Uhrenlegende Jean-Claude Biver: «Ein Produkt ohne Seele ist ein totes Produkt»

Von «Style of Zug» zu «Writing Culture»: Der neue Name für die Zuger Schreibwarenboutique steht für einen Wandel. Samuel Naldi stieg 2010 ins Familienunternehmen ein, das seine Eltern 2008 unter dem Namen «Style of Zug» eröffnet hatten. Er lernte die Branche aus allen Perspektiven kennen: als Händler, Distributor und Markeninhaber.

Als der stationäre Fachhandel durch die fortschreitende Digitalisierung zunehmend unter Druck geriet, übernahm er 2020 das Unternehmen und stellte sich die entscheidende Frage: Wie lässt sich ein Produkt neu positionieren, das viele längst nur noch als Gebrauchsgegenstand wahrnehmen?

Seine Antwort fand er überraschenderweise in der Schweizer Uhrenindustrie. Mechanische Uhren galten einst als Auslaufmodell. Nicht die Technik brachte sie zurück, sondern die Geschichten dahinter. Diese Strategie möchte Naldi auf Schreibgeräte übertragen.

Handschrift als bewusste Entscheidung

«Wir glauben, dass Handschrift heute eine bewusste Entscheidung ist», sagt Naldi an der Première von «Writing Culture». «Wer von Hand schreibt, tut das nicht, weil er muss, sondern weil er es will. Und genau dann werden auch das Schreibgerät, die Tinte und das Papier wichtig.»

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Die Enthüllung: Die Zuger Schreibwarenboutique «Style of Zug» heisst von nun an «Writing Culture». (Bild: zVg)

Die Köpfe hinter Writing Culture

Der neue Name soll ausdrücken, wofür das Unternehmen künftig stehen will: nicht nur für den Verkauf hochwertiger Schreibgeräte, sondern für die Förderung einer Kultur des Schreibens. «Wir glauben, die Welt verdient es zu wissen,  wie schön und wie kraftvoll Handschrift ist», ergänzt er.

Samuel Naldi meistert diesen Wandel allerdings nicht allein. Hinter «Writing Culture» steht ein Team, das seine Ideen und Ambitionen mitträgt sowie den Abend mit persönlichen Beiträgen bereichert hat. Dazu gehören die Mitgründer Sandro Cazzato und Manuel Venzi, Magnus Kraft, der die historische Marke John Holland verantwortet, Davide Zanghi, der mit Mechanics of Writing den Aufbau der neuen Manufaktur vorantreibt, sowie Rennsport-Unternehmer Ronnie Kessel, der das Projekt als Partner begleitet. 

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Von links: Samuel Naldi, Sandro Cazzato, Ronnie Kessel und Manuel Venzi (Bild: zVg)

Von Zug nach New York und Berlin

Der Anspruch ende nicht beim neuen Namen. Naldi will «Writing Culture» zu einer internationalen Marke entwickeln und Füllfederhalter wieder stärker im Alltag verankern.

In den kommenden Monaten sollen deshalb neue Boutiquen in Metropolen wie New York und Berlin entstehen, später folgten Dubai und London. «Heute findet man in jeder Grossstadt Uhrenboutiquen oder Luxusautohäuser. Aber kaum einen Ort, an dem man hochwertige Schreibinstrumente erleben kann», sagt er. «Was man nicht sieht, kann man auch nicht begehren.»

Tradition neu belebt

Darüber hinaus nimmt «Writing Culture» die historische Schreibgerätemarke John Holland, deren Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, neu in ihr Sortiment auf. Die Marke wurde in den 1880er-Jahren gegründet und stand einst für Schreibinstrumente, die mehr waren als reine Gebrauchsgegenstände.

Ein erster Meilenstein sei bereits gelungen. Gemeinsam mit Montblanc entwickelte «Writing Culture» eine Sonderedition des Meisterstück 149 (finews berichtete). Die auf 500 Exemplare limitierte Auflage sollte ursprünglich innerhalb von 18 Monaten ausverkauft sein – tatsächlich war sie laut Naldi bereits nach wenigen Monaten nahezu vergriffen. 

Der Mann mit dem Namiki in der Hosentasche

Die eigentliche Krönung des Abends folgte jedoch erst noch. Mit Jean-Claude Biver konnte «Writing Culture» wohl den prominentesten Gast des Abends begrüssen. Der gebürtige Luxemburger, der Marken wie Blancpain, Omega, Hublot und Tag Heuer entscheidend geprägt hat und seit 2023 gemeinsam mit seinem Sohn die Uhrenmarke Biver führt, begegnet finews mit grosser Offenheit, Herzlichkeit und sichtbarer Freude am Gespräch.

Biver hat einen ganz besonderen Zugang zum Füllfederhalter: Während der Konversation griff er in seine Hosentasche und holte seinen persönlichen Füller heraus – einen Namiki, den er seit Jahren mit sich trägt. Behutsam nahm er den Stift in die Hände und zeigte ihn stolz finews.

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Samuel Naldi und Jean-Claude Biver (in der Mitte) verbindet die Überzeugung, dass Luxus von Geschichten und Emotionen lebt. (Bild: zVg)

Mit Tinte von Herzen

«Ich schreibe eigentlich ausschliesslich mit Tinte und Feder», so Biver. «Denn wenn man so schreibt, kann man seine Persönlichkeit zum Ausdruck bringen.» Diese Überzeugung lebte Biver über Jahrzehnte konsequent. Bereits im Juni begann er jedes Jahr damit, zwischen 2000 und 3000 Weihnachtskarten von Hand zu schreiben, damit sie bis Dezember alle fertig waren. «Ich habe das 55 Jahre lang aus Höflichkeit, Freude und Ehre gemacht», betont er.

Inzwischen habe er diese Tradition beendet. «Immer weniger Menschen schätzen solche persönlichen Gesten. Fast nie bekam ich Anerkennung dafür, dass ich jede Karte von Hand geschrieben habe.»

Für Jean-Claude Biver ist die eigene Handschrift ein möglicher Weg, seine Liebe oder gute Wünsche an andere Menschen mitzuteilen: «Wenn jemand von Hand schreibt, weiss man, dass es von Herzen kommt.»

Uhren und Füllfederhalter sprechen dieselbe Sprache

Anschliessend schlägt er den Bogen, dass die Welten hochwertiger Schreibgeräte und mechanischer Luxusuhren näher beieinander liegen, als man vielleicht vermuten würde. Beide seien Ausdruck von Handwerkskunst und Persönlichkeit. 

«Wenn beide mit grösster Liebe, grösstem Respekt und dem Willen gefertigt werden, etwas Besonderes zu schaffen, dann tragen sie dieselbe Liebe in sich», ist Biver überzeugt. Ob mit Tinte auf Papier oder im persönlichen Gespräch – entscheidend sei letztlich immer, Gefühle und Wertschätzung weiterzugeben.

Tradition braucht Innovation

Diese Haltung prägt für den Unternehmer die gesamte Luxusindustrie. Qualität allein genüge längst nicht mehr. «Tradition ohne Innovation ist eine sterbende Tradition», sagt er. Wer sich ausschliesslich auf Vergangenes verlasse, ende im Museum.

Erfolgreiche Luxusmarken müssten deshalb beides vereinen: ihr Erbe bewahren und gleichzeitig den Mut haben, sich an die Zeit und die Umstände anzupassen.

Krise als Partner

Gerade in wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten zeige sich, wie wichtig diese Fähigkeit zur Erneuerung sei. Dass sich die Luxusbranche nach den Boomjahren derzeit in einer Phase der Konsolidierung befindet, bereitet ihm dennoch wenig Sorgen. Krisen gehörten seit jeher zum Geschäft. «Man darf den Mut nicht verlieren», appelliert Biver. «Jede Krise eröffnet irgendwo neue Möglichkeiten», führt er weiter aus.

Wer schwierige Zeiten lediglich als Bedrohung betrachte, habe bereits verloren. «Man muss die Krise wie einen Partner behandeln. Dann kann man aus ihr Stärke gewinnen.» 

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«Wenn jemand von Hand schreibt, weiss man, dass es von Herzen kommt», so Jean-Claude Biver. (Bild: zVg)

Die Uhr des Vaters und der Wert von persönlichen Geschichten

Auch Samuel Naldis Vorhaben, von Zug aus eine internationale Luxusmarke aufzubauen, verfolgt Biver mit Sympathie. Sein Rat lautet: «Versuche, in die Ewigkeit zu kommen, denn die Ewigkeit hat keine Konkurrenz.» Für ihn bedeute Ewigkeit Qualität, Service und den langfristigen Aufbau von Vertrauen – Werte, auf denen auch der Ruf von Swiss Made beruhe.

Was Luxusmarken letztlich von gewöhnlichen Brands unterscheide, seien ihre Geschichte und ihre Herkunft. Luxus lebe von Emotionen und Erinnerungen, sagt Biver gegenüber finews. Oft sei die Geschichte hinter einem Produkt wertvoller als das Produkt selbst. Als Beispiel nennt er eine LeCoultre-Uhr, die seine Mutter seinem Vater 1942 zur Hochzeit schenkte. Geld könne ihren Wert niemals aufwiegen. «Ich könnte sie meinem Sohn vererben», sagt er. «Aber verkaufen würde ich sie niemals. Das wäre ein Skandal. Am schlimmsten wäre es, wenn ich sie verlieren würde.»

Biver zufolge besitzen die besten Luxusprodukte etwas Unsichtbares. «Sie haben eine Seele», sagt der Luxusmanager. Die Seele könne man nicht bilden, sie sei einfach in der Luft, man spüre sie. «Ein Produkt ohne Seele ist ein totes Produkt.» Er hält kurz inne, lächelt verschmitzt und schiebt mit trockenem Humor nach: «Und ich rate davon ab, tote Produkte zu kaufen. Tote Menschen sind schliesslich auch gruselig.»