Johannes Feist über Mikrofinanzen: «Sollten vom hohen Ross herunterkommen»

Der Wandel von Mikrofinanz beginnt ganz an der Basis: bei der Kreditaufnahme. «Früher fuhren Kreditsachbearbeiter zu den Kundinnen und Kunden, um auf Papier festzuhalten, welche Sicherheiten bestehen und wie der Cashflow aussieht», sagt Johannes Feist, CEO der Luxemburger Mikro KapitalHeute würden diese Informationen mit Notebooks erfasst und direkt in die Filialsysteme eingespeist.

Damit steigt auch die Reichweite der Institute. In Ländern, in denen viele Menschen kaum Zugang zu einer Bankfiliale haben, übernehmen sogenannte «Agents» – kleine Händler oder Poststellen – die digitale Datenerfassung. Noch einen Schritt weiter geht die Kreditvergabe per App, die in vielen Schwellenländern für sehr kleine Beträge bereits Standard ist. Bargeldtransaktionen werden zunehmend durch digitale Überweisungen ersetzt.

KI-Einsatz mit Bedacht

Den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) treibt Feist allerdings mit grosser Vorsicht voran: Zahlreiche Mikrofinanzanbieter setzen KI bereits intensiv für Kreditentscheidungen ein. Für Mikro Kapital ist dies lediglich eingeschränkt denkbar.

«Ein Grossteil unserer Kundschaft hat keine idealen Daten. Genau deshalb kommen sie ja zu uns und nicht zu einer Bank», so Feist. «Eine rein KI-basierte Prüfung könnte potenziell erfolgreiche Kleinunternehmer automatisch aussortieren.»

Er schildert ein passendes Beispiel: «Eine Frau, die weder lesen noch schreiben kann, aber ein funktionierendes Landwirtschaftsmodell betreibt, würde von einer KI wohl abgelehnt. Ein menschlicher Kreditexperte erkennt jedoch das Potenzial.» Daher testet Mikro Kapital künstliche Intelligenz nur bei sehr kleinen Krediten und überprüft ein halbes Jahr später, ob die Entscheidung angemessen war.

Blockchain: Nützlich, aber nicht entscheidend

Hinter Blockchain sieht Feist vor allem eine Dokumentationsstrategie. «Man braucht Blockchain nicht zwingend für Mikrofinanz. Relevanter wird sie, wenn Investoren aus dem Kryptobereich kommen, denn diese wünschen digitale statt papierbasierte Dokumentationen.» Für die operative Kreditvergabe selbst sei der Nutzen dagegen begrenzt.

Europa rückt zurück ins Blickfeld

Überraschend klar positioniert sich der Mikro-Kapital-CEO beim Blick auf die Zukunft: Mikrofinanz werde zunehmend wieder in Europa benötigt. Der Grund: Nach fünf Jahren «Dauerkrise» mit Pandemie, Krieg und Inflation seien viele Kleinunternehmen in Schieflage geraten. Negative Einträge in Bonitätsregistern, kombiniert mit strenger regulierten Banken, führten dazu, dass Unternehmer trotz funktionierender Geschäftsmodelle kaum noch Kredite erhielten.

«Wir sollten von unserem hohen Ross herunterkommen», betont Feist. «Mikrofinanz ist nicht nur etwas für arme Länder. Sie wird wieder relevant für unsere Gesellschaft, insofern sie verantwortungsvoll und für produktive Zwecke eingesetzt wird.»

Rumänische Erfolgsgeschichte: Vom Landwirt zum Unternehmer

Wie wirkungsvoll Mikrokredite sein können, zeigt das Beispiel von Zamisnicu P. Mihai-Remus, einem landwirtschaftlichen Unternehmer im rumänischen Landkreis Iași. Der Mann mit der markanten Brille (Bild unten) steht sinnbildlich für das Potenzial kleiner Unternehmer, die mit wenig formaler Bildung, aber viel Knowhow beeindruckende Entwicklungsschritte erzielen. Remus bewirtschaftet seit zehn Jahren 20 Hektaren Land. 2017 entwickelte er den Plan, auch eine Verarbeitungs- und Konservierungslinie aufzubauen, statt nur Rohprodukte anzubauen. Dafür benötigte er ein neues Lager-und Produktionsgebäude.

Feists Mikro Kapital, damals erst ein Jahr im rumänischen Markt tätig, prüfte den Fall. Remus erhielt ein Darlehen von 107'000 Rumänischer Leu (23'220 Euro) – genug, um sein Projekt zu starten. Heute gilt der Betrieb als Musterbeispiel für erfolgreiche Mikrounternehmer, die dank gezielter Finanzierung wichtige Impulse für lokale Wirtschaftsentwicklung liefern.

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Vom Landwirt zum Unternehmer: Zamisnicu P. Mihai-Remus (Bild: zVg)

Manche Geschichten erkennt nur der Mensch

Der globale Mikrofinanzsektor befindet sich an einem entscheidenden Wendepunkt. Moderne Technologien versprechen zwar erhebliche Effizienzgewinne, doch Feist warnt vor einem blinden Vertrauen in digitale Systeme: «Der Zweck von Mikrofinanz besteht darin, jenen eine Chance zu geben, die sonst durchs Raster fallen.»

Ein Grundsatz bleibt für ihn unverrückbar: «Nicht jeder Kredit lässt sich aus Daten ableiten – manche Geschichten erkennt nur der Mensch.»