Vivien Jain: «Die Power ist da»
Frau Jain, Sie waren lange auf der praktischen Seite der Vermögensverwaltung tätig. Anfang Jahr sind Sie zum Verband Schweizerischer Vermögensverwalter (VSV) gewechselt. Was war der Grund dafür?
Ich bin nun über zwölf Jahre in der Branche der unabhängigen Vermögensverwalter. Ich habe Vermögensverwalter von der Startup-Phase bis zur Nachfolgeplanung begleitet. In der Verbandstätigkeit kann ich nun grossflächig für die ganze Branche etwas bewirken. Und ich glaube an diese Branche, sonst hätte ich diesen Schritt nicht gemacht.
Wie würden Sie den VSV in einem Satz charakterisieren?
Wir vertreten als einziger Verband für unabhängige Vermögensverwalter in der Schweiz die Interessen aller Gesellschaften, unabhängig von deren Grösse, während wir gleichzeitig umfassende Dienstleistungen anbieten.
Der VSV feiert dieses Jahr sein 40-jähriges Bestehen. Mit dem Finanzinstitutsgesetz (Finig) ist die Kerndienstleistung als Selbstregulierungsorganisation weggefallen. Wie hat der Verband diese Zäsur bewältigt?
Der VSV war über den grössten Teil seiner Geschichte vor allem als Selbstregulierungsorganisation (SRO) bekannt, und zwar als die grösste und bekannteste SRO. Als 2020 die Regulierung kam, musste man sich gut überlegen, wie man sich positioniert. Es gab durchaus die Frage, ob sich das überhaupt noch lohnt. Man hat sich dann entschieden, ein reiner Branchenverband zu bleiben. Die Aufsichtstätigkeit ist komplett weggefallen, also musste man sich neu erfinden: die Lobbyarbeit weiterführen und das Dienstleistungsangebot ausweiten. Das war eine erhebliche Transformation. Wir können uns jetzt zu hundert Prozent auf unsere Mitglieder fokussieren.
«Wir fordern eine klare Senkung der Aufsichtskosten für das nächste Jahr.»
Was für Dienstleistungen erbringen Sie heute konkret für Ihre Mitglieder?
Wir sind die Anlaufstelle des Vermögensverwalters, die Schnittstelle zur Aufsicht und zu den Prüfgesellschaften. Mit dem Wegfall der Selbstregulierung sind viele Guidelines weggefallen, und der Branchenstandard ist ein Stück weit verschwunden. Diesen versuchen wir jetzt wieder zu etablieren. Das ist eine Arbeit, die nie aufhören wird. Ausserdem unterstützen wir die Vermögensverwalter mit umfassenden Dienstleistungen und vermitteln ihnen Anbieter im ganzen Ökosystem des Vermögensverwalters: von der rechtlichen und regulatorischen Unterstützung bis zur Wahl des richtigen IT-Providers oder eines PMS-Systems. Wir unterstützen unsere Mitglieder mit konkreten Branchenlösungen.
In den letzten Jahren gab es einige Neugründungen verbandsähnlicher UVV-Gruppen. Droht dadurch eine Schwächung des VSV?
Nein, wir sind der einzige Verband für unabhängige Vermögensverwalter in der Schweiz und decken über 60 Prozent des gesamten Markts ab. Wir vertreten alle, von der Einpersonengesellschaft bis zu den grossen Vermögensverwaltern, inkl. Verwalter von Kollektivvermögen. Die einzelnen Gruppierungen vertreten Interessen eines einzelnen Segments, was durchaus legitim ist. Wir pflegen auch einen Austausch mit diesen Gruppierungen. Das Problem ist eher, dass es mit vielen einzelnen Stimmen schwierig ist, die richtigen Leute in der Politik zu erreichen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Branche mit einer Stimme auftritt. Genau das ist unsere Funktion.
Mit verwalteten Vermögen von gegen 500 Milliarden Franken ist der Sektor zusammengenommen der viertgrösste Wealth-Management-Anbieter der Schweiz, nach UBS, Pictet und Julius Bär.
Die 500 Milliarden Franken sind eine Schätzung, basierend auf den Zahlen der Aufsichtsorganisationen. Man hat bisher unterschiedliche Zahlen gehört. Aber im Grunde ist es so: Die Power ist da, und es ist ein Bereich, der wächst und immer wichtiger wird.
Sehen Sie, dass die unabhängigen Vermögensverwalter im Gesamtmarkt Marktanteile gewinnen?
Ja. Es ist sicher der Bereich der Finanzbranche, der am stärksten wächst. Es gibt mehr Neugründungen als Lizenzrückgaben. Die Nachfrage ist definitiv da, auch von Personen aus der Bankenwelt, die den Weg in die Selbstständigkeit suchen. Dies zeigt die Attraktivität und Dynamik der Branche.
«Wir haben ein enges Netzwerk mit Parlamentarierinnen und Parlamentariern und werden künftig kommunikativ noch etwas aktiver werden.»
Aufgrund der Fidleg/Finig-Regeln ging man von einer grossen Konsolidierung unter den rund 2'500 Vermögensverwaltern aus. Warum hat diese nicht stattgefunden?
Man hört immer, es habe 2'500 Vermögensverwalter gegeben, jetzt seien es nur noch rund 1'400. Aber das liegt vor allem daran, dass viele, die gar nie aktiv als Vermögensverwalter tätig waren, mit der Regulierung aus der Statistik verschwunden sind. Eine wirtschaftlich motivierte Konsolidierung sehe ich nicht, mit einer Ausnahme: das mittlere Segment, das entscheiden muss, ob es klein bleibt oder richtig investiert und wächst. Ich sehe eher eine strukturelle Herausforderung bei der Nachfolgethematik: Wir brauchen Nachfolger, wir müssen junge Leute mobilisieren. Zwei etablierte Unternehmer zusammenzubringen, ist viel schwieriger, als wenn jemand gezielt einen Nachfolger sucht und bereit ist, dafür Zeit zu investieren. Das dauert oft fünf bis sieben Jahre.
Das heisst, Sie sehen auch in Zukunft eine klare Daseinsberechtigung für den unabhängigen Vermögensverwalter als Kleinstunternehmen?
Ja, absolut, auch für Ein- und Kleinpersonengesellschaften. Bei den Vermögensverwaltern handelt es sich von Natur aus oft um kleine, unabhängige Strukturen mit einem Median von 3,3 Mitarbeitenden. Mit der künstlichen Intelligenz wird die Unternehmensgrösse künftig eine geringere Rolle spielen. Gerade in den Bereichen wie Administration, Aufbereitung von Informationen oder Compliance können kleinere Vermögensverwalter künftig Technologien nutzen, die früher nur grossen Organisationen vorbehalten waren. Wichtig ist, dass wir als Verband darauf achten, dass das regulatorische Umfeld nicht so verschärft wird, dass es für eine Gesellschaft kostenmässig fast nicht mehr machbar ist.
Wie sehen Sie den Beitrag der unabhängigen Vermögensverwalter zum Finanzplatz Schweiz?
Man darf den Vermögensverwalter nicht als verlängerten Arm der Bank betrachten. Ein durchschnittlicher Vermögensverwalter betreut etwa 65 bis 68 Kunden und kennt jeden persönlich. Das ist ein komplett anderes Risikoprofil als bei einer Bank, wo ein Kunde vielleicht Nummer 2'000 oder 3'000 seines Relationship Managers ist. Der unabhängige Vermögensverwalter hat auch keine Pflicht, eine bestimmte Anzahl Produkte ins Portfolio zu nehmen oder eine von der Bank vorgegebene Strategie umzusetzen, sondern kann die individuelle Anlagestrategie nach den Bedürfnissen des Kunden definieren. Ein unabhängiger Vermögensverwalter kann seine Kunden umfassend, persönlich, ohne Vorgaben einer Bank und frei in der Auswahl der passenden Anlagen betreuen.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Vivien Jain über das ambivalente Verhältnis zwischen unabhängigen Vermögensverwaltern und Banken sagt – und worüber sie derzeit mit der Finanzmarktaufsicht (Finma) spricht.
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