Vontobel gibt jungen Künstlern eine grosse Bühne

Wie gehen wir als Gesellschaft mit Technologie um? Wie verändert sich Bildung? Und wie bereiten wir Kinder auf eine Zukunft vor, die wir selbst noch nicht kennen? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich die Zürcher Künstlerin Jiajia Zhang in ihrem Projekt «And in 2084, You Are 62», das mit dem diesjährigen Vontobel-Förderpreis «A New Gaze» ausgezeichnet wurde. Anstatt spekulative Zukunftsvisionen zu entwerfen, richtet Zhang den Blick auf die Entscheidungen, Werte und Gewohnheiten, die unseren Alltag bereits heute prägen – und damit womöglich auch die Schweiz von morgen.

Die Verbindung zwischen Vermögensverwaltung und Kunst hat bei Vontobel Tradition. Bereits in den 1970er-Jahren begann die Bank zu sammeln. Mit der Konkretisierung dieses Engagements folgte auch der Förderpreis «A New Gaze». Mit dem Preis will Vontobel gezielt Kunstschaffende fördern, die sich noch am Anfang ihrer Laufbahn befinden.

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Die Werke «My Future is Your Past (Luzern)» (links) und «Robotic Dog With Human Head» veranschaulichen Jiajia Zhangs Auseinandersetzung mit Erinnerung, Identität und Zukunft. (Bild: Conradin Frei)

Die Kunst des kalkulierten Risikos

«Zeitgenössische Fotografie von jungen, noch nicht etablierten Künstlern hat es oft schwer», sagt Andreas Utermann, Chairman von Vontobel gegenüber finews. «Und genau das passt zu unserer Philosophie. Wir unterstützen nicht die offensichtlichen Dinge, sondern dort, wo Unterstützung besonders gebraucht wird.» Die Sammlung der Privatbank gehe zwar von der Fotografie aus, verstehe diesen Begriff jedoch erweitert, als bildbasierte Praxis, die auch Video, skulpturale Elemente und digitale Medien einschliesst.

Dass Vontobel an diesem Engagement festhält, sei auch Ausdruck der Familien- und Unternehmenskultur der Bank. Mehr als die Hälfte des Unternehmens befindet sich in Familienbesitz, ein Teil davon über die Vontobel-Stiftung. «Die Förderung von Kunst gehört zur Familienkultur von Vontobel und damit auch zur Unternehmenskultur», betont Utermann. Die Stiftung investiere ihre Erträge regelmässig wieder in gesellschaftliche und kulturelle Projekte.

Parallelen zur Finanzwelt sieht er durchaus. Die Förderung junger Kunstschaffender erinnere in gewisser Weise an Investitionen in Start-ups. «Man geht ein gewisses Risiko ein. Man weiss nicht, in welche Richtung sich eine Karriere entwickelt. Aber man hat Vertrauen in eine Idee und hofft, dass daraus etwas entsteht.»

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«Toys» (links) und «The Thinker» in Lentikulardruck. (Bild: Conradin Frei)

Was wir unseren Kindern hinterlassen

Für Georgina Casparis unterscheidet sich die diesjährige Gewinnerin vor allem durch ihren persönlichen Zugang zum Thema Zukunft. Die in Zürich lebende Künstlerin Jiajia Zhang, die ursprünglich aus China stammt, habe bewusst auf spektakuläre Zukunftsszenarien verzichtet. «Viele Künstlerinnen und Künstler haben Zukunftsbilder entworfen und dabei häufig künstliche Intelligenz eingebunden», führt die Kuratorin von Art Vontobel aus. Zhang habe dagegen einen anderen Weg gewählt. «Sie wollte die Schweiz von heute mit ihrer Vergangenheit in Dialog bringen und damit andeuten, wohin wir uns als Gesellschaft entwickeln könnten. Das, was wir heute schaffen, bildet die Grundlage für die Zukunft unserer Kinder.»

Die wichtigste Besucherin des Abends

Die Arbeit ist Zhangs kleiner Tochter gewidmet. Sie taucht in Fotografien und Videos immer wieder auf und bildet den visuellen Anker der Ausstellung. Das Projekt versteht sich als eine Art Brief an die nächste Generation. 

Dieser Aspekt berührt Casparis auch persönlich: «Ich habe selbst eine kleine Tochter. Für mich persönlich hat Zhang natürlich alle Nerven getroffen.» Die Ausstellung verhandle Zukunftsfragen nicht auf abstrakter Ebene, sondern aus der Perspektive jener Generation, die mit den Entscheidungen von heute leben wird.

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Andreas Utermann, Jiajia Zhang und Georgina Casparis (Bild: Xandra M Linson)

«That's me»

An der Vernissage im Zürcher Hauptsitz von Vontobel war das kleine Mädchen ebenfalls anwesend. Trotz Regen und grauem Himmel fanden sich zahlreiche Gäste ein – von Kundinnen und Kunden der Bank über Kunstinteressierte bis hin zu Freunden und Bekannten der Künstlerin. Die offerierten Mini-Hotdogs erwiesen sich dabei als willkommener Stimmungsaufheller.

Auf die Frage von finews, ob ihre dreieinhalbjährige Tochter bereits realisiere, dass die Ausstellung ihr gewidmet sei, antwortete Zhang: «Ja, auf ihre eigene Art. Sie schaut sich die Bilder an und zeigt manchmal auf eines und sagt: ‹That's me›. Manchmal wirkt sie nachdenklich. Aber ich weiss nicht, was in ihrem Kopf vorgeht. Sie macht sich ihre eigenen Gedanken dazu.»

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Die kleine Tochter der Künstlerin ist eine zentrale Figur in Zhangs Werk (Bild: Conradin Frei)

Ausgerechnet ohne künstliche Intelligenz

Bemerkenswert ist auch, dass Zhang auf künstliche Intelligenz verzichtet. «Anders als viele Künstlerinnen und Künstler heute, fotografiert sie noch ganz «klassisch» - analog wie auch ab und zu digital – und setzt keine KI zur Unterstützung ein», erklärt Casparis.

Die Frage nach künstlicher Intelligenz beschäftigt allerdings die gesamte Branche. Bereits vor einigen Jahren nahm Art Vontobel erste KI-generierte Werke in die Sammlung auf. Seither habe sich die Diskussion stark verändert. «Damals waren viele Menschen fasziniert von den Möglichkeiten. Heute stehen Fragen nach Urheberrecht, Autorschaft und Originalität im Zentrum», so Casparis.

Die Fotografie stehe damit vor einem grundlegenden Wandel, ist Casparis überzeugt. «Das Fotografische galt lange als wahrheitsgetreu. KI stellt dieses Verständnis grundlegend infrage.»

Der Dialog ist die Rendite

Für Vontobel besteht der Wert von Kunst nicht darin, zukünftige Entwicklungen vorherzusagen. «Wir kaufen Kunst nicht, um eine Rendite zu erzielen», betont Andreas Utermann. «Wir wollen Dialoge schaffen und unterstützen.»

Die Kunst soll bei Vontobel nicht nur gesammelt werden. Für Mitarbeitende und Kundinnen und Kunden werden regelmässig Führungen angeboten, zudem organisiert die Bank interne Veranstaltungen und Ausstellungsbesuche. Kunst werde bei Vontobel bewusst als Gesprächsanlass verstanden – für Mitarbeitende ebenso wie für Kundinnen und Kunden. Die aktuelle Ausstellung von Jiajia Zhang bleibt deshalb nicht hinter verschlossenen Türen: Sie ist noch bis zum 30.August 2027 im Zürcher Hauptsitz von Vontobel zu sehen und steht allen Interessierten offen.

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«Mirror» (Bild: Conradin Frei)

2084 beginnt jetzt

Im Zentrum der Arbeit steht zwar Zhangs Tochter. Die Fragen, die sie aufwirft, betreffen jedoch weit mehr als eine einzelne Familie.

Eine Antwort darauf, wie die Schweiz im Jahr 2084 aussehen wird, liefert «And in 2084, You Are 62» nicht. Die Ausstellung macht jedoch deutlich, dass die Zukunft weniger in grossen Visionen entsteht als in den kleinen Entscheidungen des Alltags, die wir bereits heute treffen.