KI als persönlicher Finanzberater: Das sind die Folgen
Mitte Mai hat OpenAI (ChatGPT) in den USA eine integrierte Personal-Finance-Lösung für ausgewählte Accounts eingeführt, die deutlich über generische Finanzfragen hinausgeht. Nutzerinnen und Nutzer können über die Finanzinfrastruktur-Plattform Plaid Bankkonten, Kreditkarten und Anlagekonten von mehr als 12’000 amerikanischen Finanzinstituten direkt mit ChatGPT verbinden.
Damit kann die KI auf Kontosalden, Transaktionshistorien, Investmentportfolios, wiederkehrende Zahlungen und Abonnements oder Verbindlichkeiten zugreifen. Transaktionen auslösen oder Konten verändern kann das System derzeit hingegen (noch) nicht. Allerdings wird bereits an diesen «Agentic AI»-Funktionen gearbeitet.
Konkrete Fragen
Der Nutzer respektive die Nutzerin dieser ChatGPT Personal-Finance-Funktion erhält ein persönliches Dashboard etwa mit der Ausgabenübersicht, der Portfolioperformance, Abonnementkosten und anstehenden Zahlungen. Vor allem können auf Basis dieser echten Daten konkrete Fragen zu komplexen Themen gestellt werden.
- Ich habe das Gefühl, ich gebe mehr aus als früher. Hat sich etwas verändert?
- Welches ist das grösste Risiko in meinem Portfolio?
- Hilf mir, in den nächsten fünf Jahren ein Haus zu kaufen.
- Welche Abonnements könnte ich kündigen?

Typische Fragen zu Finanzsituationen. (Quelle: OpenAI)
KI als «Financial Buddy»
Hier kann ChatGPT laut Dietrich seine grosse Stärke ausspielen: Die Beantwortung der Fragen geschieht im Rahmen einer einfachen und natürlichen Konversation in verständlicher Alltagssprache statt in komplexer Bank- oder Fachsprache. Nutzer können ihre finanziellen Fragen so stellen, wie sie diese auch Freunden oder Bekannten stellen würden. Damit positioniert sich der Personal Finance Manager von ChatGPT als eine Art «Financial Buddy» respektive digitaler Begleiter, der Menschen bei finanziellen Fragestellungen unterstützt, Orientierung bietet und Informationen verständlich aufbereitet.
Solche Fragen rund um typische Alltagssituationen könnten Banken grundsätzlich ebenfalls beantworten, «bieten dies heute aber meist noch nicht in dieser niederschwelligen und jederzeit verfügbaren Form an», schreibt er in seinem Blog.
Bei der Verarbeitung von Fragen speichert ChatGPT «Financial Memories» – also nutzerspezifische Informationen wie Sparziele, Hypothekenstand oder familiäre Verpflichtungen – und berücksichtigt diese in künftigen Gesprächen. Die Funktion läuft auf GPT-5.5 Thinking, dem derzeit stärksten öffentlich verfügbaren Modell von OpenAI.
Mehr als eine reine Informationsplattform
OpenAI hat bereits angekündigt, langfristig den Schritt von einer reinen Informationsplattform hin zu einem System zu machen, das auch eigenständig Aktionen ausführen kann. Über eine bevorstehende Integration mit Intuit soll ChatGPT etwa Kreditkartenanträge direkt im Chat abwickeln, Steuerfolgen von Wertschriftenverkäufen berechnen oder Termine mit lokalen Steuerexperten vereinbaren können.
Derzeit ist die Funktion auf Nutzer von ChatGPT Pro in den USA beschränkt. Eine breitere Ausweitung gilt als wahrscheinlich, wurde bislang aber noch nicht offiziell konkretisiert.
Was das für die Schweiz bedeutet
ChatGPT, Claude & Co sind längst keine Nischenprodukte mehr. Rund 60 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer nutzen regelmässig KI-Chatbots im privaten oder beruflichen Alltag. Laut OpenAI stellen jeden Monat mehr als 200 Millionen Menschen dem Chatbot Fragen zu Budgets, Investitionen oder der Vorsorge.
Dass ChatGPT und Co. diesen Trend früher oder später aufgreifen werden und das Kerngeschäft der Banken – die Beratung und Begleitung in finanziell auch komplexeren Fragen – «angreifen» würden, war absehbar. Mit dem neuen Personal-Finance-Angebot von OpenAI ist dieser Moment laut Dietrich nun bereits eingetreten.
ChatGPT und Co. seien bereits heute für viele Menschen ein wichtiger oder gar erster Anlaufpunkt bei Finanzfragen. Dieser Verhaltensshift, also die Verlagerung hin zu KI-Assistenten, werde sich in Zukunft noch weiter akzentuieren. «Schweizer Bankkunden, die heute ihren Berater und ihre Beraterin für eine Ersteinschätzung zu einer Hypothek oder einem Sparplan kontaktieren, fragen morgen möglicherweise zuerst einen KI-Assistenten.»
Heikle Daten
Schweizer Banken stehen traditionell für enge Kundenbeziehungen, hohes Vertrauen und persönlichen Kontakt. Doch dieser Vorteil schütze nicht automatisch vor einem Angebot, das einfacher zugänglich, jederzeit verfügbar und für viele Kunden auf den ersten Blick «gut genug» ist, schreibt Dietrich.
Die entscheidende Frage werde deshalb sein, wo das Vertrauen der Schweizer in einem Jahr – und wo es in fünf oder zehn Jahren – liege. «Vertrauen Menschen ihre sensiblen Finanzdaten tatsächlich einer LLM-Plattform wie ChatGPT an? Oder wird Vertrauen gerade bei Finanzdaten weiterhin der entscheidende Wettbewerbsvorteil klassischer Banken bleiben?»
Agentic AI verändert die Spielregeln
Was OpenAI kürzlich in den USA lanciert hat, ist noch mehrheitlich ein Informations- und Analyse-Tool. Der angekündigte nächste Schritt, die direkte Ausführung von Finanzentscheidungen im Chat, markiert den Übergang zu Agentic AI im Banking. Kann ein Nutzer ChatGPT beauftragen, einen personalisierten Sparplan zu erstellen und einzurichten, ist das nicht mehr nur Beratung, sondern auch noch gleich die Ausführung.
An diesem Punkt würden die Grenzen zwischen KI-Assistent und Bank zunehmend fliessend, womit sich die Frage nach der künftigen Rolle der Bank stelle. Auch in der Schweiz werde dieses Thema in den nächsten Jahren relevant werden, angefangen bei der Frage, wie einzelne Banken ihre Schnittstellen bereitstellten und ob sie eigene Agents entwickelten. Wie sich dieses Thema letztlich entwickle, sei noch offen. Allenfalls könne bLink auch bei der Entwicklung dieser Agents auf der Bankenseite eine Rolle spielen.
Noch kein direkter Zugang auf Bankdaten
Die derzeit noch geografische Beschränkung auf die USA ist laut Dietrich «keine Entwarnung für die hiesigen Banken». In den USA kann das Modell ausgerollt werden, weil OpenAI auf Plaid zugreifen kann. Plaid ist in den USA der Standard für Open Banking.
Anders als in den USA kann ChatGPT in der Schweiz einen Personal Finance Manager nicht einfach eigenständig ausrollen. Zwar existiert mit bLink die technische Grundlage. Den Zugang zu den Bankdaten kontrollieren aber noch die einzelnen Banken. Schweizer Banken entscheiden heute weitgehend selbst, welchen Drittanbietern sie Zugriff gewähren. Insofern stelle sich die Frage, ob Plattformen wie ChatGPT künftig direkten Zugang zu Schweizer Bankkonten erhalten. «Eine breite Integration entsprechender KI-Funktionen dürfte sich hierzulande deshalb langsamer einstellen als in den USA oder der EU», heisst es dazu.
Das sollten Banken machen
Der Launch des OpenAI Personal-Finance-Angebots ist für Dietrich «kein isoliertes amerikanisches Phänomen.» Er sei vielmehr ein Vorbote einer grösseren Verschiebung. KI-Assistenten würden sich zunehmend zu aktiven Teilnehmern im persönlichen Finanzleben der Nutzer entwickeln. Zunächst noch im Bereich von Analysen und Informationen, perspektivisch aber auch im transaktionalen Bereich.
«Schweizer Banken haben noch Zeit, sich strategisch zu positionieren und sich mit diesen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Die entscheidende Frage ist dabei vor allem auch, ob Banken dort präsent bleiben können, wo Kundinnen und Kunden ihre Finanzentscheidungen treffen.»
Vertrauen, Datentiefe und Datenqualität
Entsprechend müssten Banken die eigenen Wettbewerbsvorteile klar definieren und gezielt stärken. Der wichtigste davon bleibe das Vertrauen in die Banken. Hinzu kommen die einzigartige Datentiefe und Datenqualität. Keine externe KI verfüge über einen so umfassenden und langfristigen Blick auf die finanzielle Situation ihrer Kunden wie die Hausbank.
Diese Stärken müssten jedoch in intelligente und letztlich auch KI-gestützte Beratungsangebote übersetzt werden. «Entsprechend sollte jede Bank eine klare Antwort darauf haben, wie sie mit Entwicklungen rund um ChatGPT, Claude und ähnliche Systeme in der Beratung umgeht – und wie KI-gestützte Beratung künftig in das eigene Angebot integriert werden soll. Ziel sollte es sein, nicht auf die Rolle eines reinen Infrastruktur- oder Abwicklungsanbieters reduziert zu werden», so das Fazit.















