Vermögensverwaltung: Um im Spiel zu bleiben, ist Kurswechsel nötig


In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Während im Schweizer Eishockey die Playoffs immer näher rücken, sehen sich die Vermögensverwalter hierzulande einem anderen strategischen Spiel ausgesetzt: Angesichts strengerer Vorschriften, des technologischen Drucks und steigender Kundenerwartungen haben unabhängige Vermögensverwalter (UVV) keine andere Wahl, als ihre Strategie zu ändern, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Diese Akteure sind zwar weniger zahlreich, aber besser ausgestattet. Sie verbessern ihr Zusammenspiel, professionalisieren ihren Ansatz und investieren in Technologie, um in die erste Liga der Vermögensverwaltung aufzusteigen.

Eine neue Strategie zeichnet sich ab

Seit der Einführung von Fidleg (Finanzdienstleistungsgesetz) und Finig (Finanzinstitutsgesetz) ist die Zahl der von der FINMA zugelassenen unabhängigen Vermögensverwalter von 1’934 im Juni 2020 auf heute rund 1’600 gesunken. Dieser Rückgang ist jedoch hauptsächlich auf strategische Annäherungen, Fusionen oder Geschäftsaufgaben zurückzuführen. 

«Wir erleben das Entstehen eines neuen Profils unabhängiger Vermögensverwalter.»

Tatsächlich bleiben die Gesamtvermögen solide und liegen Schätzungen zufolge bei rund 400 Milliarden Franken, eine Zahl, die bereits in einer Studie der Credit Suisse von 2017 genannt wurde. Noch mehr: Mehrere Gesellschaften verwalten mittlerweile über 5 bis 10 Milliarden und erreichen damit eine kritische Grösse, die es ihnen erlaubt, mit kleineren Banken mitzuhalten. Weniger Spieler auf dem Eis, aber besser positioniert.

Regulatorische Arbitrage und intensiver technologischer Wandel

Der neue regulatorische Rahmen schreibt ein strukturierteres Vorgehen vor: formalisierte Governance, verstärkte Compliance, optimierte Kundendokumentation. Dies erfordert erhebliche Investitionen, insbesondere für kleinere Strukturen. 

Die gute Nachricht ist: Die Technologie übernimmt die Rolle des strategischen Partners. PMS, CRM, Cloud, Automatisierung... die unabhängigen Vermögensverwalter setzen auf digitale Lösungen, die die operative Komplexität reduzieren und gleichzeitig ihre Agilität stärken. Ein intensives Training, das sich für sie auszahlt. Vor allem dann, wenn sie sich mit effizienten Partnern umgeben. 

Vom Einzelkämpfer zum strukturierten Team

Wir erleben das Entstehen eines neuen Profils unabhängiger Vermögensverwalter (UVV): institutioneller geprägt, mit integrierten oder gemeinsam genutzten Funktionen wie Compliance, Risk Management oder IT. 

Das Modell entwickelt sich vom Einzelkämpfer zum Kollektiv, ohne dabei die Unabhängigkeit aufzugeben. Diese Akteure nutzen ihre Spezialisierung, ihr Fachwissen und eine solide Organisation, um ein echtes, differenziertes Wertversprechen zu schaffen. Ganz wie die besten Offensivlinien optimieren sie ihre Koordination, um an Schlagkraft zu gewinnen.

Das Spiel an eine neue Generation Kunden anpassen

Die unabhängigen Vermögensverwalter richten sich nun an eine jüngere, stärker vernetzte und anspruchsvollere Kundschaft: Erben, Unternehmer, UHNW, Millennials, Gen Z. Ihr Ansatz? Ein hochgradig personalisiertes Serviceangebot, Fachwissen zu komplexen Themen (Nachfolge, Steuern, Privatvermögen, ESG) und ein nahtloses digitales Erlebnis.

«Der grosse Trend der Zukunft ist die generationsübergreifende Vermögensübertragung.»

Um diese neue Generation zu gewinnen, muss man anders vorgehen, menschliche Nähe und Innovation kombinieren und neue Kompetenzen wie Family Governance oder Impact Investing in sein Fachwissen integrieren.

Kryptowährungen und andere Herausforderungen

Der grosse Trend der Zukunft ist die generationsübergreifende Vermögensübertragung. Damit gehen neue Herausforderungen einher: verantwortungsbewusstes Investieren, neue Anlageklassen, Digitalisierung der Kundenbeziehung, Personalisierung in grossem Massstab.

Die unabhängigen Vermögensverwalter müssen sich diesen Herausforderungen stellen und gleichzeitig ein hohes Mass an Fachwissen und Vertrauen aufrechterhalten. Das letzte Drittel des Spiels verspricht technisch anspruchsvoll zu werden: Nur diejenigen, die die Spielzüge vorhersehen und flexibel darauf reagieren können, werden auf dem Eis bleiben. Dabei sind sie nicht auf sich allein gestellt, sondern können auf ihre Partner zählen, insbesondere auf die Depotbanken.

Das Spiel ist noch lange nicht vorbei

Wie eine Mannschaft, die die Playoffs erreichen will, haben die Schweizer Vermögensverwalter keine andere Wahl, als ihr Spielniveau zu verbessern. Sie müssen sich mit strengeren Vorschriften, konstantem wirtschaftlichem Druck und sich schnell ändernden Kundenerwartungen auseinandersetzen. 

Aber mit gutem Coaching, der richtigen Ausrüstung und den passenden Partnern haben sie alles, was sie brauchen, um im Rennen zu bleiben. Das Spiel ist noch lange nicht vorbei – und es verspricht spannend zu werden.


Laurent Pellet ist Global Head of EAM bei Lombard Odier.