Weshalb die Schweiz vor einer grossen Chance steht

Manche Investmentthemen entstehen aus Marktanalysen. Andere entstehen aus persönlichen Schicksalsschlägen.

Als Sarah de Lagarde nach einem schweren Unfall im Spital aufwachte, hatte sie ihr rechtes Bein und ihren rechten Arm verloren. Was folgte, war nicht nur ein langer Weg zurück in den Alltag, sondern auch eine intensive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten moderner Medizintechnologie.

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Sarah de Lagarde. (Bild: zVg)

Heute trägt die Brighter Future Strategist beim Asset Manager Janus Henderson eine hochentwickelte bionische Armprothese, die mithilfe künstlicher Intelligenz Bewegungsmuster erkennt und laufend dazulernt. Die Erfahrung veränderte ihren Blick auf Gesundheit, Vorsorge und Investitionen grundlegend.

«Gesundheit ist unser grösstes Vermögen. Die meisten Menschen erkennen das aber erst, wenn sie es verlieren», sagt de Lagarde bei einem Treffen mit finews in Zürich.

Aus dieser Erkenntnis entwickelte sie das Konzept «Wealth for Health». Dahinter steht die Idee, Gesundheit nicht als Selbstverständlichkeit zu betrachten, sondern als zentralen Bestandteil der finanziellen Planung.

Gesundheit als neues Sparziel

Die meisten Menschen sparen für die Pensionierung, Wohneigentum oder die Ausbildung ihrer Kinder. Die eigene Gesundheit spiele in der langfristigen Finanzplanung dagegen oft nur eine Nebenrolle, so de Lagarde.

Dabei sind die Risiken laut de Lagarde offensichtlich: Eine alternde Gesellschaft, steigende Gesundheitskosten und zunehmend überlastete öffentliche Gesundheitssysteme würden den Zugang zu modernen Therapien und Behandlungen erschweren.

«Wer Zugang zu den neuesten medizinischen Innovationen möchte, muss oft selbst dafür aufkommen.»

De Lagarde kennt diese Realität aus eigener Erfahrung. Nach ihrem Unfall recherchierte ihr Ehemann die neuesten bionischen Prothesen. Die modernste Version kostete rund 250’000 Pfund – deutlich mehr, als Versicherungen üblicherweise übernehmen.

«Versicherungen bezahlen häufig die günstigste Lösung. Wer Zugang zu den neuesten medizinischen Innovationen möchte, muss oft selbst dafür aufkommen», sagt sie.

Dazu komme, dass moderne Prothesen keine einmalige Anschaffung seien. Komponenten müssten regelmässig ersetzt, repariert oder technisch aktualisiert werden. Aus ihrer Sicht werden Gesundheitsausgaben deshalb künftig einen deutlich grösseren Platz in der privaten Vermögensplanung einnehmen.

Investieren in die eigene Zukunft

Für de Lagarde geht das Konzept «Wealth for Health» noch einen Schritt weiter.

Wer ohnehin für die Zukunft spare, könne sein Kapital gezielt in jene Unternehmen investieren, die medizinische Innovationen entwickeln. Gesundheits- und Technologieunternehmen benötigten Kapital für Forschung, Entwicklung und Zulassungsverfahren.

«Das ist eine Win-win-Situation. Anleger finanzieren Innovationen, von denen sie möglicherweise selbst eines Tages profitieren.»

Janus Henderson ist überzeugt, dass die zunehmende Konvergenz von Gesundheitswesen, Biotechnologie und Technologie zu den attraktivsten langfristigen Anlagechancen zählt. Das Unternehmen hat seine Kompetenzen in diesen Bereichen kontinuierlich ausgebaut, um Anlegerinnen und Anlegern einen gezielten Zugang zu diesem Wachstumspotenzial zu ermöglichen.

Gerade die Kombination aus Gesundheit und Technologie eröffne dabei langfristig attraktive Wachstumschancen.

Die Zukunft liegt an der Schnittstelle von Medizin und Technologie

Für de Lagarde ist klar: Die Gesundheitsbranche wird ihre Herausforderungen nicht ohne Technologie lösen können.

Die alternde Bevölkerung führt weltweit zu einer steigenden Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Gleichzeitig fehlen in vielen Ländern Ärzte, Pflegekräfte und Fachpersonal.

Hier könne künstliche Intelligenz einen entscheidenden Beitrag leisten. «Gesundheit und Technologie sind heute keine getrennten Welten mehr. Die Zukunft liegt in der Kombination beider Bereiche» sagt sie.

Die Einsatzmöglichkeiten reichen von der Automatisierung administrativer Aufgaben über KI-gestützte Diagnostik bis hin zu robotergestützten Operationen.

«Alle Zutaten sind vorhanden. Die Schweiz hat das Potenzial, eine absolute Führungsrolle einzunehmen.»

Ein Radiologe könne beispielsweise mithilfe künstlicher Intelligenz Tumore erkennen, die für das menschliche Auge kaum sichtbar seien. Chirurgen würden bei komplexen Eingriffen durch Robotik unterstützt. Pflegepersonal könne durch automatisierte Systeme entlastet werden.

Dadurch bleibt laut de Lagarde  mehr Zeit für den eigentlichen menschlichen Kontakt mit den Patienten: «Technologie soll den Menschen nicht ersetzen, sondern ihn unterstützen.»

Die Schweiz hat alle Zutaten für eine Führungsrolle

Besonders grosses Potenzial sieht de Lagarde in der Schweiz: Das Land verfüge bereits über eine weltweit führende Gesundheitsindustrie, renommierte Forschungseinrichtungen und erhebliche Kapitalressourcen. Hinzu komme eine hohe Innovationskraft im Technologiesektor.

«Alle Zutaten sind bereits vorhanden. Die Schweiz hat das Potenzial, eine absolute Führungsrolle in diesem Bereich einzunehmen», betont sie.

Entscheidend werde sein, die traditionellen Stärken der Gesundheitsbranche konsequent mit künstlicher Intelligenz, Robotik und digitalen Technologien zu verbinden.

«Die Gewinner werden jene sein, die Gesundheitskompetenz mit KI, Robotik und Technologiepartnerschaften verbinden.»

Gerade weil die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen in den kommenden Jahrzehnten stark steigen dürfte, sieht sie hier enorme wirtschaftliche Chancen.

Innovation braucht Kapital – und Geduld

Trotz der vielversprechenden Perspektiven verweist de Lagarde auf eine zentrale Herausforderung.

Viele innovative Biotech-Unternehmen verfügten bereits heute über vielversprechende Lösungen. Der eigentliche Flaschenhals liege häufig bei den regulatorischen Verfahren.

«Die Daten müssen dem Patienten gehören und nicht den Unternehmen.»

Neue Therapien müssten umfangreiche Studien durchlaufen und zahlreiche Zulassungen erhalten. Dieser Prozess könne Jahre dauern und erhebliche finanzielle Ressourcen binden.

Hier sieht sie auch eine wichtige Rolle für aktive Vermögensverwalter. Spezialisierte Fondsmanager könnten besser einschätzen, welche Unternehmen über die grössten Chancen verfügen, die regulatorischen Hürden erfolgreich zu überwinden.

KI braucht klare Leitplanken

So gross die Chancen der Technologie seien, so wichtig sei auch ihre Regulierung.

Die bionische Prothese von de Lagarde sammelt laufend Daten über Bewegungsabläufe und nutzt künstliche Intelligenz, um ihre Funktionen kontinuierlich zu verbessern.

Das wirft Fragen nach Datenschutz, Dateneigentum und Sicherheit auf. «Die Daten müssen dem Patienten gehören und nicht den Unternehmen», sagt sie.

Neben den klassischen Zulassungsverfahren im Gesundheitswesen brauche es deshalb auch klare Regeln für KI-Anwendungen.

Wer besitzt die Daten? Wie werden sie gespeichert? Wie sicher sind sie vor Missbrauch? Diese Fragen seien bisher noch nicht ausreichend beantwortet. De Lagarde: «Wir können die technologische Entwicklung nicht stoppen. Aber wir können sicherstellen, dass sie verantwortungsvoll eingesetzt wird.»

Frauengesundheit als unterschätzte Wachstumschance

Besonders kritisch sieht de Lagarde den Umgang mit Frauengesundheit. Noch immer würden zahlreiche medizinische Studien und Behandlungsansätze primär auf männlichen Patienten basieren. Themen wie Endometriose, Menopause oder frauenspezifische Gesundheitsprobleme seien über Jahrzehnte vernachlässigt worden.

«Aus kommerzieller Sicht ergibt es keinen Sinn, 50 Prozent der Bevölkerung zu ignorieren», sagt sie.

«Wir können KI nicht mehr aufhalten. Deshalb sollten wir die positiven Anwendungen fördern.»

Die Managerin spricht dabei bewusst nicht nur über Gleichstellung, sondern auch über wirtschaftliches Potenzial: «Es gibt hier enorme Investitionsmöglichkeiten. Der Markt ist riesig und gleichzeitig stark unterversorgt.»

Für Investoren könne dieser Bereich zu einem der interessantesten Wachstumsfelder der kommenden Jahre werden.

Bildung und Aufklärung als Schlüssel

Am Ende führt für de Lagarde jedoch kein Weg an einer breiteren gesellschaftlichen Diskussion vorbei.

Die Menschen müssten sich stärker mit den Folgen der alternden Bevölkerung auseinandersetzen. Gleichzeitig brauche es mehr Aufklärung über die Chancen und Risiken neuer Technologien.

«Wir können KI nicht mehr aufhalten. Deshalb sollten wir die positiven Anwendungen fördern und gleichzeitig Leitplanken setzen, damit die negativen Folgen begrenzt bleiben», sagt sie. 

Für die Schweiz ergibt sich daraus eine besondere Chance. Das Land vereine medizinische Exzellenz, technologische Innovationskraft und Kapital wie kaum ein anderer Standort.

Wenn es gelingt, diese Stärken konsequent zusammenzuführen, könnte die nächste grosse Gesundheitsrevolution tatsächlich von hier ausgehen.