Crypto Valley bekommt Konkurrenz von ungeahnter Seite
Die Schweiz hat ihren Nimbus als Krypto-Pionier nicht verloren. Doch ihr Vorsprung ist kleiner geworden. Während Zug und Zürich weiterhin für Krypto-Banking, vermögende Kunden und globale Blockchain-Strukturen stehen, positioniert sich Österreich zunehmend als reguliertes Eingangstor in den europäischen Markt.
Der Grund dafür heisst MiCA. Die neue EU-Verordnung für Kryptowerte schafft erstmals einen einheitlichen Rechtsrahmen für Anbieter digitaler Vermögenswerte im Europäischen Wirtschaftsraum. Wer in einem EU-Land eine Lizenz erhält, kann diese in andere Märkte passporten – und damit auf einen Schlag einen Markt mit mehreren hundert Millionen potenziellen Kunden bedienen.
Eine Lizenz für Europa
Für internationale Kryptoanbieter verändert das die Standortlogik grundlegend. Früher war die EU ein regulatorisch fragmentierter Markt. Jedes Land kochte sein eigenes Süppchen, viele Aufsichtsbehörden begegneten Kryptofirmen mit Skepsis. Die Schweiz profitierte davon früh: Sie bot Rechtssicherheit, eine offene Haltung gegenüber Finanzinnovation und mit Zug ein international sichtbares Ökosystem.
Heute sieht die Rechnung anders aus. Für Plattformen mit Skalierungsambitionen ist der Zugang zum EU-Binnenmarkt zentral. Genau hier setzt Österreich an. Die Finanzmarktaufsicht FMA gilt zwar als streng, wird von Marktteilnehmern aber als effizient, kompetent und gesprächsbereit beschrieben.
Weshalb sich Bybit für Wien entschied
Ein Beispiel ist Bybit. Die Kryptobörse gehört nach eigenen Angaben zu den grössten Handelsplattformen weltweit und hat ihre EU-Struktur in Wien aufgebaut. Georg Harer, Co-CEO von Bybit EU, bezeichnet MiCA als entscheidenden Wendepunkt.
Er war im September 2024 der erste Mitarbeiter von Bybit in Österreich. Damals gab es weder ein Büro noch eine im Firmenbuch eingetragene Gesellschaft. Weniger als ein Jahr später verfügte das Unternehmen über eine MiCA-Lizenz und ging mit seiner regulierten EU-Plattform live. Inzwischen zählt Bybit EU 45 Mitarbeitende in Wien.
Ausschlaggebend sei nicht eine möglichst einfache Lizenz gewesen, sondern eine belastbare. «Wir suchten bewusst einen Regulator, dessen Lizenz auch in anderen europäischen Märkten als Gütesiegel gilt. Österreich hat uns überzeugt, weil eine Zulassung durch die FMA signalisiert, dass ein Anbieter eine anspruchsvolle Prüfung durchlaufen hat», sagt Harer.
Hilfreich seien zudem pragmatische Punkte gewesen: Dokumente können auf Englisch eingereicht werden, Gespräche mit der Aufsicht sind ebenfalls auf Englisch möglich, und regulatorische Fragen lassen sich direkt diskutieren.
Amina ergänzt die Schweiz um Österreich
Auch die Amina Bank, früher als Seba Bank bekannt, hat sich für Österreich entschieden. Das Institut erhielt 2019 in der Schweiz eine der ersten Banklizenzen für das Kryptogeschäft. Der Hauptsitz in Zug bleibt für Amina zentral. Doch MiCA hat das Geschäft mit EU-Kunden verändert.
Als Schweizer Institut gilt Amina in der EU als Anbieter aus einem Drittstaat. Aktive Kryptodienstleistungen in den Europäischen Wirtschaftsraum sind deshalb nicht möglich. Bestehende Kundenbeziehungen lassen sich nur noch unter engen Voraussetzungen weiterbearbeiten. Reverse Solicitation ist nach Auffassung der europäischen Aufsicht eng auszulegen.
«Ein entscheidender Vorteil Österreichs war die regulatorische Sandbox der FMA. Sie ermöglichte es uns, gemeinsam mit der Aufsicht neue Geschäftsideen und Prozesse zu testen und frühzeitig zu prüfen, ob unser Geschäftsmodell regulatorisch tragfähig ist», sagt Anastasios Koulouris, Managing Director Amina EU.
Deshalb baut Amina mit der Amina (Austria) AG in Österreich eine EU-Einheit auf. Auch hier spielte die österreichische FMA eine zentrale Rolle. Besonders wichtig war für Amina die Möglichkeit, im Rahmen einer regulatorischen Sandbox mit der Aufsicht Geschäftsmodelle und operative Fragen zu testen. Zudem kann die österreichische Einheit zum Teil auf Dienstleistungen von der Mutter aus der Schweiz zurückgreifen. Für Amina ist Österreich deshalb kein Ersatz für die Schweiz, sondern eine Ergänzung.
Schweiz bleibt stark – aber nicht mehr allein
Die Entwicklung bedeutet nicht, dass das Crypto Valley ausgedient hat. Für Krypto-Private-Banking, vermögende Kunden, institutionelle Anleger, Stiftungsstrukturen und global ausgerichtete Blockchain-Projekte bleibt die Schweiz attraktiv. Zug verfügt weiterhin über eine dichte Krypto-Community, regulatorische Erfahrung und internationale Glaubwürdigkeit.
Doch die strategischen Prioritäten verschieben sich. Für Anbieter mit Retail-Fokus oder Ambitionen im breiten europäischen Firmenkundengeschäft ist die EU nun deutlich attraktiver geworden. Eine einzige MiCA-Lizenz eröffnet den Zugang zu Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und weiteren Märkten. Die Schweiz kann diesen Skaleneffekt nicht bieten.
Genau darin liegt die neue Herausforderung. Die Schweiz war früh, mutig und erfolgreich. Aber andere Standorte haben aufgeholt. Besonders bei Stablecoins und digitaler Zahlungsinfrastruktur wächst der Druck. Während die EU mit MiCA einen ersten umfassenden Rahmen geschaffen hat und Länder wie Österreich rasch operative Strukturen aufgebaut haben, wartet die Schweiz in einzelnen Bereichen (z.B. Stablecoins) noch auf weitere gesetzgeberische Klärungen.
Österreich wittert seine Chance
Die Austrian Business Agency beobachtet seit rund eineinhalb Jahren ein verstärktes Interesse internationaler Krypto- und Blockchain-Unternehmen am Standort Österreich. Bislang wurden nach Angaben der Standortagentur rund 28 internationale Unternehmen und Startups aus diesem Bereich betreut. Österreich verweist auf ein Netzwerk von rund 250 Firmen im Blockchain- und Kryptobereich sowie auf Initiativen wie das Austrian Blockchain Center.
Dazu kommt Wien als Standortfaktor. Die Stadt bietet Zugang zu Talenten, internationale Erreichbarkeit und eine Brückenfunktion zwischen West- und Osteuropa. Für Unternehmen aus Asien oder anderen Drittstaaten ist Österreich damit nicht nur regulatorisch, sondern auch operativ ein attraktiver Einstiegspunkt in die EU.
Warnsignal für das Crypto Valley
Für die Schweiz ist diese Entwicklung kein Grund zur Panik, aber ein Warnsignal. Der Standort bleibt relevant, doch sein früherer Vorsprung ist nicht mehr selbstverständlich. MiCA hat den Wettbewerb im europäischen Kryptomarkt neu sortiert.
Das Crypto Valley muss sich deshalb stärker darauf konzentrieren, wo seine echten Stärken liegen: reguliertes Krypto-Banking, institutionelle Infrastruktur, vermögende Privatkunden, globale Stiftungsmodelle und hochwertige Finanzdienstleistungen. Beim breit skalierbaren Plattformgeschäft dagegen gewinnt die EU an Gewicht.
Die neue Realität lautet: Die Schweiz bleibt ein führender Krypto-Standort. Aber sie ist nicht mehr der einzige logische Anlaufpunkt für internationale Anbieter. Österreich zeigt, wie schnell sich Standortvorteile verschieben können, wenn Regulierung nicht nur streng, sondern auch effizient ist.















