Von der Frankreich- zur Eurokrise?

Während die Schüler auf den Strassen des Landes protestieren und randalieren, schlägt der Anleihemarkt Alarm. Der Renditeabstand zwischen zehnjährigen französischen und deutschen Staatsanleihen weitete sich innerhalb einer Woche um 32 Basispunkte auf 141 Basispunkte aus. Das war der stärkste Wochenanstieg seit Beginn der verfügbaren Bloomberg-Daten im Jahr 1990. Zu Wochenbeginn näherte sich der Spread sogar 150 Basispunkten. 

Toxische Gemengelage

Das «Wall Street Journal» betitelte Frankreich sogar als «Ground Zero», als zentralen Ort der aktuellen weltweiten Verwerfungen auf dem Markt für Staatsanleihen. Aktuell bilden dort eine hohe und rasant zunehmende Verschuldung, eine besonders schwache Konjunktur sowie eine politische Pattstellung eine toxische Gemengelage. Der weltweite Anleihenverkauf treffe Frankreich «schneller und härter», als erwartet worden sei, hiess es etwa bei Bloomberg.

Damit verlangen Investoren für französische Staatsschulden inzwischen einen Risikoaufschlag gegenüber Deutschland, wie er zuletzt während der europäischen Staatsschuldenkrise vor rund 14 Jahren zu beobachten war. 

Mark Dowding von RBC Bluebay Asset Management, fühlt sich an die EU-Staatsschuldenkrise 2012 erinnert, als die Spreads ähnlich hoch waren: «Damals schien der Zusammenbruch der Einheitswährung möglich, und auch heute baut sich am Anleihemarkt ein Gefühl der Krise auf.»

Euro fällt deutlich

Der Euro ist auf den niedrigsten Stand seit 17 Monaten gefallen. Der Wechselkurs zum Dollar lag am Montag auf seinem Tiefpunkt bei 1,116. So schwach war die Gemeinschaftswährung zuletzt im Mai 2025. Allein in den vergangenen sechs Wochen resultierte zum Dollar ein Minus von 5 Prozent.

«Mittlerweile haben die Sorgen auch den Euro erfasst, der in den letzten Monaten von den Eskapaden an den Anleihemärkten mehr oder weniger unberührt geblieben war», erklärte Analystin Thu Lan Nguyen von der Commerzbank gegenüber dem Handelsblatt. 

Für Frankreich wird es teuer

Der französische Premierminister Sébastien Lecornu will 54 Milliarden Euro einsparen und hat am 1. Oktober die Grundzüge des Haushalts 2027 vorgestellt. Die Ausgangslage ist schwierig: Frankreich hat seit 1973 (!) keinen ausgeglichenen Haushalt mehr verabschiedet und kurz vor den Neuwahlen findet Lecornu wenig Unterstützung. Die Staatsschulden summieren sich mittlerweile auf 3 596 Milliarden Euro – das sind etwa 119 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das selbst gesteckte Ziel einer Neuverschuldung von fünf Prozent für dieses Jahr hat die Regierung bereits Anfang September ausgesetzt.

Gleichzeitig wird die Refinanzierung teurer. Frankreich muss 2027 voraussichtlich rund 338 Milliarden Euro am Kapitalmarkt aufnehmen. Für den Schuldendienst werden bereits 81 Milliarden Euro veranschlagt, 15 Prozent mehr als bisher angenommen. Besonders problematisch: Ein Teil der nun auslaufenden Anleihen wurde noch während der Niedrigzinsphase zu deutlich günstigeren Konditionen finanziert. 

Deutschland profitiert noch

Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen stieg zeitweise auf knapp 5 Prozent, den höchsten Stand seit 2002. Zum Vergleich: Deutsche Bundesanleihen gleicher Laufzeit rentierten gleichzeitig bei rund 3,6 Prozent. 

Bemerkenswert ist die gegenläufige Entwicklung deutscher Bundesanleihen. Während Investoren bei Frankreich immer höhere Risikoprämien verlangen, fliesst Kapital in deutsche Staatspapiere.

Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fiel gegenüber ihrem jüngsten Hoch um mehr als 20 Basispunkte. Die Bundesanleihe übernimmt damit innerhalb des Euroraums zunehmend wieder die Rolle des sicheren Hafens. 

Zum Höhepunkt der Staatsschuldenkrise kamen selbst Bundesanleihen zeitweise unter Druck, und zwar als befürchtet wurde, dass Deutschland als eines der grössten Geberländer selbst Bonitätsprobleme bekommen könnte. Erste Anzeichen für einen Ansteckungseffekt auf Deutschland wären daher ein Warnsignal, hiess es dazu.

Ansteckung auf Italien und Spanien

Frankreich ist allerdings nicht mehr der einzige Markt, bei dem Investoren höhere Risikoprämien verlangen. Auch italienische Staatsanleihen gerieten zuletzt unter Druck. Bei zweijährigen Papieren stiegen die Renditen deutlich. 

Auch Spanien wird zunehmend zum Problemfall. Dort löste Ministerpräsident Pedro Sánchez am Montag das Parlament auf und rief Neuwahlen aus. Die Angst vor den politischen Folgen vorgezogener Neuwahlen in Spanien verstärke den Druck auf den Euro, sagt Analyst Jochen Stanzl von der Consorsbank.

Noch spricht allerdings einiges gegen eine Wiederholung der Krise von 2011 und 2012. Deutschland profitiert weiterhin von Kapitalzuflüssen, und die Europäische Zentralbank verfügt heute über Instrumente, die es damals in dieser Form noch nicht gab.

Die EZB als Rückversicherung

Seit der Staatsschuldenkrise hat die EZB mehrere Schutzmechanismen geschaffen. Dazu gehört das 2022 eingeführte Transmission Protection Instrument (TPI). Es erlaubt der Notenbank grundsätzlich, Staatsanleihen einzelner Euro-Länder zu kaufen, wenn sich deren Risikoaufschläge fundamental nicht gerechtfertigt ausweiten und dadurch die geldpolitische Transmission gefährdet wird. 

Genau deshalb beobachten Anleger derzeit nicht nur die französischen Renditen, sondern vor allem, ob sich die höheren Spreads auf weitere Länder übertragen.

Grossbritannien mit mehr als 6 Prozent

Der Druck auf langfristige Staatsanleihen beschränkt sich ohnehin nicht auf die Eurozone. In Grossbritannien überschritt die Rendite 30-jähriger Staatsanleihen Anfang Oktober erstmals seit 1998 wieder die Marke von 6 Prozent. Zehnjährige Gilts erreichten zeitweise den höchsten Stand seit 2007. 

Dahinter steht ein übergeordnetes Problem der internationalen Bondmärkte: Staaten müssen grosse Mengen neuer Schulden platzieren, während die Notenbanken ihre Anleihebestände nicht mehr wie während der Nullzinsjahre ausweiten.

Investoren verlangen deshalb eine höhere Laufzeitprämie für Inflations-, Fiskal- und Refinanzierungsrisiken. Der Renditeanstieg am langen Ende ist damit nicht einfach eine Wette auf weitere Leitzinserhöhungen. 

Hedge Funds profitieren vom Ausverkauf

Gewinner der heftigen Bewegungen sind teilweise systematische Hedge Funds. Trendfolger setzen bereits seit Monaten auf fallende Anleihekurse. Der Tactical Trend Fund von Graham Capital lag Ende September seit Jahresbeginn mehr als 31 Prozent im Plus, Wintons Diversified Macro Fund bei 17,5 Prozent und der Flaggschifffonds von Aspect Capital bei 21 Prozent. 

Gleichzeitig kann der Abbau gehebelter Positionen die Ausschläge verstärken. Besonders in europäischen Peripherieanleihen wurden zuletzt Carry-Trades aufgelöst.