Jens Weidmann: «Banken mit tragfähigem Geschäftsmodell, nicht möglichst grosse»

Er war der unbestrittene Stargast am Swiss Bond Congress der auch beratend tätigen Bonitätsprüfer von Independent Credit View (I-CV), der am Donnerstag zum 12. Mal in Zürich über die Bühne ging.

Das Referat von Professor Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank und damit auch Mitglied des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2011 bis 2021, trug zwar den hoffnungsvollen Titel «Europa auf dem Weg zur neuer Stärke?»

Die wunden Punkte der EU

Allerdings legte Weidmann den Finger treffsicher auf die hinlänglich bekannten wunden Punkte des Staatenverbunds: die Unfähigkeit zur Umsetzung von Reformen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit (die Erkenntnisse liegen spätestens seit dem 2024 erstellten Bericht des früheren EZB-Präsidenten Mario Draghi auf dem Tisch), das Auseinanderfallen von Haftung und Kontrolle zum Beispiel in der Diskussion um Gemeinschaftsanleihen (Länder wie Frankreich betrachten solche als eine günstigere Finanzierungsquelle, beharren aber bei der Fiskalpolitik auf ihre nationale Souveränität), eine zu hohe Regelungsdichte und die generelle Wachstumsschwäche samt Deindustrialisierung.

Weidmann beklagte auch den «notorischen Hang zur Verschuldung, neuerdings auch auf EU-Ebene», wobei er das Transmission Protection Instrument (TPI) der EZB en passant kritisch einflocht. Das TPI erlaubt der EZB grundsätzlich den unbeschränkten Kauf von Staatsanleihen; Weidmann hatte sich bereits in seiner aktiven Zeit im EZB-Rat skeptisch gegenüber damaligen Anleihenkaufprogrammen gezeigt.

Vorsitzender des Commerzbank-Aufsichtsrats auf Abruf

Auch die Rezepte, die Weidmann den rund 150 Teilnehmern im Metropol vorsetzte, waren nicht neu. Den Wettbewerb als Ordnungsprinzip wieder stärken, Entbürokratisierung und Beschränkung der Tätigkeit der EU auf die Produktion «grenzüberschreitender öffentliche Güter» (wie Verteidigung) gehörten dazu.

Das Publikum wartete aber besonders gespannt darauf, bis ein anderes Thema aufs Tapet kam. Weidmann ist nämlich auch Vorsitzender des Aufsichtsrats der Commerzbank, an der die Unicredit nach einer längeren Auseinandersetzung (die Commerzbank-Führung wollte unabhängig bleiben) die Aktienmehrheit hält. Was würde Weidmann, Commerzbank-Vorsitzender auf Unicredit-Chef Andrea Orcels Abruf quasi, dazu sagen?

Welche Banken die EU braucht

Bereits in seinem Referat wandte er sich im Einklang mit seinem gefestigten ordnungspolitischen Kompass dagegen, dass die Politik in Europa den Banken Grössenvorgaben macht. «Die EU braucht nicht per se grosse Banken, sondern solche mit einem tragfähigen Geschäftsmodell.»

Richtig zur Sache ging es dann aber in der anschliessenden Gesprächsrunde mit SRF-Moderator Andi Lüscher. Man sei mit der Commerzbank auf Erfolgskurs, aber das habe nicht ausgereicht, um eine Mehrheit zu sichern, gestand Weidmann ein, und skizzierte «den vernünftigen Weg», der nun einzuschlagen wäre. Es gelte nun, eine gemeinsame Diskussion zu führen, mit dem Ziel, für alle Stakeholder (also nicht nur die Aktionäre) einen Mehrwert zu schaffen. Mit einer feindseligen Übernahme hingegen werde erfahrungsgemäss viel Unternehmenswert vernichtet.

Bonitäten von Staaten im Allgemeinen, die Republik Austria ganz konkret

Ob sich Orcel, der Chef des im Ringen um die Gunst der Commerzbank-Eigentümer siegreichen italienischen Grossbank, von Weidmanns Appell beeindrucken lässt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Am Swiss Bond Congress präsentierte I-CV ausserdem die neue Studie zur Länderbonität, eine Thematik, die angesichts der wachsenden Sorge um die Staatsverschuldung und der steigenden Renditen für Staatsanleihen hochaktuell ist. Auf grosses Interesse stiessen auch die Ausführungen von Markus Stix, Managing Director der Österreichischen Bundesfinanzierungsagentur. Denn in der Schuldenverwaltung der Republik Austria, die nach 16 Jahren Abstinenz 2025  wieder an den Schweizer Kapitalmarkt zurückgekehrt ist, hat sich in dieser Auszeit doch einiges getan.

Mehr Aufmerksamkeit für die Anlageklasse Anleihen

Ein insgesamt grundsätzlich gutes Zeugnis stellten die beiden I-CV-Bonitätsanalysten Guido Versondert und Michael Dawson-Kropf den europäischen Banken aus.

Und aus Sicht des Schweizer Obligationenmarkts ebenfalls mehr als eine Fussnote wert: Im Publikum sassen nicht nur Fixed-Income-Spezialisten und institutionelle Anleger, sondern auch einzelne Vermögensverwalter, die in den letzten Jahrzehnten praktisch ausschliesslich auf Aktien gesetzt hatten. Die nun wieder deutlich höheren Renditen für Fremdwährungsanleihen haben offensichtlich dazu geführt, dass die Anlageklasse Festverzinsliche sogar für solche Kreise attraktiver geworden ist und ihr mehr Zeit gewidmet wird.