Nun offiziell anerkannt: Das Problem der abnehmenden Bargeldakzeptanz
Nun wird es etwas konkreter, wie der Negativspirale von schwierigerem Zugang, rückläufiger Bargeldnutzung und schwindender Bargeldakzeptanz begegnet werden soll, vor der Martin Schlegel, heute Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank (SNB), bereits 2022 gewarnt hatte.
Am Freitag hat die Eidgenössische Finanzverwaltung zusammen mit der SNB den zweiten runden Tisch Bargeld durchgeführt. Daran nahmen gemäss dem Communiqué der SNB rund 50 Vertreter von Bund, SNB, Banken, Werttransporteuren, Detailhandel, Dienstleistungsanbietern (z. B. Post und SBB) und Wirtschafts- und Konsumentenverbänden teil. In Fachreferaten und einem «Tour de Table» hätten die Teilnehmer nationale und internationale Entwicklungen bei Bargeldnutzung, Bargeldversorgung und Bargeldzugang beleuchtet und ihre Positionen und Beobachtungen dargelegt.
«Einschränkungen der Bargeldakzeptanz haben zugenommen»
Hintergrund ist der in ganz Europa und auch in der Schweiz zu registrierende Trend weg vom Bargeld hin zu bargeldlosen Zahlungsmitteln. 2017 wurden in der Schweiz noch über 70 Prozent der Zahlungen vor Ort mit Bargeld beglichen wurden, 2024 nur noch 30 Prozent. Auf der anderen Seite spricht sich unverändert ein Grossteil der Bevölkerung dafür aus, dass Bargeld weiterhin als Zahlungsmittel zur Verfügung steht.
Die SNB hält basierend auf ihre regelmässigen Umfragen fest, dass die Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Zahlungsmitteln für die Bevölkerung im Alltag zwar weiterhin grösstenteils gegeben sei. Aber sie hält auch, anders als früher, explizit fest: «Doch die Einschränkungen der Bargeldakzeptanz haben in den letzten beiden Jahren zugenommen; etwa im Detailhandel, im Bereich Kunst und Unterhaltung sowie im öffentlichen Verkehr. Gleichzeitig hat die Zahl der Geldautomaten, Bankschalter sowie Poststellen in den letzten Jahren abgenommen.»
Prinzipien für einen adäquaten Zugang zu Bargeld
Während es beim ersten runden Tisch Bargeld im Oktober 2023 noch wenig Handfestes gab, liegen nun erste Resultate vor.
So hat die von der SNB koordinierte Expertengruppe «Zugang zu Bargeld» , die seit Frühling 2024 am Werk ist, Leitsätze ausgearbeitet. Diese «Prinzipien adäquater Zugang zu Bargeld» sind von Antoine Martin, Vizepräsident des Direktoriums, vorgestellt worden – was zeigt, welche Bedeutung die Nationalbank der politisch recht aufgeladenen Thematik (jüngstes Stichwort dazu: Bargeldverbot am Kunsthaus und am Zürcher Weihnachtsmarkt) zumisst. Gemäss dem Communiqué dienen die Prinzipien als Leitplanken für die Infrastrukturbetreiber, damit der Zugang zu Bargeld auch bei abnehmender Nutzung erhalten bleibt und kein unkoordinierter Abbau der Bargeldinfrastruktur erfolgt.
- Das Netz an Zugangsstellen ist auf die Zahlungsmittelfunktion von Bargeld ausgerichtet. Die Bevölkerung soll darüber insbesondere Noten für Zahlungen beziehen können. Unternehmen sollen Noten und Münzen als Wechselgeld beziehen sowie überschüssige Noten und Münzen auf das eigene Konto einzahlen können.
- Die Ausgestaltung des Zugangsnetzes richtet sich nach dem Bedarf für Bargelddienstleistungen (als relevant gelten Bargeldbezüge und -einzahlungen, nicht aber Bareinzahlungen von Rechnungen). Je häufiger eine Bargelddienstleistung in Anspruch genommen wird, desto besser soll die Erreichbarkeit entsprechender Zugangsstellen sein. Die Erreichbarkeit wird an der Wegzeit für die Bevölkerung sowie die Unternehmen mit privaten Motorfahrzeugen oder dem öffentlichen Verkehr gemessen.
- Die Zugangszeiten von Zugangsstellen richten sich nach den Bedürfnissen der Bevölkerung sowie der Unternehmen im jeweiligen Einzugsgebiet. Einschränkungen der Zugangszeiten sind aufgrund von Sicherheitsüberlegungen der Betreiber möglich.
Die SIX, die Betreiberin der Schweizer Finanzmarktinfrastruktur, und die Post haben die Ergebnisse der Expertengruppe bereits aufgenommen und eine Konzeptstudie erstellt, welche die gemeinsame Nutzung von Bargeldzugangsstellen durch verschiedene Anbieter («Pooling)« prüft. Die SIX hatte bereits im August 2024 eine Kooperation mit Diepold Nixdorf bekanntgegeben, die dazu beitragen soll, die Bargeldversorgung sicherzustellen, und schon damals das Schlagwort «ATM-Pooling» bemüht.
Zankapfel öffentlicher Verkehr
Einen weiteren Schwerpunkt des zweiten runden Tischs bildete die politisch ebenfalls umstrittene abnehmende Bargeldakzeptanz im öffentlichen Verkehr (ÖV). Die Branche gehe davon aus, dass längerfristig bis zu 90 Prozent der Reisenden ihr Billett digital lösen würden, wodurch die Möglichkeiten, mit Bargeld zu bezahlen, weiter abgebaut werden.
Die SNB hält nun in ihrem Communiqué explizit fest, dass der ÖV allen offen stehen müsse. «Damit auch Reisende ohne Smartphone und Kreditkarte den öffentlichen Verkehr nutzen können, arbeitet die ÖV-Branche an pragmatischen Lösungen.»
Coronakrise: Alarmistische Bundesbehörden, passive SNB
Der runde Tisch geht auf einen Auftrag des Bundesrats zurück, der diesen im Rahmen seines Berichts «Die Akzeptanz von Bargeld in der Schweiz» im Dezember 2022 dem Eidgenössischen Finanzdepartement erteilt hatte.
In der Coronakrise hatte das Bundesamt für Gesundheit der Bevölkerung und dem Handel eindringlich empfohlen, wegen einer angeblichen Infektionsgefahr auf den Gebrauch von Münzen und Noten zu verzichten – und die Anbieter bargeldloser Zahlungsmittel hatten diese Steilvorlage genutzt, um ihren Marktanteil massiv zu erhöhen. Damals verzichtete notabene auch die SNB darauf, auf die epidemiologische Unbedenklichkeit des Einsatzes von Bargeld (für die es bald reichlich Indizien gab) hinzuweisen.
Problem mit sanfteren Mitteln als in der zweiten Bargeldinitiative lösen
Bargeld ist zum Politikum geworden, was auch in der Nutzung der direktdemokratischen Rechte zum Ausdruck kommt. Im Februar 2023 wurde die Volksinitiative «Bargeld ist Freiheit» eingereicht. Sie fordert, dass Münzen und Noten stets in ausreichender Menge vorhanden sind und dass ein allfälliger Ersatz des Frankens durch eine andere Währung Volk und Ständen vorzulegen wäre. Das Parlament hat im September beschlossen, die Initiative dem Volk mit einem direkten Gegenentwurf zur Ablehnung zu empfehlen.
Die im März 2023 gestartete radikalere zweite Initiative aus dem Lager der Verfechter von Barzahlungen «Wer mit Bargeld bezahlen will, muss mit Bargeld bezahlen können!» ist im Unterschriftenstadium gescheitert. Sie wollte detailliert regeln, wie der Bund eine flächendeckende Versorgung mit Banknoten zu garantieren hat. Sie wollte damit im Grunde das gleiche Problem lösen, das nun auch auch die Vertreter am runden Tisch umtreibt.
Auch sie operierte, ähnlich wie nun die Expertengruppe «Zugang zu Bargeld», mit dem Kriterium der Erreichbarkeit, definierte es allerdings rigoroser: In den Städten hätte alle 2 Kilometer eine Möglichkeit zum Bezug von Banknoten zur Verfügung stehen müssen. In Gemeinden mit 1'000 und mehr Einwohnern sah die Initiative zwingend mindestens eine Bezugsstelle vor, und für Bewohner kleinerer Gemeinden hätte der Weg dazu mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln nicht länger als 15 Minuten dauern dürfen.














