«Wer keinen Mehrwert liefert, hat es künftig schwer»

Baillie Gifford stärkt seine Präsenz in Europa mit einer neu geschaffenen Führungsstruktur: Anfang Mai verkündete der schottische Asset Manager, dass Schweiz-Chefin Anna Bretschneider künftig auch für die Geschicke des Unternehmens in Europa zuständig ist; finews berichtete darüber

Ziel sei es, die Aktivitäten über die verschiedenen europäischen Märkte hinweg stärker zu koordinieren und Kundenbedürfnisse einheitlicher zu adressieren, erklärt Bretschneider im Gespräch mit finews.

Schweiz bleibt Schlüsselmarkt

«Europa ist ein äusserst heterogener Markt», sagt Bretschneider. Anders als in den USA, wo viele Entwicklungen zentral gesteuert werden könnten, seien die europäischen Märkte durch unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen, Kundenbedürfnisse und Vertriebsstrukturen geprägt. Umso wichtiger sei es, Europa künftig «mit einer Stimme» zu vertreten.

Trotz ihrer erweiterten Verantwortung für Europa will Bretschneider weiterhin eng mit dem Schweizer Markt verbunden bleiben, ihr offizieller Sitz bleibt Zürich. Die Schweiz zählt für Baillie Gifford zu den wichtigsten Standorten auf dem Kontinent.

Die neue Funktion sei nicht mit einer geografischen Expansion verbunden. Vielmehr gehe es darum, bestehende Märkte besser zu vernetzen, Synergien zu nutzen und Produktentwicklungen stärker auf europäische Kundenbedürfnisse auszurichten.

Grosses Potenzial

Grosses Wachstumspotenzial sieht Bretschneider sowohl bei intermediären wie auch institutionellen Anlegern. Viele Pensionskassen und andere professionelle Investoren in Europa und der Schweiz seien nach wie vor vergleichsweise wenig in grossen wachstumsstarken privat gehaltenen Unternehmen investiert.

«Wir sehen nach wie vor eine erhebliche strukturelle Unterallokation im Bereich Private Growth Equity», erklärt sie. Während Infrastruktur oder Private Equity im Mid-Market LBO -Segment mittlerweile breite Akzeptanz gefunden hätten, würden viele Investoren das Potenzial langfristiger Wachstumsunternehmen noch nicht ausreichend nutzen.

Dies erfordere allerdings ein Umdenken. Grosse private Wachstumsunternehmen nehmen in der heutigen Wirtschaft eine zunehmend bedeutende Rolle an und bieten attraktive Anlagemöglichkeiten. Gleichzeitig seien sie oft komplexer zu analysieren als traditionelle Anlageklassen.

Mehr Aufklärungsarbeit notwendig

Bretschneider betont, dass viele Kapitalanleger (insbesondere die Institutionellen) neue Analysefähigkeiten entwickeln müssten, um Stategien im Bereich Private Growth Equity besser beurteilen zu können.

«Education» werde deshalb in den kommenden Jahren eine zentrale Rolle spielen. Wer nicht in Private Equity Strategien investiert, partizipiert zunehmend nicht mehr am gesamten Marktpotenzial und verpasst einen wesentlichen Teil der Wertschöpfung. 

Tokenisierung als langfristiger Trend

Als wichtige Zukunftsthemen nennt die Europa-Chefin zudem tokenisierte Fonds und aktive ETFs. Während sich beide Segmente in Europa noch in einem frühen Stadium befänden, erwartet sie langfristig eine steigende Bedeutung.

Insbesondere die Tokenisierung könne über die kommenden Jahren neue Zugänge zum Kapitalmarkt schaffen und jüngere Anlegergruppen ansprechen. Diese erwarteten zunehmend einen direkten, digitalen und kostengünstigen Zugang zu Anlagelösungen.

Künstliche Intelligenz verändert den Arbeitsalltag

Einen tiefgreifenden Wandel erwartet Bretschneider auch durch den Einsatz künstlicher Intelligenz. Bereits heute könnten Informationen in wenigen Minuten verarbeitet werden, für deren Analyse früher mehrere Tage erforderlich gewesen seien.

Der Fokus liege auf Produktivitätssteigerungen. Alle Mitarbeitenden müssten lernen, die neuen Werkzeuge effizient einzusetzen.

«Diejenigen Organisationen, die KI erfolgreich in ihre Arbeitsabläufe integrieren, werden einen klaren Wettbewerbsvorteil haben», sagt Bretschneider.

Spezialisierung statt Grösse

Im zunehmend kompetitiven Asset-Management-Markt sieht die Europa-Chefin Spezialisierung als entscheidenden Erfolgsfaktor. Nicht die grösste Produktpalette sei ausschlaggebend, sondern die Fähigkeit, in ausgewählten Nischen langfristig Mehrwert für Kunden zu schaffen.

Aktive Gebühren liessen sich nur dann rechtfertigen, wenn sie durch überdurchschnittliche Ergebnisse und klare Differenzierung untermauert würden. «Wer keinen echten Mehrwert liefert, wird es künftig schwer haben», so Bretschneider.

Mit der neuen europäischen Führungsstruktur will Baillie Gifford genau diese Stärken künftig noch konsequenter ausspielen.