Karsten-Dirk Steffens: «Für die Energiewende brauchen wir deutlich mehr Bergbau»

Herr Steffens, Aberdeen bezeichnet die globale Elektrifizierung als einen der stärksten langfristigen Investmenttrends und spricht bereits von den frühen Phasen eines neuen Rohstoff-Superzyklus. Was macht Sie so sicher, dass wir tatsächlich vor einem solchen stehen und nicht lediglich vor einem weiteren zyklischen Rohstoffboom?

Die skeptische Sicht lautet ja: Das haben wir schon oft gehört. Rohstoffe steigen, Angebot reagiert, Preise fallen wieder. Genau deshalb ist die Unterscheidung zwischen einem zyklischen Boom und einem echten Superzyklus entscheidend. Aus unserer Sicht basiert die Superzyklus-These vor allem auf drei strukturellen Argumenten: 

  • Erstens die Nachfrage ist politisch und technologisch verankert. Das heisst insbesondere, dass bei früheren Rohstoffbooms die Nachfrage häufig von einzelnen Konjunkturzyklen abhängig war, etwa Chinas Immobilien- und Infrastrukturboom in den 2000er-Jahren. 
  • Zum zweiten reagiert die Angebotsseite heute deutlich langsamer. Für einen Superzyklus reicht starke Nachfrage allein nicht aus. Entscheidend ist, dass das Angebot nicht schnell genug nachziehen kann. 
  • Und drittens ist die Elektrifizierung materialintensiver als viele Anleger erwarten. 

Die Wahrscheinlichkeit eines strukturell längeren Nachfragezyklus ist heute höher als in früheren Rohstoffhaussephasen, weil erstmals drei Kräfte gleichzeitig wirken: Dekarbonisierung, Elektrifizierung und geopolitische Neuordnung der Lieferketten. Entscheidend ist, dass die Angebotsseite nur sehr langsam reagieren kann.

Die Energiewende ist Längerem ein Investmentthema. Was hat sich in den vergangenen zwei oder drei Jahren fundamental verändert, sodass Future Minerals gerade jetzt besonders interessant sind?

Die Energiewende ist tatsächlich kein neues Thema. Neu ist allerdings, dass wir in den vergangenen zwei bis drei Jahren den Übergang von einer politischen Vision zu einer industriellen Realisierung erleben.

«Künstliche Intelligenz ist ein zusätzlicher Nachfragetreiber, aber nicht die zentrale Investmentthese.»

Heute werden nicht mehr nur Klimaziele formuliert, sondern Stromnetze ausgebaut, Rechenzentren errichtet, Energiespeicher installiert und Lieferketten für kritische Rohstoffe strategisch neu aufgebaut. Diese Entwicklung schafft einen deutlich höheren und vor allem besser sichtbaren Bedarf an bestimmten Mineralien und Metallen. Und das ist erst der Anfang.

Künstliche Intelligenz und der Ausbau von Rechenzentren werden inzwischen häufig als neuer Treiber der Strom- und Rohstoffnachfrage genannt. Aberdeen weist allerdings selbst darauf hin, dass der zusätzliche Kupferbedarf durch Data Center deutlich kleiner ist als jener durch den Ausbau der Stromnetze. Wird der «AI-Boom» als Argument für Rohstoffinvestments derzeit überschätzt?

Nein, ich glaube nicht, dass der AI-Boom überschätzt wird, aber seine Rolle wird häufig missverstanden. Künstliche Intelligenz ist ein zusätzlicher Nachfragetreiber, aber nicht die zentrale Investmentthese. Unser Investment Case für Future Minerals basiert primär auf der Elektrifizierung der Wirtschaft und dem damit verbundenen Ausbau der Energieinfrastruktur. Der zusätzliche Kupferbedarf durch Rechenzentren ist zwar relevant, fällt aber im Vergleich zum Ausbau von Stromnetzen, erneuerbaren Energien, Speichersystemen und der Elektrifizierung des Verkehrs deutlich geringer aus.

Kritische Mineralien sind längst nicht mehr nur ein Investmentthema, sondern Teil der Geopolitik. China kontrolliert bei verschiedenen Rohstoffen und Verarbeitungsschritten einen erheblichen Teil der globalen Wertschöpfungskette. Ist die Abhängigkeit des Westens von China in den kommenden zehn Jahren überhaupt realistisch zu reduzieren?

Vollständig reduzieren wird der Westen seine Abhängigkeit von China in den kommenden zehn Jahren wahrscheinlich nicht können. Dafür hat China über Jahrzehnte hinweg nicht nur den Abbau vieler kritischer Mineralien, sondern vor allem die Verarbeitung, Raffination und industrielle Weiterverarbeitung systematisch aufgebaut. Bei zahlreichen Rohstoffen liegt die eigentliche Marktmacht heute weniger in der Mine selbst als vielmehr in den nachgelagerten Verarbeitungsschritten. Genau dort sind die Eintrittsbarrieren hoch und neue Kapazitäten lassen sich nicht über Nacht schaffen. 

«Politische Risiken gehören bei Rohstoffinvestitionen zu den wichtigsten Risikofaktoren überhaupt.»

Dennoch sehen wir bereits eine wichtige strategische Veränderung: Das Ziel des Westens ist nicht mehr vollständige Unabhängigkeit, sondern eine gezielte Diversifizierung. 

Aberdeen setzt bewusst auf Länder wie Chile, China, Indonesien, Peru oder Kasachstan. Wie beurteilen Sie das politische Risiko? Kann ein vermeintlicher Rohstoffgewinner durch Exportbeschränkungen, höhere Steuern oder staatliche Eingriffe sehr schnell zum Verlierer werden?

Ja, absolut – das sehe ich auch so. Politische Risiken gehören bei Rohstoffinvestitionen zu den wichtigsten Risikofaktoren überhaupt. Ein Land kann über grosse Rohstoffvorkommen verfügen und dennoch für Investoren an Attraktivität verlieren, wenn sich die regulatorischen Rahmenbedingungen verschlechtern. Exportbeschränkungen, höhere Lizenzgebühren, Sondersteuern oder staatliche Eingriffe können die Wirtschaftlichkeit eines Projekts erheblich beeinflussen. 

Gleichzeitig sollte man diese Risiken differenziert betrachten. Viele der rohstoffreichen Länder wie Chile, Peru oder Indonesien wissen, dass sie langfristig auf internationales Kapital, technologisches Know-how und stabile Investitionsbedingungen angewiesen sind.

Politische Eingriffe können kurzfristig attraktiv erscheinen, bergen aber das Risiko, künftige Investitionen abzuschrecken. Daher sehen wir häufig einen Balanceakt zwischen nationalen Interessen und dem Ziel, ausländische Investoren anzuziehen.

Der Future Minerals Fund investiert nicht einfach in Minengesellschaften, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette: on Förderung und Verarbeitung über Batterien bis zu Spezialmaterialien und Recycling. Wo entsteht ihrer Ansicht nach langfristig die höchste Wertschöpfung: bei den Besitzern der Rohstoffe oder bei den Unternehmen, die diese weiterverarbeiten?

Gerade bei kritischen Mineralien entsteht Wertschöpfung entlang der gesamten Kette. Der Besitzer einer hochwertigen Kupfer- oder Lithiumlagerstätte profitiert von der Knappheit des Rohstoffs, während Verarbeiter, Batterietechnologieunternehmen oder Spezialmaterialhersteller ihrerseits von Know-how, Technologie und Markteintrittsbarrieren profitieren. Genau deshalb investieren wir bewusst entlang der gesamten Wertschöpfungskette und nicht ausschliesslich in Minengesellschaften. 

«Wir, dass Recycling künftig eine immer wichtigere Rolle spielen wird.»

Die Bedeutung der Verarbeitung und Veredelung wird auch durch die starke Konzentration dieser Aktivitäten in China unterstrichen. Langfristig sehen wir die attraktivsten und stabilsten Wertschöpfungspotenziale häufig in den Bereichen Verarbeitung, Spezialmaterialien und Recycling. Dort sind die Margen oft weniger direkt von kurzfristigen Rohstoffpreisschwankungen abhängig und stärker durch technologische Kompetenz, Skaleneffekte und Marktstellung bestimmt.

Zudem erwarten wir, dass Recycling künftig eine immer wichtigere Rolle spielen wird, da viele Volkswirtschaften versuchen, ihre Versorgungssicherheit zu erhöhen und einen Teil der benötigten Rohstoffe aus bestehenden Materialströmen zurückzugewinnen.

Rohstoffaktien sind berüchtigt für starke Zyklen. Woran erkennen Sie, wann aus einem strukturellen Investmentthema eine überbewertete Börsenstory geworden ist?

Genau das ist eine der wichtigsten Fragen im Rohstoffbereich. Strukturelle Trends können über viele Jahre hinweg starke Renditen liefern, aber irgendwann besteht immer die Gefahr, dass Anleger eine gute Geschichte mit einem guten Investment verwechseln.

Wir achten deshalb weniger auf die Schlagzeilen und stärker auf die Fundamentaldaten. Ein Warnsignal wäre beispielsweise, wenn die Bewertungen der Unternehmen deutlich schneller steigen als die tatsächliche Nachfrage nach den zugrunde liegenden Rohstoffen. Ebenso werden wir vorsichtig, wenn Unternehmen massiv Kapazitäten ausbauen, obwohl die Endnachfrage bereits Anzeichen einer Abschwächung zeigt.

Gerade im Bereich der Future Minerals ist für uns entscheidend, ob die langfristigen Treiber intakt bleiben: Elektrifizierung, Energiewende, Ausbau der Stromnetze, Digitalisierung und geopolitisch motivierte Investitionen in resilientere Lieferketten. Solange diese Faktoren den physischen Bedarf an kritischen Rohstoffen erhöhen, sprechen wir über einen strukturellen Investmenttrend und nicht bloss über eine Marktstory.

Die Energiewende benötigt enorme Mengen zusätzlicher Rohstoffe. Gleichzeitig gehören Bergbau und Rohstoffverarbeitung zu den ökologisch und sozial problematischsten Industrien überhaupt. Ist die Vorstellung einer «grünen» Energiewende ohne deutlich mehr Bergbau nicht letztlich ein Widerspruch?

Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Die Energiewende ohne zusätzlichen Bergbau ist keine realistische Option. Der eigentliche Widerspruch besteht nicht zwischen Energiewende und Bergbau, sondern zwischen dem Wunsch nach Dekarbonisierung und der Vorstellung, diese könne ohne physische Rohstoffe erreicht werden. 

«Diese Transformation ist deutlich materialintensiver.»

Eine elektrifizierte Wirtschaft benötigt mehr Kupfer, mehr Lithium, mehr Nickel, mehr Aluminium und mehr Seltene Erden als das heutige fossile Energiesystem. Stromnetze, Batteriespeicher, Windparks, Solaranlagen, Rechenzentren und Elektrofahrzeuge bestehen letztlich aus grossen Mengen an Materialien und Metallen. Die Internationale Energieagentur erwartet daher für verschiedene kritische Mineralien einen deutlichen Nachfrageschub in den kommenden Jahrzehnten. 

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir mehr Bergbau brauchen, sondern wie dieser Bergbau betrieben wird. Die Standards in Bezug auf Umweltschutz, Wasserverbrauch, Arbeitssicherheit, Menschenrechte und lokale Wertschöpfung unterscheiden sich weltweit erheblich. Für Investoren wird es deshalb immer wichtiger, Unternehmen zu identifizieren, die kritische Rohstoffe verantwortungsvoll fördern und verarbeiten.

Stehen wir bei Future Minerals heute ungefähr dort, wo Technologieaktien vor dem Internetboom standen?

Der Vergleich erscheint auf den ersten Blick naheliegend, aber man sollte ihn nicht überstrapazieren. Wir stehen aus unserer Sicht nicht vor einer Wiederholung des Internetbooms, sondern vor einer anderen Art von Transformation. Beim Internet ging es um die Digitalisierung von Informationen und Geschäftsmodellen. 

Bei Future Minerals geht es um die physische Infrastruktur einer elektrifizierten Welt. Beide Entwicklungen haben gemeinsam, dass sie auf langfristigen strukturellen Veränderungen beruhen. Es gibt tatsächlich einige Parallelen. In den 1990er-Jahren wurde vielen Anlegern ansatzweise bewusst, dass das Internet wichtig werden würde, aber nur wenige konnten das tatsächliche Ausmass der Veränderung abschätzen. 

Heute besteht ein ähnliches Bild bei der Elektrifizierung. Die meisten Investoren erkennen die Bedeutung von Elektrofahrzeugen, erneuerbaren Energien oder KI-Rechenzentren. Unterschätzt wird jedoch häufig, welche materiellen Voraussetzungen dafür notwendig sind, insbesondere bei Stromnetzen, Energiespeichern und kritischen Mineralien.

Die Nachfrage nach diesen Rohstoffen wird nicht nur durch eine einzelne Technologie angetrieben, sondern durch mehrere strukturelle Trends gleichzeitig. Vielleicht stehen wir dort, wo die Technologie vor dem Internetboom stand. Der Unterschied ist aber: Für das Internet brauchte man vor allem Software und Glasfaserkabel. Für die Elektrifizierung braucht man Kupfer, Lithium, Nickel, Stromnetze, Batterien und Rechenzentren. Diese Transformation ist deutlich materialintensiver und deshalb möglicherweise noch stärker durch physische Knappheiten geprägt.