Europas Privatbanken droht Gewinnflaute – KI bietet Chancen

Europas Privatbanken stehen nach Jahren hoher Gewinne vor einem Wendepunkt. Zwar erreichte der Sektor 2025 mit einem Gewinnpool von 29,2 Milliarden Euro ein Rekordniveau, doch das Wachstum verliert deutlich an Dynamik. Sinkende Zinsmargen, schwächeres Vermögenswachstum in Europa und der technologische Wandel durch Künstliche Intelligenz setzen die Institute zunehmend unter Druck. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue McKinsey-Studie.

Verlangsamtes Wachstum

Nach dem kräftigen Gewinnsprung von 22 Prozent im Jahr 2023 verlangsamte sich das Wachstum auf vier Prozent im Jahr 2024 und sechs Prozent im Jahr 2025. Gleichzeitig sanken die Ertragsmargen auf 73 Basispunkte des verwalteten Vermögens, während die Kosten weiter stiegen. Die Cost-Income-Ratio verbesserte sich in den vergangenen Jahren nur geringfügig auf 67 Prozent.

Als grösste strukturelle Herausforderungen identifiziert McKinsey drei Entwicklungen: Europas vergleichsweise schwaches Vermögenswachstum, den bevorstehenden Generationenwechsel sowie den rasanten Fortschritt bei Künstlicher Intelligenz.

Während die privaten Finanzvermögen in Europa bis 2030 voraussichtlich jährlich um 4,8 Prozent wachsen, erwartet McKinsey für den asiatisch-pazifischen Raum ein Plus von 7,7 Prozent. Zudem werden bis 2030 Vermögenswerte von rund 2,4 Billionen Euro an die nächste Generation übertragen – ein Prozess, der laut Studie zehn bis 15 Prozent des Vorsteuergewinns eines typischen mittelgrossen Vermögensverwalters gefährden könnte.

Der demografische Wandel und der Generationenwechsel werde die Erwartungen und Ansprüche an Beratung, Service und Kundenbindung tiefgreifend verändern, heisst es weiter. Statt reiner Finanzberatung und Vermögensverwaltung müssten sich Kundenbetreuer zu Koordinatoren von Kundenbeziehungen wandeln, die die nächste Generation als «Lebens-» oder «Familienberater» einbinden.

Kunden sind offen für KI

Gleichzeitig steigt die Bedeutung von KI. Bereits 26 Prozent der vermögenden Kunden stehen laut der McKinsey-Umfrage der Nutzung von KI für Finanzenscheidungen oder Anlageberatung offen gegenüber. Viele Banken beschränkten den Technologieeinsatz jedoch bislang auf einzelne Prozesse wie Dokumentenerstellung oder Wissensmanagement. Wettbewerbsfähig blieben vor allem Institute, die KI umfassend in Beratung, Portfoliomanagement und operative Prozesse integrierten, so die Autoren. Vermögende Kunden würden KI schneller einsetzen, als Privatbanken sie implementieren.

KI würde sich sehr schnell zu einem Wettbewerbsvorteil entwickeln, der die Produktivität von Kundenbetreuern um bis zu 45 Prozent steigern könnte. Damit kann der Compliance-Aufwand deutlich reduziert und die Qualität der Kundeninteraktionen verbessert werden. Die Relationship-Manager könnten sich damit zudem stärker auf die Neukundengewinnung fokussieren.

Erhebliches Potenzial

Dennoch sieht McKinsey erhebliches Potenzial. Durch eine konsequentere Ausschöpfung bestehender Kundenbeziehungen, produktivere Kundenberater, einen umfassenden KI-Einsatz und effizientere Betriebsmodelle könnten Europas Privatbanken ihre Profitabilität bis 2030 um 25 bis 35 Prozent steigern. Das entspräche einem zusätzlichen Gewinnpotenzial von bis zu 10 Milliarden Euro. Voraussetzung sei allerdings ein grundlegender Strategiewechsel – weg von inkrementellen Verbesserungen hin zu einer Neuausrichtung von Vertrieb, Technologie und Organisation.