Das bedeutet «Longevity» für Vermögensverwalter

Wer heute mit 65 Jahren in Pension geht, muss sein Vermögen womöglich wesentlich länger einteilen als frühere Generationen. Rund die Hälfte der heute 65-jährigen Frauen erreicht ein Alter von 90 Jahren. Bei den Männern wird rund jeder Zweite 87 Jahre alt.

Selbst sehr hohe Lebensalter sind längst keine Randerscheinung mehr: Rund ein Viertel der Frauen erreicht laut der neuen IFZ Longevity Studie 2026 des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) das 96. Lebensjahr, bei den Männern sind es 14 Prozent. Bis 99 lebt noch etwa jede zehnte Frau und jeder zwanzigste Mann.

Für Banken wird diese Entwicklung zunehmend relevant. Denn mit jedem zusätzlichen Lebensjahr verlängert sich nicht nur die Rentenphase. Auch Vermögen, Vorsorgelösungen und Anlagestrategien müssen entsprechend länger tragen.

Durchschnitt reicht nicht mehr

Seit Einführung der AHV hat sich die durchschnittliche Zeit nach dem Erwerbsleben deutlich verlängert. Ein 65-jähriger Mann konnte damals mit rund zwölf weiteren Lebensjahren rechnen, eine Frau mit knapp 14. Heute sind es rund 20 beziehungsweise 23 Jahre.

Für eine seriöse Finanzplanung reicht der Blick auf solche Durchschnittswerte allerdings kaum aus. Entscheidend ist gemäss der Studie vielmehr, wie wahrscheinlich ein Alter von 90, 95 oder sogar 100 Jahren ist.

Damit verändert sich auch die zentrale Frage in der Vorsorgeberatung. Es geht nicht mehr allein darum, ob das Vermögen bis zur Pensionierung reicht – sondern ob Einkommen und Kapital auch nach 25 oder 30 Jahren Ruhestand noch ausreichen.

Neue Anforderungen an die Beratung

Für Banken hat das mehrere Konsequenzen:

  1. Erstens müssen deutlich höhere Lebensalter systematisch in Finanzpläne einfliessen. Szenarien bis 90, 95 oder 100 Jahre sind keine Extremfälle mehr, sondern realistische Planungsgrössen.
  2. Zweitens wachsen Vorsorge-, Anlage- und Entnahmeplanung stärker zusammen. Wer nach der Pensionierung noch mehrere Jahrzehnte vor sich hat, kann sein Vermögen nicht zwangsläufig so defensiv positionieren wie frühere Generationen. Vermögensaufbau, Kapitalmarktanlagen und spätere Entnahmen müssen deshalb stärker als Gesamtsystem betrachtet werden.
  3. Drittens steigt der Bedarf an individueller Planung. Einkommen, Vermögen, Wohneigentum, familiäre Verpflichtungen, Gesundheit und Ausgabeverhalten unterscheiden sich erheblich. Standardlösungen geraten bei langen Ruhestandsphasen entsprechend schneller an ihre Grenzen.

Kapitalbezug verschärft das Problem

Besonders relevant wird Longevity durch einen zweiten Trend: Immer mehr Schweizer lassen sich ihr Pensionskassenguthaben als Kapital auszahlen. Der Anteil der Neurentnerinnen und Neurentner, die ihr gesamtes Pensionskassenkapital beziehen, ist laut Studie innerhalb von zehn Jahren von rund 30 auf über 40 Prozent gestiegen.

Damit wandert allerdings auch das Langlebigkeitsrisiko stärker zum Einzelnen. Eine lebenslange Rente sichert zumindest einen Teil des Risikos ab, sehr alt zu werden. Wer dagegen das Kapital bezieht, muss Anlage, Liquidität und Entnahmen möglicherweise über 25 oder 30 Jahre selbst steuern.

Für Banken und Vermögensverwalter dürfte deshalb gerade die Entnahmephase zu einem wichtigen Beratungsfeld werden. Es geht nicht mehr nur darum, Vermögen bis zur Pensionierung aufzubauen, sondern daraus anschliessend über Jahrzehnte ein möglichst verlässliches Einkommen zu generieren.

Spezialrolle der Versicherer

Interessant ist die Doppelrolle der Versicherer. Einerseits profitieren Lebens- und Krankenversicherer von einer alternden Bevölkerung und einer steigenden Nachfrage nach Vorsorge- und Rentenlösungen. Andererseits tragen sie selbst Langlebigkeitsrisiken: Leben Versicherte länger als kalkuliert, müssen Leistungen entsprechend länger erbracht werden. Longevity ist für die Versicherungsbranche damit gleichzeitig Wachstumsmarkt und Bilanzrisiko.

Wenn fünf zusätzliche Jahre teuer werden

Wie gross die finanziellen Auswirkungen sein können, illustriert die Studie anhand fiktiver Modellpersonen. Bei der Persona «Mika», die ein mittleres Einkommen repräsentiert, werden die laufenden Einnahmen aus AHV und Pensionskasse den erwarteten Lebens-, Wohn-, Gesundheits- und Steuerkosten gegenübergestellt.

Bei einer angenommenen Lebensdauer von 85 Jahren ergibt sich eine kumulierte Lücke von rund 728’000 Franken. Lebt die Person bis 90, steigt diese auf rund 920’000 Franken. Bei einem Alter von 100 Jahren beträgt die Differenz bereits mehr als 1,3 Millionen Franken.

 

 Tabelle: IFZ

Die Modellrechnung berücksichtigt dabei bewusst keine zusätzlichen Vermögenswerte aus Kapitalbezügen, privater Vorsorge oder anderen Quellen. Sie ist deshalb keine Prognose für einzelne Personen. Sie verdeutlicht jedoch, wie stark wenige zusätzliche Lebensjahre den Kapitalbedarf verändern können.

Für Banken ist weniger der exakte Betrag entscheidend als die dahinterstehende Dynamik: Aus einer überschaubaren jährlichen Differenz zwischen Renteneinkommen und Ausgaben kann über Jahrzehnte eine erhebliche Finanzierungslücke entstehen.

Auch das Erben verschiebt sich

Longevity verändert gleichzeitig die Vermögensübertragung zwischen den Generationen. Wenn Eltern länger leben, werden Vermögen tendenziell später vererbt. Begünstigte befinden sich beim Erhalt einer Erbschaft deshalb häufiger selbst bereits kurz vor der Pensionierung oder sogar im Ruhestand.

Damit verändert sich auch die Funktion des geerbten Vermögens. Statt dem frühen Vermögensaufbau oder dem Kauf eines Eigenheims zu dienen, dürfte es häufiger für die eigene Altersvorsorge, die Vermögensstrukturierung oder die Weitergabe an die nächste Generation eingesetzt werden.

Zusätzliche Beratungsfelder für Banken

Gleichzeitig führen kleinere Familien dazu, dass sich Erbschaften auf weniger Nachkommen verteilen können. Für Banken entstehen dadurch zusätzliche Beratungsfelder – von der Vermögensanlage über Steuer- und Nachlassplanung bis zu Schenkungen und vorgezogenen Vermögensübertragungen.

Bei jüngeren Kunden stehen Finanzbildung, Investieren und langfristiger Vermögensaufbau im Zentrum. Später kommen Immobilien, Vorsorgelücken, familiäre Verpflichtungen und Erbvorbezüge hinzu. Rund um die Pensionierung gewinnen Entnahmeplanung, Wohnen, Gesundheits- und Pflegekosten sowie Nachlassfragen an Gewicht.

Für Banken bietet sich damit die Möglichkeit, die Kundenbeziehung weit über einzelne Produktabschlüsse hinaus auszubauen – im Idealfall sogar über mehrere Generationen.

Zwei grosse Longevity-Fonds

Auch für Asset Manager entwickelt sich Longevity zu einem eigenen Anlagethema – wenn auch bislang zu einem kleinen. Die Studie identifizierte per Ende März 2026 insgesamt 24 in der Schweiz zugelassene Publikumsfonds, die sich nach den Kriterien der Studienautoren dem Longevity-Thema zuordnen lassen. Für 22 davon liegen Angaben zum Fondsvermögen vor. Zusammen verwalten sie rund 7,54 Milliarden Dollar.

Verglichen mit etablierten Themenfonds ist das noch wenig. Zudem ist das Vermögen stark konzentriert: Allein der Candriam Equities Global Demography Fund mit 2,53 Milliarden Dollar und der CPR Silver Age Fund mit 1,23 Milliarden Dollar vereinen fast die Hälfte des untersuchten Vermögens auf sich.

Unscharfe Abgrenzung für Investments

Und Longevity bedeutet in den Portfolios bislang vor allem eines: Gesundheit. Im Durchschnitt entfallen 27,6 Prozent auf Hersteller von Gesundheitsprodukten und weitere 21 Prozent auf Pharmaunternehmen. Zusammen machen diese beiden Bereiche fast die Hälfte der Allokation aus. Versicherungen folgen mit 9,1 Prozent.

Die Abgrenzung bleibt allerdings unscharf. Eine allgemein anerkannte Definition oder standardisierte Taxonomie für Longevity-Investments existiert bislang nicht. Was als Longevity-Fonds vermarktet wird, kann deshalb sehr unterschiedliche Strategien umfassen.

Die IFZ Longevity Studie 2026 wurde mit Unterstützung der Fondsgesellschaft Vanguard realisiert.