Skandal, Sanierung, Stiftung: Wie die BVK zur grössten Pensionskasse wurde

Unter dem Titel «Renten, Renditen und Risiken» geht es auf 144 Seiten um die mittlerweile 100-jährige Geschichte der grössten Pensionskasse in Schweiz. Ein ausführlicher Zeitstrahl sowie zahlreiche Grafiken helfen bei der Orientierung. Interessant sind unter anderem die bescheidenen Anfänge.  

Nachdem die Zürcher Stimmbevölkerung 1926 das Beamten­versicherungsgesetz annahm, wurde rückwirkend auf den 1. Juli die Beamtenversi­cherungskasse gegründet. Die heutige BVK startete mit fünf Mitarbeitern und war sehr lange Zeit (bis 1974!) dem Salzamt in der Finanz­direktion des Kantons angegliedert. Damals war man der Meinung, ein Amtschef würde für beide total unterschiedlichen Aufgaben ausreichen.

Von 3 Millionen auf 43 Milliarden Franken

Am Ende des ersten vollen Be­triebsjahres 1927 wies die BVK exakt 2'405 Aktivversicherte aus, dazu kamen 57 Rentner und eine Bilanzsumme von 3 Millionen Franken. Aktuell gilt sie mit über 100'000 Aktiv­en und gut 42'000 Rentenbezügern als die grösste Pensionskasse in der Schweiz. Die Vorsorgedienstleisterin verwaltet ein Anlage­vermögen von rund 43 Milliarden Franken. 

Im Zuge der AHV-Einführung ab 1948 übernahm die BVK neue Aufgaben: Sie wurde zur administrativen Abwicklungsstelle für AHV-Zahlungen im Kanton Zürich. Gleichzeitig wuchs der Kreis der Versicherten. Nach intensiven politischen Auseinandersetzungen und mehreren gescheiterten Volksabstimmungen wurden 1950 Volksschullehrer, Pfarrer und Kantonspolizisten vollständig in die BVK integriert. Diese Expansion stärkte zwar die Bedeutung der Kasse, brachte aber langfristige Probleme mit sich. 

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Früher wurde noch «gestöpselt»: Externe Anrufe verband man in Firmen und Verwaltungen manuell. (Bild: ETH-Bibliothek)

Defizit verzinst 

Der zentrale Schwachpunkt lag in den sogenannten Eintrittsdefiziten. Für bereits geleistete Dienstjahre der neu aufgenommenen Versicherten wurden die fehlenden Beiträge nicht vollständig nachfinanziert. Dieses strukturelle Defizit wuchs über Jahre hinweg – begünstigt durch Inflation und entgangene Kapitalerträge – und wurde politisch lange verdrängt. Zwar war das Problem bekannt und medial thematisiert, doch konkrete Sanierungsmassnahmen blieben aus. Die Verantwortung wurde vertagt, das Defizit verzinst, aber nicht amortisiert. 

Deutlich mehr Personal 

1951 umfasste der Stellenplan der Beamtenversiche­rungskasse lediglich acht Stellen, nämlich die eines Verwalters in Personalunion mit dem Salzamt, eines Kanzleiadjunkten sowie von je drei Verwaltungsange­stellten und Kanzlisten. Als Michael Karpf, der heute längstdienende Mitarbei­ter der BVK, 1989 seine Arbeit aufnahm, hatte sie bloss 25 Mitarbeitende. 

Aktuell sind es exakt 176 Mitarbeitende, die 143 Vollzeitäquiva­lente abdecken. Mit vielen von ihnen und diversen nahestehenden Personen hat der Autor gesprochen, 17 davon werden in kurzen Interviews im Buch präsentiert: vom Lehrling bis zum CEO, Stiftungsräte sowie Entscheidungsträger und Experten aus dem Umfeld der BVK, zum Beispiel Regierungsräte oder Aufsichtsbehörden.

Lange belastet 

Das von der BVK finanzierte Jubiläumsbuch geht auch auf den grossen Korruptionsskandal rund um den damaligen Anlagechef Daniel Gloor ein. Er baute in den Jahren 2001 bis 2010 ein Bestechungsnetz auf, im Rahmen dessen er Geld und andere Gegenleistungen erhielt, für die Vergabe von Vermögensverwaltungsmandaten. Gloor wurde im Juni 2010 verhaftet. « Die darauffolgenden strafrechtlichen Verfahren gegen ihn und weitere Personen, die politischen Untersuchungen, die interne Aufarbeitung und nicht zuletzt die intensive mediale Berichterstattung belasteten die BVK über mehrere Jahre schwer», heisst es dazu. 

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Als die BVK gegründet wurde, war Emil Landolt (1895–1995) Sekretär der Finanzdirektion. (Bild: ETH-Bibliothek)

Jürg Landolt, damals Leiter Vorsorge und stellvertretender Geschäftsführer der BVK, formuliert es so: «Der Korruptionsskandal um den Anlagechef hat uns um Jahre zurückgeworfen. Anstelle von Innovation waren wir mit der Aufarbeitung der Vergangenheit beschäftigt.» Neben dem materiellen Schaden entstand der BVK ein gewaltiger Imageschaden. Die Presse berichtete mehrere Jahre in grosser Intensität über den Fall. Vogt erläutert u.a. auch die Folgen des 200-seitigen PUK-Berichts, den das Zürcher Parlament nach dem Skandal in Auftrag gegeben hatte. 

«Die Aufarbeitung des Korruptionsskandals fiel zusammen mit den Vorbereitun­gen zur Verselbständigung der BVK und deren Abwicklung. Beides zusammen führte zu einer gründlichen Neuaufstellung der BVK», schreibt der Autor. 

Ab 2014 eigenständig 

Nach langen Diskussionen wurde die BVK auf den 1. Januar 2014 in eine unabhängi­ge Stiftung überführt, auch wenn der Deckungsgrad Ende 2013 nur bei 96,1 Prozent lag, und nicht wie von den Gewerkschaften gefordert bei 120 Prozent. 

Erst im Jahr 2017 wurde erstmals nach zehn Jahren wieder die 100­-Prozent­-Deckung erreicht. Aus Freude darüber lud Finanzdirektor Ernst Stocker die Geschäftsleitung zu einem Kotelett­-Essen ein. Daraus entstand in den vergangenen Jahren eine Tradition. Das gemeinsame Mahl findet aber nur statt, wenn der Deckungsgrad über 100 Prozent liegt. 

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Bis in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts wurden Computer mittels Lochkarten programmiert. Diese wurden zuvor maschinell gestanzt. (Bild: ETH-Bibliothek)

350 Millionen als Jubiläumszins  

Jüngst meldete die BVK einen Deckungsgrad von 113 Prozent. Zum runden Geburtstag verteilt die Pensionskasse aufgrund der guten Geschäftsentwicklung der letzten Jahre den Versicherten einen einmaliger Jubiläumszins. Dieser wird aufgrund der geleisteten Beitragsjahre bei der BVK und dem Sparguthaben berechnet. Rentnerinnen und Rentner erhalten eine Einmalzulage Mitte Jahr ausbezahlt. Dafür hat die BVK insgesamt 350 Millionen Franken vorgesehen. 


«Renten, Renditen und Risiken – 100 Jahre BVK 1926–2026 – Von der staatlichen Versicherungskasse zum privaten Vorsorgedienstleister», Sonderpublikation zur Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik», Werner Vogt, herausgegeben vom Verein für wirtschaftshistorische Studien, Zürich 2026, ISBN 978-3-909059-93-5, 35 Franken, zu bestellen unter www.pioniere.ch.