Nationalbank registriert bei den Unternehmen Signale verhaltener Zuversicht

Selten verlief die Medienkonferenz nach der vierteljährlichen Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) unspektakulärer als vergangene Woche. Das Direktorium stellte fest, dass sich der (geringe) Inflationsdruck mittelfristig kaum verändert und der Ausblick für die Schweizer Wirtschaft etwas aufgehellt hat – und beliess daher den Leitzins auf 0 Prozent.

Ein Faktor für die Aufhellung war die Senkung des Zollsatzes für Schweizer Exporte durch die USA, die entsprechende Vereinbarung war am 14. November 2025 publik gemacht wurde. Nun beträgt der Tarif 15 statt der am 1. August 2025 verhängten 39 Prozent.

Wie reagieren die Schweizer Unternehmen auf die US-Zölle?

Wie schätzen die betroffenen Schweizer Unternehmen die Reduktion ein, und welche Massnahmen treffen sie mit Blick auf das immer noch bestehende Handelshemmnis? Aufschlüsse darüber gibt der Bericht «Konjunktursignale», der im am Mittwoch von der SNB publizierten Quartalsheft zu finden ist. 

Der Bericht basiert auf Informationen, welche die Delegierten für regionale Wirtschaftskontakte aus Gesprächen mit Unternehmensleitungen in der ganzen Schweiz gewonnen haben. Die Auswahl orientiert sich an der Branchenstruktur gemäss Bruttoinlandprodukt, wobei Landwirtschaft und öffentliche Verwaltung ausgeklammert werden; zudem müssen die Betriebe in der Regel mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigen.

Gespräche vor und nach der Zollvereinbarung

Auch für den geldpolitischen Entscheid des Direktoriums bildet der in Anlehnung an das Beige Book der US-Notenbank auch Blue Book genannte Bericht mit seinen empirisch fundierten Resultaten eine wichtige Orientierungshilfe, neben den anderen mehrheitlich doch eher modelllastigen Grundlagen.

Insgesamt wurden vom 7. Oktober bis 25. November 2025  238 Gespräche geführt und ausgewertet.

Nur bei einem Drittel funktioniert es gemäss Lehrbuch

Gemäss der im jüngsten Bericht vorgenommenen Spezialauswertung ist ein Viertel der Unternehmen (54) negativ von den US-Zöllen betroffen, jedes zehnte spürt deutlich negative Effekte. Mehr als ein Drittel der betroffenen Unternehmen trägt die Zollkosten selbst, und ein Drittel teilt die Kosten mit den Kunden. Nur ein Drittel kann sie vollständig auf die Kundschaft überwälzen, wie das in perfekten Märkten eigentlich zu erwarten wäre. Doch selbst dann gibt es gemäss SNB einen Pferdefuss: höhere Preise verringern die Nachfrage, was diesmal ganz im Einklang mit der ökonomischen Theorie steht.

Auf die Zölle reagieren die Unternehmen mit einem Strauss von Massnahmen, wobei immerhin ein Drittel bislang ganz auf Massnahmen verzichtet.

Konjunktursignale Grafik klein

Zu den wichtigsten gehören Produktionsverlagerungen in andere Länder und in die USA (siehe Grafik oben). Demgegenüber ist der Rückzug aus dem US-Markt nur für wenige eine valable Option.

Janusköpfiger Industriesektor

Im Standardteil des Blue Book der SNB dominiert verhaltene Zuversicht. Die an den erzielten Umsätzen gemessene Wachstumsdynamik der Wirtschaft hat gegenüber der letzten Ausgabe leicht zugenommen, auch in Teilen der Industrie.

Dort ist das Bild allerdings zweigeteilt. Life Science, Anbieter von Verkehrs- und Infrastruktur sowie Rüstungshersteller verzeichnen eine anhaltend hohe Nachfrage, während die Maschinen-, Metall- und Uhrenindustrie weiterhin leidet. Belastungsfaktoren sind neben der Zollpolitik die gedämpfte Nachfrage aus der deutschen Automobilindustrie und der Gegenwind am chinesischen Absatzmarkt. Zusätzlich nagt, fast schon ein Klassiker, der starke Franken an den Margen.

Den Fachkräftemangel gibt es nicht mehr 

Der Personalbestand wird denn auch in der Industrie von den Unternehmen als «deutlich zu hoch» eingestuft. Von einem breiten Fachkräftemangel kann keine Rede mehr sein: «Auch in einigen Berufen, bei denen in den letzten Jahren ein starker Mangel an Fachkräften festgestellt wurde, hat sich die Rekrutierungssituation deutlich entspannt. So wird etwa die Verfügbarkeit von IT-Fachkräften nicht mehr als erschwert eingestuft», schreibt die SNB und weist auf Ausnahmen hin, wie Profile mit KI-Expertise.

Vor Herausforderungen stehen aber auch Branchen, die nicht zum Industriesektor zählen. Im Detailhandel sähen sich die Unternehmen einem zunehmenden Wettbewerb mit asiatischen Onlineanbietern ausgesetzt, beobachtet die SNB. Im Fahrzeughandel dämpfe die «anhaltende Unsicherheit hinsichtlich der Antriebsart» die Kaufbereitschaft. Ob die jüngste Einigung auf EU-Ebene auf einen Verzicht des ursprünglich für 2035 vorgesehenen Aus für Verbrennermotore diese Unsicherheit reduziert, wird man vielleicht im nächsten Bericht der Delegierten erfahren.

Banken können Margendruck im Zinsgeschäft abfedern

In der Beratungsbranche sorgen «neue regulatorische Anforderungen» (also der Staat) für eine solide Nachfrage nach Prüfdienstleistungen und Unterstützung, dagegen ist die Entwicklung bei strategischen Beratungsdienstleistungen verhalten.

Robust bleibt der Geschäftsgang im Finanz- und Versicherungsbereich. «Die Kreditnachfrage bleibt stabil, und die Banken sind in der Lage, den Margendruck im Zinsgeschäft abzufedern», attestiert die SNB, die mit ihren Zinssenkungen massgeblich für ebendiesen Margendruck verantwortlich ist.

Die Politik beschäftigt den Bausektor

Im Bausektor wird in den Gesprächen häufig der Einfluss politischer Entscheidungen auf den Geschäftsgang erwähnt. «Dazu gehört die kürzlich vom Volk angenommene Reform der Wohneigentumsbesteuerung. Da die neue Regelung die Abzugsfähigkeit von Renovationsarbeiten einschränkt, erwarten die Unternehmen einen kurzzeitigen Anstieg der Nachfrage, bevor sie in Kraft tritt», heisst es im Bericht.

Verhaltene Zuversicht dominiert auch bei der Einschätzung der künftigen Geschäftsaussichten. In der Industrie bleibe aber die erhöhte Unsicherheit im Hinblick auf die US-Handelspolitik auch nach der Absichtserklärung von Mitte November bestehen. Ein Teil der Unternehmen verweist zudem auf eine angespannte Situation bei der Beschaffung von seltenen Erden aus China.

Keinerlei Signale für einen Teuerungsschub

In Bezug auf die Inflation muss sich die SNB wenig Sorgen machen. Die Unternehmen erwarten für das Jahr 2026 ein Lohnwachstum von durchschnittlich 1,3 Prozent, nach 1,6 Prozent in 2025.

Auch die persönlichen Inflationserwartungen der Gesprächspartner der SNB-Delegierten bleiben sowohl kurz- wie auch langfristig im Bereich der Preisstabilität, den die Nationalbank in einem Band von 0 bis 2 Prozent für die durchschnittliche Jahresinflationsrate des Landesindex der Konsumentenpreise veranschlagt.