossy dem interessierten Publikum.

Die Nº27 besteht aus Chardonnay und Pinot Noir aus acht Grands Crus. Der Chardonnay stammt aus Le Mesnil-sur-Oger, Oger, Avize und Cramant, der Pinot Noir aus Tours-sur-Marne, Ambonnay, Bouzy und Verzy. Das ist ein grosser Herkunftsbogen; entscheidend bleibt am Ende, ob daraus ein Wein entsteht, der Spannung, Tiefe und Selbstverständlichkeit besitzt.

LP GRAND SIECLE 27 bouteille Edited
Präzise, helle und reife Präsenz im Glas: Die Grand Siècle Iteration Nº27. (Bild: zVg)

Im Glas wirkt die Grand Siècle Iteration Nº27 präzis, hell und reif zugleich. Da ist Zitrus, etwas kandierte Schale, eine feine florale Spur, dazu Haselnuss, frische Mandel und mit etwas Luft jene Gebäcknote, die bei gereiften Champagnern nur dann wirklich schön ist, wenn sie nicht alles andere zudeckt.

Dieser Champagner hat Substanz und Reife, zeigt dabei aber die Laurent-Perrier typische Frische. Mit etwas Temperatur wird er vollständiger. Die Frucht gewinnt an Kontur, die Textur wird ruhiger, die Länge präziser. Das ist kein Champagner, den ich eiskalt im engen Glas verlieren möchte. Er braucht Raum, Luft und Essen.

Für mich ist die Nº27 jetzt schon beeindruckend und dürfte sich in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren wunderbar entwickeln. Wer Spass an dieser Cuvée hat, sollte nicht nur eine Flasche kaufen. Zwölf Flaschen holen, drei davon in den nächsten Jahren geniessen, den Rest zur Seite legen: Das wäre hier keine schlechte Strategie.

Warum die Wöschi passte

Die Wöschi war für diesen Lunch die richtige Wahl. Stephanie Ospelt und David Klocksin führen ein Restaurant, das zeigt, dass Sterne-Gastronomie nicht automatisch steif sein muss. Spürbar war, wie viel Energie in einem Team entstehen kann, wenn Präzision und Freude zusammenkommen.

Der Service war aufmerksam, die Küche arbeitete konzentriert. David trat auch selbst vor die Gästeschar – was er nicht sehr oft tut. Besonders schön zeigte sich das bei Sam im Service: präsent, wach, freundlich, mit jener natürlichen Selbstverständlichkeit, die einem Lunch sehr viel geben kann. Man merkte, dass hier Menschen am Werk sind, die ihren Beruf ernst nehmen und dabei auch noch Spass haben.

Das Menü war grossartig, weil es die Champagner perfekt zur Geltung kommen liess. Gute Pairings entstehen selten dort, wo ein Gericht beweisen will, wie komplex es ist. Sie entstehen, wenn Säure, Fett, Salz, Textur, Temperatur und Aromatik so gesetzt sind, dass der Wein mehr zeigen kann. In der Wöschi gelang das. Die Gerichte gaben den Champagnern Raum und öffneten neue Perspektiven.

PANA2152
Gekonnte Pairings in der Wöschi. (Bild: zVg)

Wenn die Magnum die Zeit verändert

Besonders spannend wurde der Lunch durch den Vergleich mit der Grand Siècle Iteration Nº24 aus der Magnum. Magnums sind das perfekte Format, um Weine reifen zu lassen – nicht nur Champagner.

Edouard Cossy brachte es auf den Punkt: «Eine Magnum ist bei Grand Siècle nicht einfach ein grösseres Format. Der Wein entwickelt sich langsamer, braucht zusätzliche Zeit und zeigt deshalb eine andere Tiefe und Textur.»

Die Nº24 aus der Magnum verbindet die Jahrgänge 2007, 2006 und 2004. Sie zeigte an diesem Mittag die Stärke der Idee von Grand Siècle. Während die Nº27 Energie, Präzision und Spannung mitbrachte, zeigte die Nº24 aus der Magnum eine Reife, die man nicht beschleunigen kann.

Nº27 und Nº24 im Vergleich

Im Nebeneinander dieser beiden Weine wurde Grand Siècle als Konzept besonders greifbar. Nº27 ersetzt nicht Nº24. Sie beantwortet dieselbe Frage anders: Wie nahe kann Champagner an die Vorstellung eines idealen Jahres herankommen, wenn man ihn aus drei Jahren denkt?

IMG 8796
Autor Peter Jauch (r) mit Edouard Cossy, Global Director Grand Siècle bei Laurent-Perrier. (Bild: zVg) 

Diese Frage macht Grand Siècle interessant. Im Mittelpunkt steht nicht der neue Jahrgang, sondern die fortlaufende Suche nach Balance. Jede Iteration erzählt von anderen Jahren, anderen Spannungen und anderen Reifephasen. Assemblage ist hier kein rein technischer Vorgang. Sie wird zur kulturellen Leistung der Champagne.


Genuss-Tool:

… Temperatur: Nicht eiskalt servieren. Um 10 bis 12 Grad wirkt Grand Siècle Nº27 vollständiger; ein paar Minuten im Glas tun ihm gut.
… Glas: Ein Tulpenglas oder ein grösseres Weissweinglas geben dem Wein mehr Raum und verhindern, dass nur die Perlage im Vordergrund steht.
… Timing: Das erste Glas zeigt Präzision. Mit Luft kommt die eigentliche Tiefe. Wer ihn zu schnell trinkt, verpasst einen Teil der Geschichte.
… Essen: Grand Siècle gehört an den Tisch. Der Wein kann mehr als Empfang, Apéro und Prestige-Moment.

Jauch-Fazit

Grand Siècle Nº27 ist ein Champagner mit einer klaren Haltung gegenüber der Zeit: kein Jahrgang, sondern eine Komposition aus drei Jahren und acht Grands Crus. Im Glas überzeugt er durch Präzision und Substanz – und dürfte sich über die nächsten anderthalb Jahrzehnte weiter öffnen. Wer die Idee hinter Grand Siècle einmal verstanden hat, kauft selten nur eine Flasche.


«Jauch entdeckt»: Die zweiwöchentliche finews-Kolumne, in der Peter Jauch Champagner und andere Getränke für Geniesser präzise einordnet und mit Praxis-Tipps ergänzt.