Das neue Anlageparadigma: Was ein CIO jetzt wirklich denkt
Guy Ertz ist seit über 20 Jahren im Markt, und der Deputy Global CIO von BNP Paribas Wealth Management weiss: In Zeiten von Unsicherheit ist guter Rat teuer, und ein zu grosser Risikoappetit kann schnell ins Verderben führen.
Als Deputy Global Chief Investment Officer prägt Ertz die makroökonomische Analyse, die strategische Asset-Allokation sowie die globale Investmentstrategie des Hauses.
Derzeit sieht er folgende Trends:
1. Die neuen Fronten der künstlichen Intelligenz
Die Debatte über künstliche Intelligenz (KI) hat sich von einer reinen Technologiefrage zu einer strategischen Ressourcen- und Kapitalallokationsfrage entwickelt. Ertz blickt längst über Softwaremodelle hinaus. «Entscheidend ist, wer in der neu entstehenden Wertschöpfungskette die unverzichtbaren Inputs liefert», sagt er.
Immer mehr Kapital fliesst nicht zu den KI-Herstellern selbst – deren Bewertungen teils ambitioniert sind –, sondern zu denjenigen, welche die Infrastruktur bereitstellen, die KI überhaupt erst ermöglicht. Dazu gehören Energieproduzenten (einschliesslich dezentraler Nuklearkapazitäten), Unternehmen aus dem Bereich erneuerbarer Energien und Speichertechnologien, Betreiber von Datenzentren sowie Anbieter von Cybersecurity-Lösungen.
Ertz zieht gerne eine Parallele zum Goldrausch in Kalifornien Mitte des 19. Jahrhunderts: «Im Rückblick war es clever, denen Geld zu leihen, die nicht selber nach Gold suchten, sondern die das verkauften, was die anderen alle brauchten. Und zwar die Schubkarren, die Schaufeln: die Pick and Shovel Strategie.»
Defensiver Ansatz ist angesagt
Nach dieser Strategie würden er und sein Team auch jetzt verfahren, so Ertz weiter. «Man weiss natürlich nicht, was KI am Ende bringt oder wer in der Branche wirklich überleben wird. Deshalb ist unserer Meinung nach ein defensiverer Ansatz angesagt. Aber KI ist natürlich eine wichtige Komponente für die nächsten Jahre sowie eine interessante Komponente dazu.»
Entscheidend ist laut ihm, dass KI nicht primär menschliche Arbeit ersetzt, sondern deren Produktivität erhöht. In alternden Volkswirtschaften fungiere Robotik zudem als demografischer Ausgleichsfaktor.
2. Das neue Zeitalter der Knappheit (rationierte Ressourcen)
Neben der technologischen Dynamik rückt die Knappheit kritischer Ressourcen ins Zentrum wirtschaftlicher Rivalität. Metalle, Energie, Wasser und seltene Erden stehen zunehmend im Wettbewerb zwischen Staaten und Industrien – eine Entwicklung, die geopolitische Dimensionen hat.
Gold bleibt strukturell gestützt, insbesondere durch den Trend zahlreicher Zentralbanken, ihre Abhängigkeit vom Dollar zu reduzieren. Das Aufwärtspotenzial gilt laut Ertz als begrenzt.
Weit dynamischer ist seiner Ansicht nach die Perspektive bei industriellen Metallen. «Infrastrukturprogramme, Elektrifizierung, Batterieproduktion und Rechenzentreninfrastruktur erzeugen einen strukturellen Nachfrageüberhang, während das globale Angebot nur langsam wächst», sagt er. Das begünstige Produzenten von Kupfer, Nickel, Lithium und verwandten Metallen.
Weniger spektakulär, aber sehr interessant
Wasser entwickelt sich derweil zu einem der strategisch wichtigsten Rohstoffe der kommenden Dekaden. «Die Knappheit wird durch KI-Rechenzentren, Landwirtschaft und Urbanisierung verschärft», sagt Ertz. Gefragt sind Unternehmen, die Technologien für Entsalzung, Recycling und effiziente Verteilung bereitstellen. Der Sektor wächst weniger spektakulär als Tech, aber mit hoher Kontinuität und geringer Zyklizität – für viele institutionelle Anleger ein attraktives Profil.
Dass Ressourcenkonflikte geopolitische Spannungen verstärken können, wird seit Jahren diskutiert. Mindestens ebenso bedeutend ist jedoch die Angebotsseite: Knappheiten erzeugen Innovationsdruck und damit neue Märkte – insbesondere dort, wo technologische Lösungen Engpässe entschärfen.
3. Aufsteigende Chancen – der Reiz Asiens
Asien wird zunehmend zum strukturellen Wachstumspol der Weltwirtschaft – technologisch, fiskalisch und demografisch. Die Investmentlogik lässt sich in drei Achsen gliedern:
1. Technologie: Japan ist führend in Robotik, China in KI-Modellen und angewandter Plattformtechnologie, Korea und Taiwan sind es im Bereich Halbleitern. Die Region bietet damit eine Diversifikationsmöglichkeit weg von US-Tech, dessen Bewertungen vielerorts hoch sind.
2. Sozioökonomische Einkommensdynamik: Die Expansion der Mittelschichten schafft neue Nachfrage in Konsum und Finanzdienstleistungen. Versicherungen, Altersvorsorgeprodukte und Retail-Banking profitieren überproportional davon – ein Muster, das historisch in entwickelnden Volkswirtschaften regelmässig zu beobachten ist.
3. Governance-Reformen: Die Corporate Governance wurde in den letzten Jahren substanziell verbessert. Japan war Vorreiter, weitere asiatische Märkte folgen. Für ausländische Anleger reduziert dies nicht nur Informationsasymmetrien, sondern senkt auch traditionelle Investitionsbarrieren.
«Das Wachstumsbild Chinas verändert sich derweil fundamental – weniger spektakulär, aber nachhaltiger», sagt Ertz. Sinkende Wachstumsraten seien primär arithmetisch bedingt: Je grösser die Wirtschaft, desto geringer die prozentualen Zuwächse. «Entscheidend wird der Übergang von einem exportbasierten zu einem stärker binnenmarktorientierten Wachstumsmodell», betont er. Der Aufbau einer robusten Binnenkaufkraft könnte die Volatilität externer Nachfrage reduzieren und globalen Wettbewerbsdruck reduzieren.













