Weshalb ein Campingplatz manchmal das bessere Börsenseminar ist
Von Joel Frick, Portfoliomanager bei Bendura Bank
Sommer-Grüsse aus Jesolo, genauer gesagt von einem Campingplatz an der italienischen Adriaküste. Wer mit Kindern reist, weiss: Ferien sind hier weniger stiller Rückzug als ein eigener kleiner Kosmos aus Sand zwischen den Füssen, Fahrrädern vor dem Mobilheim, Gelati am Nachmittag und der täglichen Frage, ob zuerst Pool, Strand oder Spielplatz kommt.
Gerade das macht den Reiz aus. Jesolo ist kein Ort, an dem man lange nach Programm suchen muss. Vieles ist unkompliziert, lebendig und direkt. Die Tage folgen einem einfachen Rhythmus: morgens Meer, mittags Schatten, abends Pizza, Pasta oder ein Spaziergang entlang der Promenade. Dazwischen bleibt genug Raum, um Abstand zum Alltag zu gewinnen und die Perspektive zu wechseln.
Ein Campingplatz ist dabei fast ein kleines Lehrstück in Organisation und Pragmatismus: Viele Menschen, unterschiedliche Bedürfnisse, begrenzter Raum – und trotzdem funktioniert vieles erstaunlich gut, wenn die Infrastruktur stimmt und jeder weiss, worauf es ankommt. Auch beim Investieren ist das nicht ganz anders.
Richtige Fragen
An der Schweiz schätze ich genau diese Verbindung aus Verlässlichkeit, Qualität und Weitblick. Sie zeigt sich in der Art, wie gearbeitet, diskutiert und entschieden wird. Schweizer Anleger sind häufig sehr anspruchsvoll, aber auch sehr reflektiert. Sie stellen die richtigen Fragen: nicht nur nach Rendite, sondern auch nach Risiken, Stabilität, Währungen und der Frage, wie ein Portfolio durch unterschiedliche Marktphasen kommt.
Zugleich hat die Schweiz eine besondere Fähigkeit, langfristig zu denken, ohne den Blick für das Konkrete zu verlieren. Das passt gut zu unserer Arbeit als Portfoliomanager. Denn gerade in einem Umfeld, in dem Märkte stark von einzelnen Themen wie künstlicher Intelligenz, Geldpolitik oder geopolitischen Spannungen getrieben werden, ist es entscheidend, nicht jeder kurzfristigen Bewegung hinterherzulaufen.
Mehr Chancen als Risiken
Für Schweizer Anleger sehen wir derzeit vor allem in Europa mehr Chancen als Risiken. Ein wichtiger Grund ist, dass die Inflationserwartungen weiter zurückkommen könnten, unterstützt durch nachlassende Ölpreise. Gleichzeitig dürften fiskalische Impulse in Europa zusätzliche Wachstumsimpulse setzen. Wenn sich dadurch auch das Konsumentenvertrauen verbessert, könnte dies europäischen Unternehmen Rückenwind geben.
In unseren Portfolios setzen wir auf einen Core-Satellite-Ansatz mit Schwerpunkten in den Sektoren Versorger, Informationstechnologie und Industrie. Diese Kombination erlaubt es, stabile, strukturell relevante Geschäftsmodelle mit selektiven Wachstumschancen zu verbinden. Europa ist dabei übergewichtet, weil die Region aus unserer Sicht aktuell ein attraktiveres Chancen-Risiko-Verhältnis bietet als vielfach wahrgenommen.
Eine wichtige Voraussetzung bleibt allerdings, dass Europa sein Produktivitätswachstum verbessert. Auch politische Hürden müssten besser koordiniert werden, und die Abhängigkeit von anderen Grossmächten sollte weiter abnehmen. Sollte sich der KI-Hype zudem an den Märkten etwas abkühlen, könnte die sogenannte Old Economy – und damit insbesondere Europa – von Kapitalrotationen profitieren.
KI als Klumpenrisiko
Aktiv vermeiden wir derzeit eine neutrale oder übergewichtete Position in US-Aktien. Der Grund liegt vor allem in der hohen Bewertung vieler KI-exponierter Unternehmen und dem daraus resultierenden Klumpenrisiko in den grossen Aktienindizes. Für Schweizer Anleger mit weltweitem Fokus ist dies besonders relevant, weil viele globale Portfolios inzwischen stärker von wenigen US-Technologiewerten abhängen, als es auf den ersten Blick sichtbar ist.
Auch beim US-Dollar bleiben wir vorsichtig und vermeiden ein Übergewicht auf Gesamtportfolioebene. Das Vertrauen in den Greenback hat zuletzt gelitten, während tiefere Inflationserwartungen und die geldpolitische Diskussion in den USA weitere Aufwertungen begrenzen könnten. Hinzu kommt die angespannte fiskalpolitische Lage, die sich im Vorfeld der US-Midterms weiter zuspitzen könnte.
Für uns bedeutet das: Chancen nutzen, aber Konzentrationsrisiken ernst nehmen. Ein gutes Portfolio muss nicht an jedem Trend maximal beteiligt sein. Es sollte vielmehr robust genug sein, um auch dann zu funktionieren, wenn sich die Marktführerschaft verschiebt – so wie ein guter Campingplatz auch nicht vom perfekten Wetter allein abhängt, sondern von guter Planung, verlässlicher Infrastruktur und der Fähigkeit, auf wechselnde Bedingungen gelassen zu reagieren.













