Chris Rowe: Diese HR-Trends werden 2026 die Finanzbranche prägen

Jahrelang galten Indien und Teile Osteuropas als «Feindbild» des Schweizer Arbeitsmarkts, weil internationale Unternehmen versuchten, ihre kostenintensiven Schweizer Strukturen durch günstigere Offshore- oder Nearshore-Teams zu ersetzen.

Bald dürfte dieses Kapitel Geschichte sein. Denn zunehmend spezialisierte Rollen werden durch «Agenten» der Künstlichen Intelligenz (Agentic AI) ersetzt.

KI – das neue Offshoring

Ein sinkender Personalbestand galt früher als Warnsignal im Organigramm eines Unternehmens und als Grund zur Sorge für Investoren. In Zukunft ist er als Vorteil zu interpretieren.

Dabei ist eine weitere, substanzielle Zunahme von erfahrenen Kaderleuten im Bereich KI zu erwarten; vor allem Chief AI Officers (CAIOs) und Heads of AI Governance stehen dabei hoch im Kurs. Eine offene Frage bleibt die Einordnung des CAIOs: Sollte diese Rolle dem CTO/CIO (wie bei der UBS) oder dem CEO berichten (wie beispielsweise bei J.P. Morgan)? Das wird sich erst noch weisen müssen.

Governance neu gedacht

Governance 388

(Bild: Shutterstock)

Fast jedes zweite Bild, das wir heute in den Sozialen Medien sehen, ist KI-generiert. In einer Welt von Datenmissbrauch, Deepfakes und Cyberangriffen wird Vertrauen zur wertvollsten Währung im Geschäftsleben. Der Chief Trust Officer (CTO) verbindet Compliance, Datenschutz, Unternehmenskultur und Ethik und schafft dadurch eine werthaltige Beziehung zwischen Unternehmen, Mitarbeitenden sowie Kundinnen und Kunden.

Diese neue C-Level-Funktion gibt es bereits bei Tech-Giganten wie Salesforce, Google oder Coinbase. Unter diesen Prämissen ist es gut möglich, dass 2026 der erste CTO im globalen Banking oder in einer Versicherung ernannt wird.

Ein grossartiges Jahr für CHROs und CFOs

Financials 388

(Bild: Shutterstock)

Bei all dem Hype um neue Führungsrollen sollte man die tragenden Säulen einer Geschäftsleitung nicht vergessen. Die Rede ist dabei von den Personalverantwortlichen (Chief HR Officers) und den Finanzchefs (Chief Financial Officers). Viele von ihnen verdanken ihre heutige Reputation der Covid-Zeit, als sie im «Perfect Storm» von Workforce-, Homeoffice- und Kostenherausforderungen Entscheidungsstärke bewiesen.

Das Jahr 2026 verspricht, mindestens ebenso anspruchsvoll zu werden. Da fast alle Geschäftsmodelle in der Finanzbranche unter Druck stehen, wird die richtige Strategie und der passende Finanzierungsmix über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Die CFOs sitzen dabei am Steuer, wenn es um KI-Investitionen und Innovationsbudgets gehen wird. Und wie schon in der Pandemie gilt: Die CHROs und CFOs, die sich am schnellsten anpassen, werden erfolgreich sein – die anderen ersetzt.

Aufstieg der Allrounder

Allrounder 388

(Bild: Shutterstock)

Die Komplexität der modernen Geschäftswelt hat uns in den vergangenen Jahren gelehrt, dass spezialisierte Positionen besondere Fähigkeiten und Erfahrungen erfordern. Bei Positionen wie AML-Leitern und CTOs war es schwierig, Argumente gegen einen Spezialisten zu finden, was dazu führte, dass weitgehend auf eine Disziplin spezialisierte «Monoline»-Führungskräfte in die Geschäftsleitung aufstiegen.

Da jedoch die technischen Eintrittsbarrieren rapide sinken, ist eine stärkere Betonung von menschenzentrierten, kompetenzbasierten Einstellungskriterien zu erwarten. Dies könnte den Stärken der Allrounder (auch Utility Players genannt) zugutekommen, also langjährigen Führungskräften, die in verschiedenen Funktionen und Regionen für ein Unternehmen tätig waren. Die jüngsten Top-Ernennungen bei der UBS oder Morgan Stanley bestätigen dies.

Chief Sustainability Officer – zurück aus der Kälte

Sustainability 388

(Bild: Shutterstock)

Stellen Sie sich vor, Sie sind Chief Sustainability Officer (CSO): 2020/21 «the hottest ticket in town», also der absolute Trend. Drei Jahre später will niemand mehr etwas von Ihnen wissen.

Doch nun ist der CSO wieder da. Nachhaltigkeit entwickelt sich vom «Nice-to-have» zum «Must-have» – auch aus Sicht der Aufsichtsbehörden. Nachhaltigkeit spielt auch eine zentrale Rolle bei der Kapitalbildung sowie bei Finanzierungsstrategien. Die jüngsten Ernennungen bei Apollo und Edmond de Rothschild bestätigen diese Beobachtung.


WL CR Headshot 388

Die in Zürich und London ansässige Firma Pltfrm ist eine technologieorientierte Personalberatung, die Chris Rowe (Bild links) 2023 zusammen mit dem ehemaligen Global Head of Recruiting der UBS, Will Lahaise (Bild rechts), gegründet hat. Sie ist auf die Besetzung von Führungspositionen auf C-Level für Kundinnen und Kunden aus den Bereichen Finanzdienstleistungen und Technologie spezialisiert. Rowe ist in Zürich ansässig und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Bereich «Executive Search».