Start 2026: Ein leises Aufwachen in Europa
Ich beginne das neue Jahr selten mit Vorsätzen, aber immer mit einem Blick auf die Dinge, die sich verändert haben, während wir beschäftigt waren, Quartale zu analysieren und Zyklen zu lesen.
Dieses Mal war es ein simpler Moment im Supermarkt, der mich zum Nachdenken brachte: ein Regal voller Produkte, die vor einem Jahr kaum verfügbar waren, dazu Verbraucher, die wieder vergleichen, statt reflexartig das Erstbeste mitzunehmen. Es war nur eine Alltagsszene, aber sie erinnerte mich daran, wie fein die Signale sind, die wirtschaftliche Wendepunkte oft begleiten. Nicht die grossen Indikatoren kündigen sie an, sondern kleine Verschiebungen im Verhalten – dort, wo Unsicherheit langsam der Normalität weicht.
Europas Firmen lösen die Bremse
Gerade solche Beobachtungen machen deutlich, wie still und unspektakulär der Boden bereitet wird, auf dem Märkte wieder Tritt fassen.
Ein solcher Übergang prägt auch die europäische Wirtschaft. 2025 war ein Jahr, das sich schwer in ein klassisches Muster pressen liess. Europa startete solide, verlor dann aber gegenüber den USA merklich an Tempo. Doch die Voraussetzungen für 2026 sind andere. Viel spricht dafür, dass die Phase der stärksten Dollarabwertung überstanden ist und der grösste Druck auf europäische Exporte nachlässt. Gleichzeitig beginnen die Unwägbarkeiten im internationalen Handel ihren Schrecken zu verlieren, und die Aussicht auf planbare Rahmenbedingungen wirkt wie ein Befreiungsschlag für jene Branchen, die in den vergangenen zwölf Monaten auf der Bremse standen.
Substanzieller Wendepunkt
Dass Europa darüber hinaus der einzige grosse Markt ist, der zuletzt keine spürbaren Bewertungsmultiplikatoren hinzugewonnen hat, schafft zusätzlichen Raum für Erholung. Die fiskalischen Impulse – allen voran aus Deutschland – könnten eine Wende bei den Unternehmensgewinnen einleiten und damit das Fundament für attraktivere Bewertungen legen. Selbst im Konsumgüterbereich, der 2025 besonders gelitten hat, deutet sich eine Stabilisierung an. Die Menschen kaufen wieder bewusster, aber auch zuversichtlicher. Für viele Unternehmen ist das ein entscheidender Wendepunkt – nicht spektakulär, aber substanziell.
Was bedeutet das für Anlegerinnen und Anleger, die Europa 2026 einschätzen wollen? Es ist kein Umfeld, in dem eine einfache Stilwette ausreicht. Die veränderten Rahmenbedingungen entfalten Wirkung vor allem in jenen Bereichen, in denen Planungssicherheit und Investitionsprogramme real ankommen. Besonders die Industrie rückt daher erneut in den Mittelpunkt. Europa steht am Beginn einer Phase, in der staatliche Ausgaben – von Infrastruktur über Energie bis zur Modernisierung der Produktionslandschaft – in konkrete Projekte münden. Unternehmen mit robusten Bilanzen und hoher Preissetzungsmacht dürften zu den ersten gehören, die diesen Trend in ihren Zahlen widerspiegeln.
Bankensektor ist nicht mehr Renditetreiber
Gleichzeitig öffnen sich Chancen für exportorientierte Unternehmen, die unter der Währungssituation und den Handelsdebatten besonders gelitten haben. Ein stabilerer Dollar, der Rückzug der Zolldynamik und ein ermutigender Konsumtrend schaffen ein Umfeld, in dem ausgedünnte Erwartungen wieder steigen können. Für grosse europäische Marken, insbesondere im Konsum- und Luxussegment, könnte 2026 deshalb ein Jahr der Normalisierung werden – ein allmählicher Übergang von vorsichtiger Zurückhaltung zu wiedergewonnener Zuversicht.
Der Bankensektor bleibt stabil, aber nicht mehr der Renditetreiber vergangener Jahre. Die starken Bewertungsanstiege haben Spuren hinterlassen, und 2026 dürfte stärker von Ertragsstabilität als von Expansion geprägt sein. Dennoch spricht die solide Kapitalbasis vieler Institute dafür, dass sie eine verlässliche Rolle spielen können, insbesondere in Phasen erhöhter Volatilität.
Europa als ausgleichendes Gegengewicht zu der US-Techbranche
Europa bietet 2026 insgesamt ein Spannungsfeld aus Stabilität und neuen Ansätzen. Für globale Portfolios, die häufig stark zugunsten der USA und insbesondere der Technologiebranche ausgerichtet sind, wirkt der Kontinent als ausgleichendes Gegengewicht – defensiv, aber mit strukturellem Aufholpotenzial. Die europäische Erholung wird vermutlich nicht in spektakulären Bewegungen sichtbar werden, sondern in der leisen, aber beständigen Rückkehr wirtschaftlicher Normalität. Für Anlegerinnen und Anleger, die bereit sind, hinter die Schlagzeilen zu schauen, könnte genau darin die eigentliche Chance liegen: ein Markt, der nicht glänzen muss, um attraktiv zu sein, solange seine Richtung stimmt und seine Fundamentaldaten allmählich wieder in Einklang kommen.
Francesco Sedati, Head of Equities bei Eurizon.














