Weshalb spaltet sich keine Grossbank freiwillig auf?

Die Vernehmlassung zur vom Bundesrat vorgeschlagenen Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften im Bankengesetz und in der Eigenmittelverordnung ist abgeschlossen, die Fronten sind bezogen. Bundesrat, Finma und Nationalbank wollen das Risiko, dass die Schweiz nochmals eine Grossbank retten muss, minimieren. Die UBS, die letzte Schweizer Vertreterin dieser Spezies, wäre von den neuen Regeln für ausländische Tochtergesellschaften direkt betroffen und hat deshalb erwartungsgemäss eine sehr kritische Stellungnahme abgegeben. Der Ball liegt nun beim Gesetzgeber, dem Nationalrat und Ständerat.

Strengere Kapitalvorschriften könnten die UBS im internationalen Wettbewerb benachteiligen, besonders gegenüber den US-Banken, die zusätzlich vom dortigen Deregulierungstrend profitieren. Vor diesem Hintergrund wird auch immer wieder über das Schreckgespenst einer unter dem Druck ausländischer Aktionäre erzwungenen Verlegung des Sitzes der UBS weg von der Schweiz schwadroniert. Sollte die UBS damit tatsächlich ernst machen, wäre das für den hiesigen Finanzplatz ein schwerer Schlag.

Das neue TBTF-Problem mit dem alten Trennbankensystem lösen?

Quasi als Plan B schwirrt in vielen Köpfen auch weiterhin der von Christoph Blocher im vergangenen November ins Spiel gebrachte Vorschlag zur Lösung des Too-big-to-fail-Problems (TBTF) in den Köpfen herum. Blocher plädiert dafür, die Grossbank in eine Schweizer und in eine US-Gesellschaft aufzuspalten. Bereits im Sommer hatte der ehemalige Privatbankier Karl Reichmuth ganz ähnlich argumentiert. Er möchte das Investment Banking von der UBS abtrennen und diese neue Gesellschaft in New York oder London ansiedeln, also ebenfalls im Ausland.

Die Diskussion über Sinn und Unsinn eines in eine Grossbank integrierten Investment Banking ist nicht neu. Bereits nach der globalen Finanzkrise 2008 wurde die Frage, ob die Aufhebung des Trennbankensystems (Trennung des Einlagen- und Kreditgeschäfts vom Investment Banking durch den Glass Steagall Act) in den USA zur Jahrtausendwende eine Ursache für das Desaster war, intensiv erörtert. Weshalb sollte ein Bank vom Staat (teilweise) geschützte Depositen für Corporate-Finance-Transaktionen und den Wertpapierhandel einsetzen können? 

Keine einzige Grossbank spaltete Investment Banking freiwillig ab

Bekannt ist auch, dass in einigen europäischen Grossbanken im Nachgang zur Finanzkrise sehr ernsthaft geprüft wurde, ob eine Scheidung vom Investment Banking (und damit quasi ein freiwilliger Vollzug von Glass Steagall) einen Mehrwert ergibt, nicht zuletzt für die Aktionäre. Schliesslich sind auch bei anderen Branchen, insbesondere in der Industrie, Teilverkäufe und Spinoffs von Geschäftsbereichen aus diesem Motiv fast schon an der Tagesordnung.

Allerdings scheint der Finanzsektor ein Sonderfall zu sein: Obschon solche Pläne immer wieder gewälzt wurden und die Regulatoren Druck ausüben, hat bislang keine Grossbank ihr Investment Banking freiwillig abgestossen.

Was sind die Gründe dafür? Es lohnt sich, darüber etwas zu mutmassen und werweissen.

Eine Ego-Frage des Topmanagements?

Eine Erklärung könnte darin liegen, dass das Topmanagement einer Grossbank ungern offiziell vom glamourösen Investment Banking Abschied nimmt und einen Entscheid zur Aufspaltung als persönliche Niederlage interpretieren würde. Denn dann blieben nur noch das traditionelle Aktivgeschäft und die Vermögensverwaltung übrig. Es geht dabei jedoch um weit mehr als bloss um eine Ego-Frage.

Möglicherweise scheuen die Grossbanken nämlich auch die Transparenz, die ein Spinoff und der Börsengang des Investment Banking schaffen würden. Dann könnte sich zeigen, dass das Vermögensverwaltungsgeschäft ertragsmässig am attraktivsten ist. Dagegen wären bei der Investment Bank die Margen ziemlich eng, was zu einer deutlich tieferen Bewertung führen würde. Um in dieser Disziplin wirklich viel Geld zu verdienen, muss man in der Spitzengruppe mitmachen können, was für europäische Institute immer weniger realistisch ist.

Schadet mehr Transparenz der Wirtschaft?

Transparenz bezüglich der Bewertung der einzelnen Sparten könnte verschiedene negative Effekte nach sich ziehen. Vermögensverwaltungskunden könnten mit Verweis auf die üppigen Erträge Zugeständnisse bei den Gebühren einfordern. Und für die Unternehmen und damit die Wirtschaft würden sich Corporate-Finance-Dienstleistungen verteuern, weil die nun auf sich allein gestellte Investment Bank eine neue Preispolitik betreiben müsste (eine andere Frage ist, ob sie damit langfristig im internationalen Wettbewerb überhaupt bestehen könnte).

Wenn an diesen Überlegungen etwas dran sein sollte, würde das im Fall UBS bedeuten, dass eine Abspaltung des Investment Banking (oder der US-Einheit) entsprechende Dienstleistungen für Schweizer Unternehmen verteuern könnte, weil die «Quersubventionierung» durch die beiden anderen Sparten wegfiele.

Ist auch für die Bankaktionäre das Ganze wertvoller?

Wenn schon die eigentlich den Eigentümern verpflichteten Verwaltungsräte und Geschäftsleitungsmitglieder kein Interesse an einer Aufspaltung haben, könnten doch die Bankaktionäre selber direkt Druck für eine solche Lösung machen. Aber vielleicht ist auch für sie das Ganze wertvoller als die Summe der einzelnen Teile.

Allerdings bedeutet die Tatsache, dass Grossbanken vor freiwilligen Aufspaltungen zurückscheuen, nicht, dass sie ganz passiv wären. Nach der Finanzkrise haben etwa die Deutsche Bank und auch die UBS ihr Investment Banking bewusst markant redimensioniert, d.h., den Geschäftskreis eingeschränkt, das Exposure limitiert und das Risiko heruntergefahren. Doch dürfte das entsprechende Schrumpfungspotenzial nun in vielen Fällen weitgehend ausgeschöpft sein, so dass dies heute keine realistische Option mehr darstellt.