Der ETF-Boom verschärft den Auswahlkampf bei den Banken

Eine Börsenkotierung schafft Zugang. Ob ein aktiver ETF anschliessend in den Kundenportfolios einer Bank landet, ist eine andere Frage. Mit dem wachsenden Angebot gewinnt die Auswahl an Bedeutung: Welche Produkte verdienen einen Platz im Anlageuniversum, und welche liefern vor allem eine neue Verpackung für bereits verfügbare Strategien?

Die Frage wird auch für den Schweizer Finanzplatz konkreter. Im September 2026 brachte Pictet seine AI Enhanced Equity ETFs an die SIX. Die Produkte verbinden quantitative Anlageverfahren mit KI-gestützter Aktienauswahl. Bereits im August hatte Allianz Global Investors drei aktive Aktienstrategien an der Schweizer Börse eingeführt. Damit erweitert sich das Spektrum der Anbieter, die um professionelle Anleger konkurrieren.

Die Strategie hinter dem ETF zählt

Für Fondsselektoren beginnt die Analyse beim Verwendungszweck. Soll ein Produkt eine passive Kernanlage ergänzen, einen bestehenden aktiven Fonds ersetzen oder ein bestimmtes Ertragsprofil liefern? Erst wenn diese Rolle feststeht, lässt sich beurteilen, ob die Strategie ihren Preis und ihre Risiken rechtfertigt. Ein weitgehend indexnahes Aktienportfolio muss andere Erwartungen erfüllen als eine konzentrierte Titelauswahl oder eine Strategie mit laufenden Optionsprämien.

Dabei ist ein junger ETF nicht zwangsläufig eine unerprobte Strategie. Hinter einer neuen Kotierung kann ein seit Jahren verwalteter Anlageansatz stehen. Morningstar empfiehlt in seinem Leitfaden zur Prüfung aktiver ETFs ausdrücklich, dieser Vorgeschichte nachzugehen. Eine bestehende Strategie kann Hinweise auf Anlageprozess, Portfoliopositionierung und das Verhalten des Managements liefern. Ihre bisherigen Ergebnisse lassen sich jedoch nur dann sinnvoll heranziehen, wenn die Umsetzung tatsächlich vergleichbar ist. 

Rendite allein reicht nicht

Für die professionelle Auswahl folgt daraus: Der Name des Managers und eine lange Präsentation historischer Renditen reichen nicht aus. Zu klären ist, ob Team, Anlageuniversum, Risikobudget und Portfoliokonstruktion übereinstimmen. Ebenso relevant ist, welche Anpassungen das ETF-Format erfordert. Eine Strategie kann in einem klassischen Fonds funktionieren und unter anderen Handels- oder Kapazitätsbedingungen dennoch andere Ergebnisse liefern.

Zur Anlageprüfung kommt die Analyse der Handelbarkeit. Morningstar verweist auf die Bedeutung liquider Basiswerte, stabiler Preisstellung und leistungsfähiger Partner für die Ausgabe und Rücknahme von ETF-Anteilen. Das sichtbare Börsenvolumen allein liefert deshalb kein vollständiges Bild. Auch die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs sowie mögliche Abweichungen vom Nettoinventarwert gehören zur Beurteilung.

Was der ETF wirklich kostet

Gerade bei grösseren Positionen wird damit die Ausführung Teil der Produktentscheidung. An der SIX können institutionelle Anleger über «Quote on Demand» mehrere Liquiditätsgeber in einem Bieterverfahren anfragen. Für eine Bank ist entsprechend relevant, zu welchen Konditionen sich die vorgesehene Position tatsächlich aufbauen, anpassen und wieder verkaufen lässt. 

Auch beim Kostenvergleich braucht es einen passenden Massstab. Ein aktiver ETF sollte mit den für die Bank tatsächlich zugänglichen Alternativen verglichen werden – beispielsweise einer institutionellen Anteilsklasse derselben Strategie. Neben den laufenden Produktkosten gehören die erwarteten Handelskosten in die Rechnung. Bei häufigen Umschichtungen können sie stärker ins Gewicht fallen als bei einer langfristig gehaltenen Position.

Die Überlebensfähigkeit wird zum Auswahlkriterium

Die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Produkts ist ein weiterer Prüfpunkt. Morningstar nennt Startkapital, Unterstützung durch Market Maker und einen plausiblen Plan zum Aufbau des Fondsvermögens als relevante Faktoren. Ein kleines Fondsvolumen ist für sich genommen kein Ausschlussgrund. Es erhöht aber den Erklärungsbedarf, wie der Anbieter das Produkt dauerhaft betreiben will. 

Für Banken ergibt sich daraus ein praktisches Spannungsfeld: Neue Strategien benötigen Anleger, um zu wachsen. Anleger wiederum suchen Gewissheit, dass ein Produkt langfristig bestehen bleibt. Anbieter können diese Unsicherheit durch klare Ressourcenentscheidungen und eine nachvollziehbare Produktplanung verringern. Eine allgemeingültige Mindestgrösse oder eine für alle Banken geltende Mindesthistorie lässt sich daraus nicht ableiten.

Die Selektion endet nicht mit dem Kauf

Schliesslich muss sich die Strategie in der laufenden Betreuung erklären lassen. Was verursachte eine schwache Phase? Entspricht die Positionierung noch dem ursprünglich ausgewählten Ansatz? Welche Risiken kommen im Gesamtportfolio hinzu? Für den Vertrieb bedeutet das: Mit der Aufnahme auf eine Empfehlungsliste endet die Arbeit nicht. Belastbare Daten und verständliche Auskünfte zum Portfolio bleiben erforderlich.

Die wachsende Zahl aktiver ETFs dürfte deshalb den Wert guter Fondsselektion erhöhen. Für Anbieter besteht die Aufgabe darin, ein vollständiges Angebot vorzulegen: eine nachvollziehbare Strategie, eine passende Kostenstruktur, verlässlichen Handel und belastbare Betreuung. Erst daraus wird ein Produkt, das sich dauerhaft in Kundenportfolios einsetzen lässt.