Vivien Jain: «Die Power ist da»

Das Verhältnis zwischen unabhängigen Vermögensverwaltern und Banken ist nicht ganz reibungsfrei: Zwar nehmen die Banken Vermögen gerne als Depotbank an, würden die Kunden aber doch lieber selbst betreuen. Wie sehen Sie diese Beziehung?

Als durchaus ambivalent. Nichtsdestotrotz sind Banken elementar, jeder Vermögensverwalter braucht eine Bank, denn die unabhängige Vermögensverwaltung ist eine Dreiecksbeziehung zwischen Kunde, Bank und Vermögensverwalter. Wir haben als Verband sehr gute Kontakte zu den Depotbanken über deren EAM-Desks. Am Ende entscheidet der Kunde, ob er mit einem Vermögensverwalter oder direkt mit einer Bank arbeiten will. Anders sieht es beim Schritt in die Selbständigkeit aus: Wenn jemand aus einer Bank kommt und sich selbständig machen will, ist dieser Weg heute eindeutig schwieriger als früher.

Wo sehen Sie das Potenzial, gerade im Hinblick auf die Nachfolgethematik? Der Weg in die Selbständigkeit wird von Bankenseite zunehmend erschwert.

Es wäre schön, wenn man direkt von einer Fachhochschule in die Vermögensverwaltung einsteigen könnte. Das Berufsprofil des Nachwuchses ist vielfach schlicht nicht bekannt. Das versuchen wir, in Zusammenarbeit mit Fachhochschulen und Universitäten, zu ändern. Es braucht aber auch die Bereitschaft der Vermögensverwalter, in junge Leute zu investieren, statt am alten Gedanken festzuhalten, jemand müsse erst einen eigenen Kundenstamm aus einer Bank mitbringen.

Wie stark ist diese Investitionsbereitschaft tatsächlich ausgeprägt?

In der Realität findet man leider nicht viele, die heute dazu bereit sind. Ich habe aber durchaus Geschäftsinhaber getroffen, die mit gutem Beispiel vorangegangen sind. Gerade bei dieser Bereitschaft gibt es momentan eine Lücke von rund zehn bis fünfzehn Jahren zwischen jenen, die bereit wären, aber noch zu jung sind, und jenen, für die es bereits zu spät ist. Ich bin aber zuversichtlich, weil ich spüre, dass dieses Denken kommt. Bis es gelebte Realität wird, geht es wohl noch eine Weile.

«Die Aufsichtstätigkeit ist komplett weggefallen, also musste man sich neu erfinden.»

Was sehen Sie, abgesehen von der Nachfolgethematik, als grosse Herausforderung für Ihre Mitglieder?

Zuvorderst sicher die regulatorischen Vorschriften. Dann geht es aber auch darum, fit zu bleiben für die nächste Kundengeneration. Das betrifft den Umgang mit digitalen Medien und künstlicher Intelligenz. Wir sehen Vermögensverwalter, die schon konkrete Use Cases implementiert haben, und solche, die noch gar nicht digital unterwegs sind. Wichtig ist auch, dass der Regulator anerkennt, dass ein Vermögensverwalter ein anderes Risikoprofil hat als eine Bank. Wir setzen uns für eine risikobasierte, pragmatische Umsetzung von Vorschriften ein. Reiner Formalismus führt nur zu höheren Kosten, nicht zu einem besseren Riskmanagement.

Woher genau kommen diese regulatorischen Änderungen? Die grossen Gesetze für die Branche liegen rund sechs Jahre zurück. Seither ist es im Parlament eigentlich ruhig gewesen.

Das sind die schleichend steigenden Anforderungen, nicht die grossen Würfe. Man muss bei jeder Mitteilung der Finma und bei jeder Verordnungsrevision genau hinschauen. Manchmal steckt eine neue Anforderung nur in einem einzelnen Satz. Was für eine Bank eine kleine zusätzliche Anforderung ist, kann für einen Vermögensverwalter eine grosse Hürde sein, weil in der Praxis oft nach Bankenstandard geprüft wird. Man kann nicht ein Kleidungsstück in einer bestimmten Grösse nehmen und erwarten, dass es allen passt.

Was ist momentan gerade Ihr politischer Schwerpunkt?

Unser Schwerpunkt liegt in der Effizienzsteigerung des dualen Aufsichtssystems, also der Verhinderung doppelter Arbeit zwischen den Aufsichtsorganisationen und der Finma, einer risikobasierten Anwendung von regulatorischen Vorschriften sowie allgemein auf den Aufsichtskosten, die nach wie vor zu hoch sind für einen Vermögensverwalter.

Was sehen Sie anhand der Rechnungen, welche die Finma in diesen Tagen verschickt?

Die Aufsichtsgebühren werden nur marginal, kaum spürbar gesenkt. Wir fordern eine klare Senkung der Aufsichtskosten für das nächste Jahr. Eine der Begründungen seitens Finma, dass die Kosten aufgrund von Qualitätsproblemen bei den Aufsichtsorganisationen nach wie vor hoch sind, kann nach 6 Jahren des neuen Regimes nicht akzeptiert werden. Der Vermögensverwalter muss mehr entlastet werden und darf erwarten, für eine funktionierende und effiziente Aufsicht zu bezahlen.

Wie akut ist diese Kostenproblematik für Ihre Mitglieder?

Die Problematik ist nicht neu, aber nach wie vor akut. Der Druck verschärft sich nun, nachdem man ein Jahr verloren hat und die Finma keine Verbesserung erzielen konnte.

«Die unabhängigen Vermögensverwalter stehen für unternehmerisches, persönliches und unabhängiges Wealth Management.»

Wie stark sind Sie im Public-Affairs- und Lobbying-Bereich gegenüber Parlament und Unternehmen aufgestellt?

Das ist eine unserer Haupttätigkeiten, wir haben ein enges Netzwerk mit Parlamentarierinnen und Parlamentariern. Wir werden künftig kommunikativ noch etwas aktiver werden, weil bisher vieles im Hintergrund gelaufen ist, ohne dass öffentlich viel darüber gesprochen wurde.

Sind Sie, was die Firepower angeht, dort, wo Sie gerne wären? Könnte es noch mehr sein?

Es kann immer mehr sein. Gerade in meiner neuen Funktion ist für mich klar: Wir müssen proaktiver werden, nicht nur reaktiv. Da wird in den nächsten Monaten sicher noch einiges vom VSV kommen.

Anderes Thema: Russland-Sanktionen. Ist das ein grundsätzliches Problem für den Sektor oder eher punktuell?

Punktuell. Es gibt einzelne Vermögensverwalter in der Schweiz, die internationale Kundschaft betreuen, darunter auch aus der entsprechenden Region. Aber das ist sicher nicht das grosse, breite Segment. Anders als bei einer Bank ist der Vermögensverwalter weder konto- noch depotführend, er arbeitet auf der Basis einer limitierten Vollmacht Es gibt aber natürlich Betroffene, deren Tätigkeit durch die Finanzsanktionen eingeschränkt wurden.

Jüngst gab es Medienberichte über einen Vermögensverwalter, der sich auf russische Kunden spezialisiert hatte und jetzt die Bilanz deponieren musste. Ist die Schweiz beim Sanktionsvollzug zu weit gegangen?

Die Schweiz hätte in Bezug auf den Sanktionsvollzug etwas mehr Autonomie zeigen können. Aber gewisse Länder gehören zum Geschäftsrisiko, niemand kann in die Glaskugel schauen – was früher legitim war, ist heute plötzlich nicht mehr legitim. Die Umsetzung internationaler Sanktionen ist für einzelne Marktteilnehmer operativ anspruchsvoll. Entscheidend ist für uns, dass die Regeln klar, praktikabel und rechtssicher ausgestaltet sind. Klar ist: Bei Tätigkeiten im Umfeld politisch exponierter Personen muss man allgemein besonders vorsichtig sein.

Sie sind nun seit knapp sechs Monaten an der Spitze des VSV. Wo möchten Sie den Verband in den nächsten fünf beziehungsweise zehn Jahren sehen?

Wir wollen eine noch grössere Marktabdeckung, denn je grösser unsere Abdeckung, desto mehr Gewicht haben wir für unsere Branche. Wir werden auch unser Dienstleistungsangebot weiter ausbauen und mehr Branchenstandards etablieren. Mir ist wichtig, dass nicht erst in fünf Jahren, sondern schon in ein bis zwei Jahren jeder Vermögensverwalter den Mehrwert des VSV versteht. Der Verband soll die erste und wichtigste Anlaufstelle für jeden Vermögensverwalter sein. Diese Botschaft ist vielen noch nicht bewusst. Die unabhängigen Vermögensverwalter stehen für unternehmerisches, persönliches und unabhängiges Wealth Management. Sie sind ein wichtiger Innovations- und Wettbewerbsfaktor für den Schweizer Finanzplatz – und genau diese Rolle wollen wir als Verband weiter stärken.

Was kostet eine Mitgliedschaft beim VSV?

2'000 Franken pro Jahr. Manchmal hören wir, das sei relativ viel für reine Lobbyarbeit. Aber unsere Mitglieder erhalten eine effektive Gegenleistung für ihren Beitrag: In der Gebühr sind beispielsweise die Ombudsstelle, Mustervorlagen und Crossborder Manuals enthalten. Zudem sind wir ein Dienstleister und unterstützen unsere Mitglieder im Bereich Legal Support, Weiterbildung oder bei der Auswahl von Dienstleistern.

Welche Festivitäten haben Sie zum 40. Geburtstag geplant?

Das ganze Jahr über bieten wir im Rahmen unseres Jubiläums verschiedene Aktivitäten an. Wir machen zudem in jeder Region einen Apéro: In Lugano und Zürich wurde bereits gefeiert, Ende Juni dann noch in Genf. Das Jubiläum zieht sich auch ein wenig wie ein roter Faden durch unser Logo, das wir dieses Jahr leicht angepasst haben. Der VSV von vor 40 Jahren ist nicht mehr der VSV von heute.


Vivien Jain ist seit Januar 2026 CEO des Verbands Schweizerischer Vermögensverwalter (VSV). Zuvor war sie über elf Jahre bei Aquila tätig, davon vier Jahre als CEO, sowie zuvor als Head Legal Compliance & Risk. Jain ist Juristin (Universität Luzern) mit einem CAS in Banking & Finance Law der Universität Zürich und war vor ihrer Zeit bei Aquila unter anderem bei PwC im Bereich Financial Regulatory Services tätig.