Industrie baut Stellen ab und vermeldet Belebung

Als die Schweizerische Nationalbank (SNB) vor einer Woche ihren geldpolitischen Entscheid vorstellte, verwies der auf die Kritik von Swatch-Patron Nick Hayek am starken Franken angesprochene Martin Schlegel auf die vielen Gespräche, welche die Delegierten der SNB für regionale Wirtschaftskontakte mit den Betrieben vor Ort führen. Man kenne daher die Lage an der Front sehr gut, hielt der Präsident des Direktoriums fest.

Am Mittwoch hat die SNB die vierteljährliche Auswertung dieser Gespräche (die jeweils eine der Grundlagen für den geldpolitischen Entscheid des Direktoriums bildet) publiziert. Der Bericht «Konjunktursignale», der im Quartalsheft zu finden ist, basiert diesmal auf Informationen, welche die Delegierten aus 241 Gesprächen mit Unternehmensleitungen in der ganzen Schweiz vom 14. Januar bis zum 3. März zusammengetragen und ausgewertet haben.

Nachbefragung aufgrund der Eskalation im Nahen Osten

Weil die Lage im Nahen Osten bekanntlich Ende Februar eskalierte, führten die Delegierten vom 6. bis zum 13. März eine Nachbefragung von 50 Unternehmen durch, mit dem Fokus Geschäftsaussichten. Das dürfte auch das Direktorium geschätzt haben, erhielt es doch so rasch Anhaltspunkte dafür, wie sich der Schock konkret auf die Wirtschaft auswirkt. Denn bis die entsprechenden statistischen Daten vorliegen, dauert es meist Monate.

Zudem enthalten die «Konjunktursignale» diesmal Antworten auf die Frage, wie sich die künstliche Intelligenz (KI) auf den Personalbedarf der Unternehmen auswirkt.

Die Unternehmen schätzen die aktuelle Lage als gut ein. Besonders Beratungsunternehmen, IT-Dienstleister und Finanzinstitute verzeichneten seit Jahresbeginn ein solides Umsatzwachstum.

Nur noch handwerkliche Fachkräfte sind gesucht

Aber positive Nachrichten gibt es nicht nur aus dem tertiären Sektor: «In der Industrie bestätigten sich die bereits im Vorquartal vernommenen Signale einer leichten Belebung», konstatiert die SNB. Dazu tragen auch die tieferen Zölle und die lebhafte Nachfrage in den USA bei, wobei deren Handelspolitik insgesamt den Geschäftsgang der Unternehmen weiterhin negativ beeinflusst. Ein Wermutstropfen ist, dass die Auslastung der Produktionskapazitäten in der Industrie nach wie vor deutlich tiefer liegt als üblich. Zudem haben zahlreiche Unternehmen der SNB davon berichtet, dass sie Personal abbauen mussten, um die Kosten zu senken.

Der allgemeine Fachkräftemangel scheint definitiv Vergangenheit zu sein. Selbst für IT-Stellen gebe es genügend gute Bewerbungen. Schwieriger gestalte sich hingegen die Rekrutierung handwerklich ausgebildeter Fachkräfte.

Selbst die Uhrenindustrie schöpft Hoffnung

Weiterhin stützend wirkt die vorwiegend staatliche Nachfrage bei der Verkehrs- und Energieinfrastruktur sowie der Rüstung. Neu ist, dass sich nach dem Abbau der Lagerbestände auch für die Uhrenindustrie die Auftragslage bessert. Eine Schwachstelle bleibt hingegen die für viele Schweizer Zulieferer wichtige deutsche Automobilindustrie, «wo nur sehr vereinzelte Anzeichen einer Erholung zu sehen sind».

In der Hotellerie, die eine gute Wintersaison hinter sich hat, verzeichnen einzelne Betrieb erste Stornierungen und einen Rückgang der Buchungen aus dem Nahen Osten und Asien. Zudem ist die Nachfrage der Geschäftskunden (Seminare und Konferenzen) schwach.

Positive Beurteilung der Geschäftsaussichten, aber hohe Unsicherheit

Auch nach dem Ausbruch des Irankriegs schätzen die Unternehmen die Geschäftsaussichten für die kommenden zwei Quartale als recht positiv ein. Unternehmen, für welche die Region als Absatz- oder Beschaffungsmarkt ins Gewicht fällt oder die unter dem Ausfall der dortigen Luftverkehrsdrehscheiben leiden, haben allerdings ihre Erwartungen naturgemäss deutlich nach unten revidiert. Doch die Unsicherheit wird insgesamt, also nicht nur wegen des Kriegs, als hoch eingestuft.

Interessant ist: Die Unternehmen rechnen damit, dass der Anstieg bei den Einkaufspreisen höher ausfallen wird als bei den Verkaufspreisen, wo der Wettbewerb den Spielraum für Anpassungen beschränkt. Besonders nach der Eskalation im Nahen Osten gehen die Betriebe von höheren Preisen für Energie und damit verbunden für Produkte wie Stahl, Kupfer, Aluminium und Glas aus.

Im tertiären Sektor sind gemäss Nationalbank andere Preistreiber am Werk: «Vor allem Dienstleistungsunternehmen sehen sich weiteren Preissteigerungen bei Software-Lizenzen, Cloud-Diensten, KI-Anwendungen und der IT-Sicherheit gegenüber.»

KI dämpft den Personalbedarf schon heute

Apropos KI: Gemäss der Spezialbefragung beeinflusst deren Einsatz den aktuellen Personalbedarf bei vier Fünftel der Unternehmen gar nicht. Zu berücksichtigen ist, dass die Anwendungen häufig noch in der Testphase stecken. Nur wenige Unternehmen gingen jedoch davon aus, dass sich KI auch künftig nicht auf den Personalbedarf auswirken werde, registriert die SNB. Man rechne aber erst in den kommenden Jahren mit Einsparungen.

Ein Fünftel der Unternehmen verspürt hingegen schon heute wegen KI einen geringeren Bedarf an Arbeitskräften. Davon häufig betroffen sind gemäss dem Bericht das Personal- und Rechnungswesen, Rechtsabteilungen, Übersetzungsdienste und Marketing.