Sanktionen: Endspiel um Kubas Zigarren

Am 14. Oktober 2025 entsiegelte das US-Justizministerium die Anklage gegen Chen Zhi. Washington setzte ihn am selben Tag auf die berühmte OFAC-Sanktionsliste, die Regierung in London handelte synchron, womit der englische Importeur Hunters & Frankau über Nacht zu einem guten Teil inoperabel wurde. 

Nach Angaben des Branchenportals «Cigars-Connect» dauerte es mehr als ein halbes Jahr, bis eine Lizenz der britischen Behörden dem Importeur wieder halbwegs normales Geschäft erlaubte. Hunters & Frankau äusserte sich auf Anfrage des Portals nicht, das zuständige Office of Financial Sanctions Implementation kommentiert Einzelfälle grundsätzlich nicht.

Separate Sanktionen der EU

Gemeinsam mit Chen Zhi sanktionierten die USA, nebst über 100 weiteren Firmen aus seinem Imperium, auch seine Prince Holding sowie das Unternehmen Simply Advanced Limited, eingetragen auf den British Virgin Islands mit Sitz in Phnom Penh. Das ist jene BVI-Gesellschaft, die (mutmasslich über weitere Zwischenstufen) die Hongkonger Asia Uni Corporation Limited die Madrider Allied Cigar Corporation hält — also genau der Strang, der zu 50 Prozent an Habanos und Altabana führt.

Die EU sanktionierte Chen Zhi und seine Prince Holding separat erst am 30. Juli 2026.

Im Januar 2026 wurde Chen Zhi in Kambodscha festgenommen und nach China überstellt, wo er seit dem 6. Juli 2026 förmlich in Haft sitzt und auf sein(e) Gerichtsverfahren wartet. Verurteilt ist er bislang nirgends (es gilt die Unschuldsvermutung).

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Tabakfeld auf Kuba. (Bild: zVg)

Zerfall in Zeitlupe

Was folgte, war ein Zerfall in Zeitlupe. Dreissig Gesellschaften auf den Britischen Jungferninseln stehen seit Januar 2026 unter vorläufiger Liquidation; Hongkong sperrte im Mai Vermögen über 8,94 Milliarden Hongkong-Dollar. In Madrid flüchtete die Konzerntochter Tabacalera Ende Februar 2026 in den Vorinsolvenzschutz — nicht weil das Geschäfts schlecht lief, sondern primär um ihren Eigentümer Chen Zhi loszuwerden. Offenbar waren auch Kreditlinien gekündigt worden.

An dieser Tochter hängt übrigens auch eine Beteiligung an der Tabacalera de Garcia in der Dominikanischen Republik (der vermutlich grössten Fabrik für handgerollte Premiumzigarren weltweit), die aufgrund der US-Sanktionen zeitweilig ebenfalls nicht mehr operabel war und einen grossen Teil der Belegschaft entliess.

Die Liquidatoren haben das Sagen

Ende Mai und Anfang Juni 2026 rückten zwei Partner der englischen Restrukturierungsfirma Interpath, Paul Pretlove und David Standish, in die Verwaltungsräte von Allied Cigar, Tabacalera und ITI Cigars ein; Pretlove übernahm in allen dreien das Präsidium. Möglich wurde das, weil ein Gericht auf den Britischen Jungferninseln am 9. Januar 2026 drei Interpath-Partner als vorläufige Liquidatoren über 30 Gesellschaften des Prince-Imperiums von Chen Zhi eingesetzt hatte.

Seither sind Bestrebungen der Gruppe erkennbar, sich durch die gerichtlich erzwungene Trennung von Chen Zhi zurück ins Geschäft zu arbeiten.

Ausnahmebewilligungen für die USA und Grossbritannien

Eine befristete Lizenz der US-Sanktionsbehörde OFAC erlaubt der Tabacalera-Gruppe seit dem Frühjahr wieder Geschäfte mit amerikanischen Unternehmen; die Fabriken Tabacalera de García in der Dominikanischen Republik und Flor de Copán in Honduras können offenbar seit Mai 2026 wieder an Altadis U.S.A. und JR Cigar in den USA liefern.

Die spanische Zeitung «El Confidencial», die den Vorgang im Mai aufdeckte, nennt als Laufzeit 2028 und für eine parallele britische Lizenz 2031. OFAC publiziert Einzellizenzen nicht; bestätigt hat beides die Kommunikationsabteilung der Tabacalera in Madrid. Ob tatsächlich bereits wieder Lieferungen stattfinden, wird mancherorts aber bezweifelt.

Auch der asiatisch-pazifische Raum wird wieder bedient, nachdem die Bankverbindungen und die Fakturierung auf den dortigen Joint-Venture-Partner umgeleitet wurden.

In der EU fängt es erst an

In der EU dagegen fängt die Blockade erst an. Die Sanktionsverordnung betrifft zwar direkt nur Chen Zhi und seine Prince Holding. Brüssel verlangt von den Banken für jede nicht gelistete Tochter eine Einzelfallprüfung von Eigentum und Kontrolle. Die deutschen Banken nahmen sie vor, und sie fiel, wie man sieht, restriktiv aus. 5th Avenue selbst spricht von einer «Compliance- und Sanktionsprüfung» betreffend einen ihrer Gesellschafter. Durch die ganze Struktur gerechnet gehören Chen Zhi allerdings nur gut 20 Prozent an 5th Avenue.

Mittlerweile haben die Liquidatoren von Allied Cigar, Tabacalera und ITI Cigars in Spanien und der Insolvenzverwalter von 5th Avenue in Waldshut die faktische Kontrolle über Chen Zhis Anteile und Aktionärsrechte.

Schweiz hat EU-Sanktionen nicht nachvollzogen

Die Schweiz kommt als glücklicher Dritter davon. Bern hat die EU-Listung nicht nachvollzogen; das menschenrechtsbezogene Sanktionsprogramm, unter dem Chen Zhi erfasst wäre, existiert hier gar nicht.

Die Intertabak, die 2024 gemäss spanischen Handelsregister-Unterlagen einen Gewinn von 21,8 Millionen Euro erzielte, ist von einschneidenden Massnahmen bislang offenbar verschont geblieben; Einschränkungen sind bisher nicht bekannt geworden. (Altabana in Madrid unterhielt 2024 drei Bankbeziehungen: Bankinter, Banca March und BBVA; im Raum Asien-Pazifik wurden sämtliche Bankbeziehungen, wie erwähnt, dem regionalen Joint-Venture-Partner übergeben.)

Unsicher bleiben die Aussichten für das weltumspannende kubanische Zigarrenimperium allemal. Wie es um die kubanische Seite steht, zeigte sich im Februar, als Habanos das Festival del Habano 2026 absagte. Offiziell geschah dies, um «die Exzellenzstandards zu wahren, die dieses renommierte internationale Treffen auszeichnen».

Zigarrenfestival 2027 wird wohl auch ausfallen 

Der Anlass ist Kubas Schaufenster, eine Quelle für Devisen und die Bühne, auf der das Regime seinen, neben dem Rum, einzigen intakten Weltmarktartikel inszeniert.

Doch Washington hat den Druck auf Havanna seit der Venezuela-Intervention Anfang 2026 spürbar erhöht. Der Tourismus ist kollabiert und das wenige an wirtschaftlicher Aktivität, das damals noch vorhanden war, durchläuft abermals eine empfindliche Schrumpfung. Von einer für Herbst 2026 angekündigten Nachholung des Zigarrenfestivals redet niemand mehr. Auch 2027 wird es voraussichtlich ausfallen.

Ihr eigenes Festival feiern derweil Liquidatoren, Sanktionsanwälte, Treuhänder und Richter. Die Entwirrung wird Jahre dauern.

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Alle Scheinwerfer auf Kuba: Gala-Nacht am Festival del Habano 2025. (Bild: zVg)

Wie wirken die OFAC-Sanktionen bei den Importeuren?

Zwar steht keine einzige Gesellschaft der Zigarrenkette auf einer Sanktionsliste (weder die Fabriken noch die Holdings noch die Importeure). Gelistet ist der Eigentümer, und das genügt: Nach der 50-Prozent-Regel ist gesperrt, was einem Sanktionierten zur Hälfte oder mehr gehört, auch wenn es nirgends verzeichnet ist. Wer die Namen der Gesellschaften gegen die Listen abgleicht, findet deshalb nichts – man muss die Eigentümerkette kennen, und die endet in Registern, die keine Eigentümer publizieren.

Die amerikanische Ausnahmebewilligung erfasst die spanische Tabacalera samt Töchtern — die beiden Fabriken und das amerikanische Vertriebsende. Ob Altabana und die Länderimporteure von Habanos als 50-Prozent-Töchter ebenfalls Bestandteil der Ausnahmebewilligung sind, ist nicht bekannt.

Beachtenswert ist insofern, dass erst die EU-Sanktionierung von Ende Juli 2026 im europäischen Markt einschlug. Nach der 50-Prozent-Regel hätten die amerikanischen Sanktionen eigentlich auch die regionalen Importgesellschaften erreichen können.

Keine international tätige Bank kann es sich leisten, die OFAC-Listen zu ignorieren.

Nur wirkt die Regel automatisch bloss gegen bekanntes Eigentum. Wer 5th Avenue gegen die OFAC-Listen abglich, erhielt keinen Treffer; wer die Gesellschafterin Altabana prüfte, ebenso wenig. Das liegt nicht an nachlässigen Banken, sondern an der Systematik der Geldwäschereiregeln.

Den wirtschaftlich Berechtigten muss jede Bank feststellen, aber die Beteiligungskette wird dabei nicht durchmultipliziert.

Weicheres KYC bei 50:50-Anteil

Das deutsche Geldwäschegesetz wie die Schweizer Standesregeln rechnen die Beteiligung einer Zwischengesellschaft nur dann weiter, wenn eine natürliche Person diese Gesellschaft mit mehr als 50 Prozent beherrscht. Genau dort reisst die Kette: Per Ende 2024 hielt ITI Cigars an Altabana exakt 50,0 Prozent. Keine Mehrheit, keine Beherrschung, keine Weiterverfolgung der Linie per KYC-Regeln.

Mit anderen Worten: Während sich die Sanktionierung theoretisch per 50-Prozent-Regel von oben nach unten vererbt, erfasst die von unten kommende KYC Strukturen oberhalb von 50:50 nicht mehr. Vermutlich war es diese kleine Unschärfe, die erklärt, warum aufgrund der OFAC-Sanktionen in Europa noch keine regionalen Länderimporteure in Schwierigkeiten gerieten.

Rechnet man die Anteile dennoch durch, landet Chen Zhi bei 5th Avenue bei 22,8 (nach der Erhöhung des Altabana-Anteils auf 80 Prozent Ende 2025) und bei Intertabak gemäss den letzten bekannten Quoten 2024 bei nur 14,3 Prozent – beides ebenfalls unter der KYC-Meldeschwelle von 25 Prozent. Beide Regelwerke greifen dann zur Ersatzlösung und halten die geschäftsführende Person fest. In den Dossiers stand also, korrekt nach Vorschrift, ein operativer Manager in der Schweiz oder in Deutschland.

Auch das spanische Geschäft ist teilweise gesperrt

Dass auch die Madrider Zentrale keineswegs über den Berg ist, zeigte Cigars-Connect: Gemäss einem erst am Samstag erschienenen Nachrichtenbeitrag des Portals hatte die spanische Dirección General del Tesoro die Konten der Tabacalera bereits am 30. Juli 2026 eingefroren, dem Tag der EU-Listung.

Seither muss jede Zahlung des Unternehmens vorgängig behördlich bewilligt werden, von den Lieferantenrechnungen bis zu den Löhnen. Die Bank ING España hatte die Geschäftsbeziehung schon Ende 2025 beendet, wie aus Medienberichten hervorgeht.

Eine europäische Ausnahmebewilligung nach amerikanischem und britischem Muster sei beantragt, wie es heisst.

Rettung aus Abu Dhabi?

In welche Richtung es in Sachen Habanos-Joint-Venture gehen könnte, zeigt ein Akteur, der Ende 2024 gegründet wurde. Die Renovaire Group Holding RSC aus Abu Dhabi hielt zum Zeitpunkt, als die Sanktionen und übrigen juristischen Massnahmen detonierten, 42,9 Prozent an Zhis Asia Uni Corporation in Hongkong, der Alleineigentümerin der Allied Cigar Corporation.

Spanische Publikationen handeln nun die Renovaire Group als wahrscheinlichste Anlaufstelle für den verbleibenden 57,1-Prozent-Anteil von Chen Zhi. Doch wie will ein im chinesischen Gefängnis einsitzender, in den USA und in der EU sanktionierter Eigentümer den Rest seiner Anteile verkaufen oder übertragen? Man darf gespannt sein, welche Lösung die Liquidatoren hier entwickeln.

Struktur bleibt verwundbar

Selbst wenn es gelingen sollte, Chen Zhi als Shareholder loszuwerden, bleiben die kubanische Zigarrenproduktion und ihr weltweiter Vertrieb verwundbar.

Ein Detail, das dies verdeutlichen mag: Der kubanische Staat hat seine eigene Beteiligung an der Vertriebsgesellschaft Altabana mit über 500 Millionen Euro Umsatz (2024) an einer Gesellschaft in der Freihandelszone von Madeira aufgehängt.

Laut portugiesischem Handelsregister gehört diese zwei natürlichen Personen mit Wohnsitz in Kuba — mutmasslich Strohmännern eines Regimes, dessen Zeit langsam aber sicher abläuft.


Die Eigentümerkette in einem Bild: Verstehen Sie die verschachtelte internationale Struktur des kubanischen Zigarren-Business auf unserer separaten Datenseite.