Vier von fünf unabhängigen Vermögensverwaltern erwarten Zinsdeckel
Die Frage war hypothetisch: Wie reagieren das US-Finanzministerium und die Notenbank, falls die Renditen am langen Ende ausbrechen? Die Antwort der unabhängigen Vermögensverwalter fällt im neuesten Aquila Vermögensverwalter Index (AVI) für das dritte Quartal 2026 eindeutig aus.
56 Prozent rechnen mit dem, was die Umfrage «Zinskurvenmassage» nennt: punktuelle Eingriffe am langen Ende, wie man sie bereits kennt. Weitere 27 Prozent gehen einen Schritt weiter und erwarten eine eigentliche Zinskurvenkontrolle, also einen Deckel auf die Langfristzinsen. Zusammen sind das 83 Prozent.
Nur gerade 9 Prozent glauben an die klassische Vorstellung, dass der Markt den Zins setzt und die Politik darauf antwortet. Weitere 8 Prozent halten die Frage für gegenstandslos, weil die Zinsen ohnehin fallen würden.
«Ein Ventil gibt es immer
Silvano Marchesi, Chief Investment Officer und Head Investment Management von Aquila, teilt diese Erwartung. «Die Schuldenarithmetik macht es früher oder später fast zwingend», sagt er gegenüber finews. Jede neue Emission erhöhe inzwischen den durchschnittlichen Zinssatz auf den ausstehenden Schulden, und diese wüchsen wegen des Defizits weiter. Der Zinsdienst sei bereits ein gewichtiger Posten im US-Haushalt. Marchesis Urteil dazu: «Das ist nicht nachhaltig.»
Spitze sich die Lage an den Anleihemärkten weiter zu, erwarte Aquila mehr Interventionen, im Extremfall auch eine Zinskurvenkontrolle. Gelöst wäre damit nichts, nur verschoben: «Dann verschiebt sich der Druck auf den US-Dollar. Ein Ventil gibt es immer.»
Dass die Frage akut wird, zeigt die zweite Zahl: 71 Prozent erwarten in den kommenden sechs Monaten höhere Langfristzinsen in den grossen Industrieländern, nur 7 Prozent tiefere.
Die schnellste Kehrtwende der Indexgeschichte
Noch deutlicher ist der Umschwung bei den Eidgenossen. 65 Prozent erwarten höhere Renditen auf zehnjährige Schweizer Staatsanleihen, 8 Prozent tiefere. Vor einem Jahr lag der Anteil der Zinsoptimisten bei 8 Prozent, im vierten Quartal 2025 ebenfalls. Danach ging es in drei Quartalen auf 49, 53 und nun 65 Prozent.
Einen derart schnellen Stimmungsumschwung hat die Reihe seit dem Start des Index nicht gesehen. Das Niveau ist das höchste seit dem Inflationsschock von 2022.

(Grafik: finews, Quelle: Aquila)
Der Anleihen-Streik
Im Portefeuille schlägt sich das nieder. In der Musterallokation eines ausgewogenen Schweizerfranken-Mandats halten die Vermögensverwalter noch 24,1 Prozent Anleihen. Die Benchmark sieht 45 Prozent vor. Die Anlageklasse, die in der Lehre das Fundament eines ausgewogenen Mandats bildet, ist damit praktisch halbiert.
Das Geld liegt anderswo: 51,6 Prozent in Aktien statt der balancierten 45 Prozent, 9 Prozent in Liquidität statt 5 Prozent und 8,3 Prozent in Gold und Edelmetallen statt 5 Prozent. Dazu kommen 7 Prozent alternative Anlagen, die im Vergleichsindex gar nicht vorgesehen sind.

Weit entfernt vom Benchmark. (Grafik: finews, Quelle: Aquila)
Wird der Benchmark angepasst?
Ist das faktisch die Aufkündigung des klassischen ausgewogenen Mandats? Marchesi nennt die Frage berechtigt und verweist auf 2022, als der Status der Obligationen als Sicherheitspolster ins Wanken geriet. Gold und alternative Anlagen hätten ihre Aufgabe als Diversifikatoren dagegen erfüllt und seien dadurch «nicht länger bloss eine taktische Beimischung».
In der Schweiz habe die Abkehr von der klassischen Aufteilung schon früher eingesetzt, als Folge der Tiefzinspolitik. Seit über zehn Jahren erhebe Aquila die Vermögensaufteilung in dieser Form, und die Obligationenquote habe stets unter der Referenz von 45 Prozent gelegen, jene von Gold und alternativen Anlagen deutlich darüber. Auch Aquila selbst habe die strategische Quote der Realwerte erhöht.
Nicht die Vermögensverwalter lägen demnach daneben, sondern der Massstab: «Die Referenz der Umfrage hat diese Entwicklung noch nicht nachvollzogen. Eine Anpassung ist also durchaus eine Idee.» Die seit Jahren ausgewiesene Untergewichtung wäre damit zum Teil ein statistisches Artefakt.
Aktien, zurück aus dem Tief
Bei den Aktien hat sich die Stimmung erholt, ohne ganz zu alter Zuversicht zurückzufinden. 42 Prozent erwarten einen höheren SMI in zwölf Monaten, 48 Prozent eine Seitwärtsbewegung, 10 Prozent tiefere Kurse. In den beiden Vorquartalen lag der Optimistenanteil bei je 17 Prozent, dem tiefsten Wert der Zeitreihe. Vorher bewegte er sich jahrelang zwischen 45 und 72 Prozent.
Dass die Branche trotz Zinsangst mit 51,6 Prozent in Aktien übergewichtet bleibt, erklärt Marchesi mit der robusten US-Konjunktur, der ordentlichen Berichtssaison und staatlichen Impulsen in Europa. Dazu komme ein grundsätzliches Argument: In einem Umfeld hoher Schulden und erhöhter Inflation seien Aktien «ein Anspruch auf reale Erträge», während Obligationen real an Wert verlören.

Silvano Marchesi, Chief Investment Officer und Head Investment Management von Aquila. (Bild: Aquila)
Der Anlagechef nennt aber auch eine unbequemere Erklärung. Möglicherweise spiele ein «Momentum-Bias» eine Rolle, weil Aktien in den vergangenen Jahren der Haupttreiber der Rendite gewesen seien. Dieser Treiber komme derzeit klar aus dem KI-Umfeld. Bei dessen Finanzierung leuchteten erste Warnsignale auf, verstärkt durch das höhere Zinsniveau. Die anstehenden Börsengänge würden die KI-These ernsthaft testen. Enttäuschten sie, seien Korrekturen möglich, «auch in der Positionierung».
Energiefrage und US-Zwischenwahlen
Uneinig ist sich die Branche bei den Folgen des hohen Ölpreises. 48 Prozent sehen die grösste Gefahr darin, dass die Inflation weiter steigt und die Notenbanken zu mehr Straffung zwingt. 33 Prozent erwarten das Gegenteil, nämlich fallende Energiepreise und eine stabilisierte Nachfrage. 16 Prozent rechnen mit Stagflation, 3 Prozent mit einem Nachfrageeinbruch.
Zum Schluss ein Blick auf die US-Zwischenwahlen vom 3. November: Nur gerade 3 Prozent der Befragten halten es für das wahrscheinlichste Szenario, dass die Republikaner beide Kammern behalten.
Je 32 Prozent erwarten eine geteilte Regierung oder einen demokratischen Sweep. Das grösste Lager mit 33 Prozent hält die Wahl für die Börse ohnehin für zweitrangig: Entscheidend seien Gewinne, Zinsen und Inflation.
Die Umfrage lief vom 24. bis zum 29. September 2026 in Zusammenarbeit mit finews.















