600 Basispunkte mehr: Wo sich der Blick für Schweizer Anleger lohnt
Von Zsolt Papp, Senior Investment Specialist bei J.P. Morgan Asset Management
Da ich seit fast drei Jahrzehnten in London lebe, hat mir die KI versichert, dass ich mich durchaus als Londoner bezeichnen darf. Ein Londoner zu werden, hat weniger damit zu tun, wie lange man in der Stadt lebt, sondern vielmehr mit lokalen Gewohnheiten und einer bestimmten Mentalität – etwa dem «Embracing the Groan», also dem kultivierten Klagen über das Wetter, den Preis für ein Pint und Verspätungen der «Tube». Nach diesem Massstab erfülle ich die Voraussetzungen zweifellos. Doch obwohl ich das Leben in London, seine Vielfalt und seine lebendigen Communities geniesse – die «Zauberlaterne», wie Dickens die Stadt beschrieb –, bin ich im Herzen Schweizer geblieben.
In Zürich geboren und aufgewachsen, kann ich mit Überzeugung sagen, dass ich tatsächlich ein «Zürcher» bin. Wann immer ich die Gelegenheit dazu habe, besuche ich den Lindenhof, einen kleinen, von Bäumen gesäumten Platz unweit der belebten Bahnhofstrasse. Es ist ein Ort der Ruhe und Gelassenheit, der Besucherinnen und Besucher dazu einlädt, dem Alltagstempo für einen Moment zu entfliehen und den wunderbaren Blick auf die Altstadt und die Limmat zu geniessen.
Das Leben im Ausland hat mich gelehrt, die besonderen Qualitäten der Schweiz stärker zu schätzen – Qualitäten, die ich oft als selbstverständlich betrachtet habe, als ich noch in Zürich lebte. Dazu gehört auch die aussergewöhnlich hohe Qualität des öffentlichen Verkehrs, die für London ein unerreichbares Ziel zu sein scheint. (Da wär’s wieder, das Klagen über die «Tube»…)
Der Markt für Schwellenländeranleihen
Warum in Schwellenländeranleihen investieren – und warum gerade jetzt? Schwellenländeranleihen erfüllen zwei zentrale Funktionen in einem Portfolio: Sie können zur Renditesteigerung beitragen und die Risikodiversifikation verbessern. Das gilt auch – oder gerade – vor dem Hintergrund des heutigen volatilen und herausfordernden globalen Umfelds. Im Durchschnitt liegen die Renditen von Schwellenländeranleihen weiterhin rund 200 bis 300 Basispunkte über denen von US-Staatsanleihen oder Staatsanleihen der Eurozone und etwa 600 Basispunkte über denen Schweizer Staatsanleihen.
Die Volkswirtschaften der Schwellenländer sind zudem deutlich widerstandsfähiger gegenüber externen Schocks als noch vor 10 oder 20 Jahren. Gründe dafür sind eine umsichtigere Geld- und Fiskalpolitik, ausgewogenere Aussenwirtschaftspositionen und weiterentwickelte institutionelle Rahmenbedingungen. Diese Verbesserungen sind struktureller Natur und dürften anhalten. Die aktuellen Bewertungen mögen in einigen Bereichen im historischen Vergleich ambitioniert erscheinen, werden jedoch durch wirtschaftliche Fundamentaldaten gestützt. Aus unserer Sicht spiegeln sie einen fairen Wert wider.
Lateinamerika sticht hervor
Wo können Schweizer Anleger in diesem Markt Wertpotenzial finden? Die Herausforderung für jeden aktiven Manager besteht darin, echte Chancen von Bewertungsfallen zu unterscheiden. Der beste Weg besteht darin, Zahlungsfähigkeit und Zahlungsbereitschaft zu analysieren. Wenn einer dieser beiden Faktoren zweifelhaft erscheint, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine solche Falle.
Ein Bereich, der in dieser Phase geopolitischer Volatilität hervorsticht, ist Lateinamerika. Die Region ist im Allgemeinen besser gegen Angebotsschocks geschützt, da sie weniger stark von Energieimporten aus dem Nahen Osten abhängig ist als einige andere Regionen, darunter die EU. Viele Länder sind selbst Rohstoff- oder Energieexporteure oder handeln innerhalb der amerikanischen Energieversorgungsketten stärker miteinander.
Selektiv sehen wir auch Wertpotenzial in Frontier Markets, die von verbesserten Fundamentaldaten oder von internationalen Institutionen wie dem IWF unterstützt werden, sowie bei Ölexporteuren ausserhalb des GCC, die von erhöhten Rohölpreisen profitieren. Weniger positiv beurteilen wir dagegen Asien und die GCC-Region, da die Bewertungen dort ambitioniert erscheinen.
Aus Währungssicht bevorzugen wir weiterhin Schwellenländeranleihen in lokaler Währung. Sie bieten hohe Realzinsen – insbesondere in Lateinamerika – sowie Potenzial für Währungsaufwertungen, wobei Letzteres in gewissem Masse vom US-Dollar abhängt. Schwellenländeranleihen in Hartwährung reagieren hingegen empfindlich auf Bewegungen der US-Treasury-Kurve, bieten aber zugleich attraktive Carry-Erträge, insbesondere in den Segmenten mit BB- und BBB-Rating.
Aktiv investieren
Aus unserer Sicht sollten Schweizer Anleger bei Investitionen in diese Anlageklasse einige Grundsätze beachten. Erstens: immer aktiv. Angesichts der naturgemäss grossen Streuung von Chancen und Risiken erzielen aktive Ansätze tendenziell bessere Ergebnisse. Zweitens richten sich einzelne Schwellenländeranleihen in der Regel an institutionelle Anleger und erfordern Mindestanlagen von 100‘000 oder 200‘000 US-Dollar. Investmentfonds und ETFs bieten Anlegern diversifizierte Lösungen sowie Zugang zu Märkten – etwa in lokaler Währung –, die ansonsten schwer zugänglich sind.
Und schliesslich: nicht in Panik geraten. Schwellenländeranleihen sollten als strategische Ergänzung des Portfolios eingesetzt werden. Market Timing ist bekanntlich schwierig – selbst Profis können dabei falschliegen – und kostspielig. Ein langfristiger Ansatz ermöglicht es Anlegern, die Vorteile des Zinseszinseffekts bei höher verzinslichen Schwellenländeranleihen voll auszuschöpfen.













