Bernhard Lachenmeier: «In unserer Beziehung zur SIX spüre ich keine Animositäten»
Wer einen Blick auf den Aktienkurs des französischen Zahlungsdienstanbieters Worldline wirft, erschrickt. Die an der Euronext gehandelten Titel haben seit dem Höchststand im Jahr 2021 von über 80 Euro stark an Wert eingebüsst – und dümpeln heute um 1.50 Euro.
Dieses Debakel hat auch die SIX, die Betreiberin der Schweizer (und teilweise auch der spanischen) Finanzmarktinfrastruktur, schmerzhaft zu spüren bekommen. Im Jahr 2018 verkaufte sie ihr Kartengeschäft SIX Payment Services an Worldline und übernahm im Gegenzug ein Aktienpaket. Auf dieses fielen bis heute Wertberichtigungen von insgesamt deutlich über 1 Milliarde Franken an.
Ein Kenner der Schweizer Zahlungslandschaft
Bernhard Lachenmeier, der im Oktober 2025 als Managing Director von Worldline Schweiz angetreten ist, weiss, worauf er sich eingelassen hat. Er kennt die nationale Zahlungslandschaft und auch die internationale Szene seit über zwei Jahrzehnten. Von 2004 bis 2015 war er in leitenden Positionen für SIX Payment Services tätig. Danach amtete er als CEO des Zahlungslösungsanbieters CCV, und zuletzt hatte er die Funktion Head Shopping & Merchant Solutions bei der Postfinance inne.
Das Geschäftsmodell von Worldline ist im Grundsatz einfach: Kunden sind die Händler, die eine Debit- oder Kreditkarte oder Twint als Zahlungsmittel akzeptieren. Ein kleiner Teil der Gebühr, welche die Händler berappen müssen, geht an Worldline, den grossen Rest kassieren Banken und Kartenorganisationen. Worldline bietet zudem gegen eine Gebühr die Zahlungsinfrastruktur an, also die physischen Terminals bei der Verkaufsstelle und auch virtuelle Systeme, z.B. beim Online-Shopping.
Herr Lachenmeier, warum haben Sie zu Worldline gewechselt? Angesichts des Aktienkurses der letzten Jahre handelt es sich doch um ein Himmelfahrtskommando.
Egal, wo der Börsenkurs heute steht: Worldline war und ist dank hervorragender Produkte in der Schweizer Zahlungsdienstlandschaft der Platzhirsch. Ich darf nun beim Branchenprimus mitwirken und habe seit Oktober keine Sekunde daran gezweifelt, dass mein Entscheid der richtige war.
Warum ist denn Worldline so stark unter Druck geraten?
SIX Payment Services funktionierte seinerzeit mit einfachem Businessmodell, alles wurde hier entwickelt und implementiert. Aber die Zahlungsindustrie ist immer globaler und internationaler geworden, langfristig hätte man so in der Schweiz nicht mehr weitermachen können. Mit der Übernahme versuchte Worldline, Schweizer Produkte und Dienstleistungen weltweit zu vermarkten und ausländische Produkte hier zu skalieren. Das führte zu einer hohen Komplexität, was die Profitabilität belastete. Damals war Worldline auf einer ausgedehnten Shoppingtour und hatte am Schluss 15 verschiedene Plattformen. Der Schweizer Standort hat auch darunter gelitten, dass Entscheide zur Produktentwicklung plötzlich zentral getroffen worden sind.
«Worldline hat einen grossen Lernprozess durchlaufen und das Portfolio bereinigt. Aber es gibt noch viel zu tun.»
Und was spricht dafür, dass es nun besser werden wird?
Ich bin zuversichtlich, weil die Geschäftsleitung von Worldline in den letzten Jahren einen grossen Lernprozess durchlaufen hat. Heute sitzen Persönlichkeiten darin, die viele Kompetenzen und praktische Erfahrungen mitbringen. Zudem hat Worldline mit Devestitionen das Portfolio bereinigt. Das schafft Vertrauen. Aber es gibt noch viel zu tun.
Im November 2025 hat Worldline den Strategieplan North Star 2030 vorgestellt. Hat die Umsetzung Auswirkungen für die Schweiz?
Ja, und diese sind ganz klar positiv. Von den verschiedenen Verarbeitungsplattformen bleiben zwei, und der Kern einer dieser Plattformen befindet sich in der Schweiz. Auch die Software für die Terminals, die nun weltweit ausgerollt wird, stammt aus der Schweiz. Die Schweiz wird auch als Entwicklungsstandort gestärkt.
Was für Ziele haben Sie sich gesetzt? Soll Worldline Schweiz wieder eigenständiger agieren können?
Eigenständigkeit ist ein grosses Wort. Heute sind wir daran, die Synergien aus der Zugehörigkeit zu einer globalen Gruppe zu nutzen. Wichtig ist zudem, dass man die Relevanz des Standorts Schweiz im Konzern wieder besser wahrnimmt. Wir steuern 15 Prozent des Gesamtumsatzes bei, und der Standort ist wie erwähnt auch für die Entwicklungsleistungen zentral. Zudem möchten wir den hiesigen Zahlungsmarkt wieder mit Innovationen voranbringen.
«Es müssten ziemlich viele Stecker zugleich gezogen werden, dass unsere Systeme über Nacht ausser Betrieb gingen.»
Wie wichtig ist Worldline Schweiz für den hiesigen Zahlungsverkehr? Offiziell ist ihr Unternehmen von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) nicht als ‹systemisch bedeutsam› eingestuft. Welche Folgen hätte es, wenn Ihre Systeme von heute auf morgen kollabieren würden?
Unabhängig davon, wie die SNB die systemische Bedeutsamkeit definiert, sind wir für das Funktionieren der Schweizer Volkswirtschaft durchaus eine relevante Grösse und uns dessen auch bewusst. Wir haben deshalb detaillierte Notfallpläne definiert und andere Vorkehrungen getroffen, damit unsere Systeme resilient bleiben, z.B. bei Cyber-Attacken oder Stromausfall. Wir führen auch regelmässig entsprechende Tests durch. Es müssten also ziemlich viele Stecker zugleich gezogen werden, dass unsere Systeme über Nacht ausser Betrieb gingen.
Jahrzehntelang war der Zahlungsmarkt wenig aufregend. In jüngster Zeit ist aber national und international viel in Bewegung, auch dank neuer Technologien: kontaktloses Bezahlen, Buy now pay later, Stablecoins, Central Bank Digital Currency (CBDC) usw. Was sind die wichtigsten Trends aus Ihrer Sicht?
Im Zeitalter der Digitalisierung ist für mich das Einbetten des Zahlungsprozesses in das Kundenerlebnis der grösste Trend. Sie haben recht: Vor gut 20 Jahren waren wir noch quasi das Amt für Transaktionen. Der Schritt von der magnetbasierten zur Chipkarte dauerte zehn Jahre, weitere fünf Jahre brauchte es, bis das kontaktlose Zahlen funktionierte. Heute dreht sich das Rad der Innovationen immer schneller. Aber es besteht eine gewisse Gefahr, dass die Branche Technologien in den Markt pusht, die eigentlich niemand will.
«Es besteht eine gewisse Gefahr, dass die Branche Technologien in den Markt pusht, die eigentlich niemand will.»
Und was soll sie stattdessen tun?
Die Zahlungsform und -art ist heute für Kunden ein wesentliches Argument, um eine Ware oder eine Dienstleistung bei einem bestimmten Händler zu erwerben oder nicht, egal ob im virtuellen oder physischen Raum. Die Branche hat das begriffen, und weil die Kundenpräferenzen ziemlich unterschiedlich sind, können Sie deshalb in der Schweiz oft unter zehn verschiedenen Bezahlarten auswählen. Die Aufgabe als Zahlungsdienstanbieters lautet, auch weiterhin alles zu tun, damit der Kunde das aktuell von ihm bevorzugte Zahlungsmittel verwenden kann, und dass der Händler keinen Kunden beim Payment verliert.
Die Frage des Zahlungsmittels polarisiert sogar Teile der Bevölkerung. Es wogt der Streit zwischen den Befürwortern von Bargeld versus die Fürsprecher unbarer Zahlungsmittel, aber auch die geplante Einführung von digitalem Zentralbankgeld CBDC durch die Europäische Zentralbank sorgt für erregte Debatten. Was ist Ihre Position?
Dass jeder so zahlen können soll, wie er es möchte. Es gibt für jede Zahlungsform sinnvolle Anwendungsfälle: für Instant Payments, also Sofortzahlungen, beispielsweise im Occasionshandel. Die Zahlungsform muss natürlich auch dem Anbieter, also dem Händler, zusagen. Nicht wir sagen, welche Form wann wofür effizient ist. Wir machen das, was die Kunden wünschen und für die Händler möglichst einfach ist. Und wir stellen sicher, dass auch die Prozesse nach dem Zahlungsvorgang effizient und sicher funktionieren.
«Nicht wir sagen, welche Zahlungsform wann wofür effizient ist. Wir machen das, was die Kunden wünschen und für die Händler möglichst einfach ist.»
Würden Sie es begrüssen, wenn die SNB eine Retail-CBDC lancieren würde? Oder hätten Sie lieber einen privaten Stablecoin in Franken?
Wir haben diesbezüglich keine Präferenzen, entscheidend sind für uns die Prozesse, die dahinterstecken und die wir verstehen müssen, wenn solche Innovationen an Akzeptanz gewinnen. Aber nur weil etwas technologisch innovativ ist, muss es noch lange kein Selbstläufer sein. 2025 haben wir beispielsweise eine Plattform für Bitcoin-Zahlungen abgeschaltet, mangels Verkehr und Nutzern.
Sie haben Instant Payments erwähnt, eine Zahlungsform, die auch von der SNB massiv gefördert wird. Die Benutzer sind damit aber noch sehr zurückhaltend.
Die Technologie ist das eine, das Businessmodell nochmals was anderes. Wenn Sie in die Details gehen, sind Zahlungsprozesse ziemlich komplex. Ein Scheme-Regelwerk umfasst beispielsweise 300 Seiten. Darin ist u.a. geregelt, wie es funktioniert, wenn man tanken will, also noch nicht weiss, wie hoch der genaue Betrag ausfallen wird. Es gibt viele alltägliche Use Cases, bei denen Instant Payment zurzeit nicht in Frage kommt. Denken Sie etwa an Hotelbuchungen mit Vorreservations- und Bevorschussungselementen. Dort haben Karten weiterhin viele Vorteile, weil schon lange bewährte Regeln vorhanden sind.
Im Oktober wurde das Netzwerk SEPN (Gerät EFTPOS) für den sicheren Austausch von Benutzerdaten bei Kartenzahlungen lanciert, das auf der SCION-Technologie der ETH basiert. Wie wichtig ist das Projekt für Worldline?
Wir sind heute bereits vollumfänglich SEPN compliant. Zum besseren Verständnis: Schon die SIX hatte seinerzeit mit dem Finance IP-Net eine für Transfers sichere und resiliente Umgebung entwickelt, die ausser von den Banken auch von grossen Händlern wie der SBB, Migros und Coop benutzt wurde. Diese Plattform ist später von einem Netzwerk abgelöst worden, bei dem Händler nicht mehr mitmachen können. Doch viele Händler wollen nicht über ein ungesichertes Netzwerk gehen. Das von der SEPN Association entwickelte SEPN schliesst diese Lücke. Nun können auch Händler den Kartenzahlungsverkehr wieder über ein System abwickeln, das gegen Cyber-Attacken und Stromausfall geschützt ist und eine neutrale Governance hat.
Im Rückblick und aus einer Schweizer Perspektive: War der Verkauf von SIX Payment Services an Worldline 2018 nicht ein Fehler?
Der Verkauf ergab damals insofern Sinn, als sich die SIX explizit auf die Kernbereiche Zahlungsinfrastruktur und Börse konzentrieren wollte. Wir waren als SIX Payment Services mit dem Kartengeschäft damals für die SIX zwar lukrativ, aber doch etwas exotisch und auch nicht voll in die Organisation integriert. Der Entscheid, diese spezielle Sparte für die Weiterentwicklung in die Hände eines Profis wie Worldline zu legen, ist grundsätzlich nachvollziehbar.
«Unser Verhältnis zur SIX ist unverändert professionell und kooperativ.»
Im November hat die SIX bekanntgegeben, dass sie ihre Worldline-Beteiligung nur noch als finanzielle und nicht mehr als strategische Beteiligung betrachtet. Die SIX nimmt auch nicht an der Kapitalerhöhung im Rahmen von North Star 2030 teil. Trübt das Ihr Verhältnis?
Unser Verhältnis zur SIX ist unverändert professionell und kooperativ, wir haben ja auch unsere Büros immer noch dort. Dass sich die SIX nun auf ihren Auftrag beschränkt und die Beteiligung entsprechend umklassiert hat, ist verständlich. Die SIX ist für uns weiterhin eine sehr wichtige Kundin, ich spüre bei der Pflege der Beziehungen keine Animositäten.













