Risikokapital: Was der Bund tun kann, ohne Geld in die Hand zu nehmen

Es handelt sich um eines der Glaubensbekenntnisse, das hierzulande in der Wirtschaftspolitik einfach dazugehört: Weil es Probleme bei der Finanzierung von Startups gibt und deren Gedeihen wiederum zentral ist für den Wachstumstreiber Innovation, muss der Staat mehr tun – am besten, indem er finanzielle Anreize schafft, Garantien ausspricht oder über einen Fonds bzw. direkt als Risikokapitalgeber auftritt. Denn sonst gerät der Standort Schweiz im internationalen Vergleich ins Hintertreffen.

Die Denkfabrik Avenir Suisse hat sich in der am Dienstag publizierten Studie «Staatliches Risiko(-kapital)?» der Thematik angenommen; sie kommt zum Schluss, dass sich der Staat wie in den anderen Bereichen der Wirtschaftspolitik darauf beschränken sollte, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen.

Zentral für die Innovationskraft einer Volkswirtschaft

Ausgangspunkt der von Lukas Schmid und Noa Reggiani verfassten Studie ist eine Problemanalyse: Ist die Startup-Finanzierung in der Schweiz, wie so oft behauptet wird, wirklich eine Schwachstelle?

Avenir Suisse teilt die Auffassung der Befürworter von staatlichen Eingriffen, wonach ausreichend Risikokapital für Startups in besonderem Mass zur Innovations- und Wachstumsdynamik einer Volkswirtschaft beiträgt.

Wo sich die Geister scheiden

Doch bei der Beurteilung des hiesigen Risikokapitalmarkts scheiden sich die Geister. Schmid und Reggiani zeichnen nämlich ein freundliches Bild: Das investierte Risikokapital wachse seit Jahren stetig, international liege die Schweiz gemessen an der Quote zum Bruttoinlandprodukt im oberen Mittelfeld. Allerdings sei die durchschnittliche Finanzierungsrunde mittelmässig kleiner, was auch auf den vergleichsweise jungen Markt zurückgeführt wird. In den USA sind die Risikokapitalgeber im Schnitt schon 27 Jahre im Geschäft, in Europa nur 14 und in der Schweiz bloss 9 Jahre.

Entsprechend überrascht es nicht, dass der Markt hierzulande von ausländischen Geldgebern dominiert wird. Drei Viertel des in der Schweiz investierten Risikokapitals stammen aus dem Ausland, das besonders dann zum Zug kommt, wenn nach Abschluss der Frühphase der Mittelbedarf steigt.

Ausländische Geldgeber sind ein Gewinn, nicht ein Problem

Avenir Suisse sieht aber darin kein Problem, im Gegenteil. «Ausländische Geldgeber sind ein Gewinn für den Schweizer Risikokapitalmarkt – und den Startup-Standort insgesamt. Sie stellen Kapital und Knowhow dort bereit, wo eine Nachfrage besteht.» Wachstumsstarke Startups seien auf (Lead-) Investoren angewiesen, die sie mit Fachwissen und Netzwerkkontakten unterstützten. Der hohe Zufluss ausländischer Gelder wird daher Ausdruck eines attraktiven Ökosystems interpretiert. Die zwei Autoren erinnern zudem daran, dass der Markt in beide Richtungen spielt: Schweizer Risikokapitalgeber investierten nämlich umgekehrt auch 80 Prozent ihrer Mittel im Ausland.

Allerdings wird auch in der Studie nicht in Frage gestellt, dass der Markt für Schweizer Risikokapital selber noch in der Entwicklungsphase steckt: «Im Unterschied etwa zu den USA haben institutionelle Anleger wie Pensionskassen, Versicherungen oder Asset Manager in der Schweiz Risikokapital bis heute kaum als Anlageklasse entdeckt. Selbst im Vergleich zu Europa liegt die Schweiz zurück.»

Unbegründete Abwanderungsängste

Auch die Erleichterungen für diese Asset-Klasse, die der Bundesrat Anfang 2022 mit der Präzisierung der Anlagevorschriften für Pensionskassen anstrebte, haben offenbar bislang wenig gefruchtet. Die Komplexität, die Illiquidität und die vergleichweise hohen Verwaltungskosten hielten die Pensionskassen weiterhin davon ab, substanziell in die Anlageklasse Venture Capital zu investieren, diagnostiziert Avenir Suisse.

Auch die oft geäusserte Sorge, dass unter dem starken Einfluss des Auslands die Wertschöpfung der Startups einschliesslich hochwertiger Arbeitsplätze aus der Schweiz abwandere, wird relativiert. Gemäss Avenir Suisse haben nur gut 5 Prozent aller zwischen 2013 und 2021 gegründeten Startups ihren Sitz bis Juni 2025 ins Ausland verlegt.

Keine Hinweise auf Marktversagen

Die Denkfabrik kann denn auch kein Marktversagen erkennen. Das Netzwerk aus Business Angels, spezialisierten Risikokapitalgebern und bestehenden Fördermassnahmen entschärfe zum einen das besonders in der Frühphase auftretende Phänomen der asymmetrischen Information zwischen externen Kapitalgebern und Startup. Zum anderen treffe es auch nicht zu, dass Investoren die positiven Externalitäten nicht berücksichtigten.

Zur Erinnerung: Negative externe Effekte sind die wichtigste theoretische Begründung für wirtschaftspolitische Massnahmen überhaupt, und auch in der politischen Praxis wird regelmässig auf solche verwiesen, um staatliches Handeln zu rechtfertigen. 

Schmid und Reggiani werfen ausserdem einen Blick auf die in vielen anderen Staaten ebenfalls beliebte Förderung von Risikokapital. In den EU-Mitgliedländern haben sich die öffentlichen Risikokapitalinvestitionen zwischen 2007 und 2023 fast versechsfacht. «Heute stammen je nach Land 15 bis 35 Prozent der Mittel in europäischen Risikokapitalfonds aus staatlichen Quellen.»

Schlechte Erfolgsbilanz staatlicher Investitionen

Die führenden «Startup-Hotspots» USA und Israel setzen auf ein anderes Pferd. Statt dass der Staat direkt Eigenkapital zur Verfügung stellt, leisten sie A-fonds-perdu-Zuschüsse in der Seed- und Frühphase. Avenir Suisse stellt der direkten staatlichen Eigenkapitalfinanzierung ein schlechtes Zeugnis aus und macht dafür Crowding-out-Effekte (Verdrängung privater Akteure) und negative Selektion (der Staat finanziert die schlechten Risiken) geltend.

Besser schneiden staatliche Fonds ab, die indirekt (also über private Risikokapitalfonds) investieren. Doch Avenir Suisse sieht bei dieser Förderung ebenfalls die Gefahr, dass politische Zielvorgaben z.B. zu Klimaschutz, Diversität oder Technologien die Kapitalzuteilung verzerren, also weniger effizient machen.

Kontraproduktive Effekte

Zu recht hält die Studie fest, dass staatliches Risikokapital «mit typischen Risiken öffentlicher Förderpolitik» verbunden ist. «Der Nutzen für das Innovations- und Startup-Ökosystem ist nicht nur beschränkt, über kurz oder lang drohen kontraproduktive Effekte.»

Das alles heisst aber nicht, dass Passivität die richtige Strategie wäre. Vielmehr plädiert Avenir Suisse für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen und das Festhalten an den bisherigen Schwerpunkten der Forschungs- und Innovationspolitik. Doch der Denkfabrik ist bewusst, dass die Zeit des Verteilens mit dem Füllhorn vorbei ist. «Angesichts des anspruchsvoller werdenden geopolitischen Umfelds und knapper öffentlicher Finanzen ist ein zielgerichteter Mitteleinsatz essenziell.» Die Schweiz soll deshalb bei der Grundlagenforschung den Fokus auf die Mint- und Life-Science-Bereiche legen.

Der Forderungskatalog

Gleichzeitig werden konkrete Massnahmen auf Bundesebene vorgeschlagen, um die Rahmenbedingungen zu verbessern.

  • Stempelsteuer abschaffen: Die Emissionsabgabe auf Eigenkapital (zurzeit 1 Prozent) verteuert Kapitalerhöhungen und behindert damit besonders grössere Finanzierungsrunden.
  • Lohnnebenkosten stabil halten: Sozialpolitische Projekte wie Kita-Subventionen sollen nicht durch neue Lohnbeiträge finanziert werden, da die Arbeitskosten in der Schweiz bereits heute zu den weltweit höchsten gehören.
  • Startups Zugang zum globalen Talent-Pool eröffnen: Startup-Visas und Vereinfachungen für hochqualifizierte Hochschulabsolventen aus Drittstaaten sollen die Schweiz im Wettbewerb um Talente attraktiver machen.
  • Arbeitsgesetz modernisieren: Arbeitszeitmodelle sollen flexibilisiert und die Erfassung der Arbeitszeiten für eine digitale Gesellschaft vereinfacht werden.

Die Avenir-Suisse-Studie enthält viel Bedenkenswertes zu den Risiken und Nebenwirkungen gutgemeinter staatlicher Förderung des Venture-Capital-Markets. Sie zeigt auch auf, wie die Rahmenbedingungen optimiert werden könnten. Und sie legt offen, weshalb Schweizer Pensionskassen die Anlageklasse weiterhin verschmähen. Ein Rezept, wie sich an diesem doch eher betrüblichen Umstand rasch etwas ändern liesse, liefert sie allerdings nicht.