Weshalb ein starker Home Bias in Schweizer Aktien vernünftig ist
Seit 17 Jahren arbeitet Illya Lebedynets bei DWS, der Fondstochter der Deutschen Bank. Aus Frankfurt beschäftigt sich der Portfoliomanager seit 2021 zusammen mit zwei Kollegen ausschliesslich mit Schweizer Aktien, vor drei Jahren hat er die Verantwortung für zwei Publikumsfonds ganz übernommen (einer davon, der «DWS Swiss Equity High Conviction», ist in der Schweiz aufgelegt).
«Ich bin ein Deutscher mit ukrainischen Wurzeln, dessen Herz für Schweizer Aktien schlägt», bekennt der Portfoliomanager zu Beginn des Gesprächs mit finews im Zürcher Prime Tower. Nun fristet der Schweizer Aktienmarkt mit den vielen international bekannten Unternehmen nicht gerade ein Mauerblümchendasein. Oft ist zu hören, dass inländische Anleger sogar einen zu starken Home Bias haben, also eine zu hohe Quote in Schweizer Aktien investieren.
Lebedynets relativiert diese Wahrnehmung: «Wir müssen immer wieder Überzeugungsarbeit leisten, sogar in der Schweiz.» Das liegt auch am strukturell starken Franken, der an den Margen der vielen exportorientierten Industrieunternehmen nagt. «Empirisch betrachtet werden die Schweizer Exporte durch den harten Franken kaum geschmälert», relativiert der Portfoliomanager den Währungsnachteil. Schweizer Unternehmen blieben dank der hohen Qualität ihrer Produkte und ihrer grossen Innovationskraft wettbewerbsfähig, der Wechselkurs wirke wie ein darwinscher Selektionsmechanismus.
«Der Wechselkurs wirkt für die Schweizer Wirtschaft wie ein darwinscher Selektionsmechanismus.»
Der starke Franken wird in Lebedynets Argumentation sogar zum Kaufargument. Denn darin spiegelt sich auch die divergierende Fiskalpolitik. Die USA verschulden sich kräftig weiter und brauchen dafür Inflation und einen schwachen Dollar, in der EU drückt der Trend zur Schuldenvergemeinschaftung auf den Aussenwert des Euros. «Vor ein paar Monaten hat der Trend gedreht, hin zu einem schwächeren Dollar. Historisch betrachtet schneiden in solchen Perioden Schweizer Aktien besser ab als ihre US-Pendants.»
Sprechen aber nicht die handels- und geopolitischen Spannungen und die zunehmende Blockbildung gegen Aktien von Schweizer Unternehmen, die ja bekanntlich besonders ausgeprägt auf freie Weltmärkte angewiesen sind? «Die Unsicherheit ist heute global dauerhaft höher als früher, und die Schweiz hat in solchen Zeiten als Stabilitätsanker immer von Kapitalströmen profitiert», kontert Lebedynets. Die Unabhängigkeit der Schweiz und ihre solide Haushaltspolitik gewännen vor diesem Hintergrund noch an Bedeutung hinzu. Und er erinnert daran, dass die hiesigen Unternehmen in den letzten 150 Jahren schon ganz andere Krisen gemeistert haben.
Lebedynets betreibt klassische Fundamentalanalyse; vom Mehrwert des aktiven Anlegens ist er überzeugt. Entsprechend bilden passive Produkte wie Exchange Traded Funds die Messlatte.
Sein Universum sind die rund 200 im Swiss Performance Index (SPI) enthaltenen Aktien. Davon wird rund die Hälfte aufgrund von Mindestanforderungen an die Handelsliquidität ausgeschlossen. «Wir nehmen die öffentlich zugänglichen Informationen, analysieren diese gründlich und versuchen daraus, einen Mehrwert für unsere Fonds zu generieren» beschreibt er das Vorgehen schematisch.
«Wir haben den direkten Zugang zu allen Schweizer Unternehmen.»
Konkret durchforstet Lebedynets etwa die letzten zehn Finanzberichte eines Unternehmens. Aufkommende Fragen zur Rechnungslegung und zu Geschäftsentscheiden klärt er im direkten Gespräch mit dem Management der Gesellschaften. «Wir haben den Zugang zu allen Schweizer Unternehmen und können mit ihnen auch unsere Überlegungen auch persönlich diskutieren.»
Aus dem daraus gewonnenen Gesamtbild, dem Track Record und Marktindikatoren (namentlich dem Bewertungsniveau) wird abgeleitet, ob sich ein Engagement lohnt oder nicht. Bis auf eine Grössenbeschränkung für Einzeltitel kennen die Fonds keine Beschränkungen, bis zu 10 Prozent des Vermögens kann als Liquidität gehalten werden; die derzeitige Quote liegt mit rund 3 Prozent deutlich darunter.
Lebedynets Analyseansatz mag konventionell sein, doch seine Ansichten sind es oft nicht. Beispielsweise hält er nichts von der gängigen Unterscheidung in Value- und Growth-Aktien. «Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Belimo gehörte bewertungsmässig bis zum Liberation Day zu den Wachstumsaktien. Dann korrigierte der Kurs stark, und die Aktie zählte plötzlich zu den Value Stocks. Die Bewertung war so günstig, dass wir investierten».
«Wenn sich Unternehmen verschulden, um die Aktionäre zu beglücken, ist das ein Alarmzeichen.»
Zurückhaltend ist er auch, wenn eine «aktionärsfreundliche» Politik mit Aktienrückkäufen und hohen Dividenden betrieben wird. «Wenn sich Unternehmen verschulden, um die Aktionäre zu beglücken, ist das ein Alarmzeichen.» Ebenfalls misstrauisch wird er, wenn eine Gesellschaft fast jeden Preis in Kauf nimmt, um ihre Dividendenausschüttung zu halten.
Das Argument, dass der Schweizer Aktienmarkt kapitalisierungsmässig vom Trio Roche, Novartis und Nestlé dominiert wird, hat für ihn an Gewicht verloren. In den letzten Jahren habe die Konzentration aufgrund des Wachstums der kleineren Unternehmen hierzulande spürbar abgenommen. «In den USA würde ich mir diesbezüglich viel mehr Sorgen machen», hält er mit Blick auf die «Mag 7» (die sieben grossen US-Technologieunternehmen) fest.
«Das Schöne bei Schweizer Unternehmen: «Sie partizipieren meist still und leise an globalen Megatrends.»
Und auch beim Thema künstliche Intelligenz (KI) sieht Lebedynets die Schweiz gut positioniert. «Es gibt zwar keine ausgesprochenen KI-Unternehmen, aber etwa Belimo, Holcim, Implenia und viele andere mehr haben durchaus vom KI-Boom profitiert, insbesondere vom Bau der Datencenters.» Das Schöne bei Schweizer Unternehmen: «Sie partizipieren meist still und leise an globalen Megatrends.»
Wen wundert es nach dem Gesagten, dass der Portfoliomanager eine deutliche Übergewichtung in Schweizer Aktien empfiehlt?















