Was die ersten Erhebungen über die Verbreitung von KI aussagen
In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.
Ein neues wirtschaftliches Paradigma zeichnet sich ab – zwischen ungleicher Umsetzung und einer Herausforderung für Europa.
Künstliche Intelligenz fasziniert ebenso sehr, wie sie verunsichert, insbesondere mit Blick auf ihre möglichen Auswirkungen auf Produktivität und Beschäftigung. Der Einfluss von KI auf makroökonomische Grössen hängt jedoch entscheidend davon ab, dass diese Technologien von Unternehmen tatsächlich breit eingesetzt werden. Doch lässt sich überhaupt bereits etwas über die Verbreitungsrate von KI sagen, obwohl sich die Technologie und vor allem ihre Anwendungen noch in einem frühen Entwicklungsstadium befinden?
Die Federal Reserve Bank of Atlanta (Yotzov et al. 2026) schlägt hierzu einen Ansatz vor, der mehrere Umfragen in vier grossen OECD-Ländern – den Vereinigten Staaten, Australien, Deutschland und dem Vereinigten Königreich – zusammenführt. Ziel ist es, eine internationale, homogene und makroökonomisch repräsentative Stichprobe zu erstellen. Die Untersuchung basiert auf einem Panel von 6'000 Unternehmen.
Was produktivere, grössere und besser zahlende Unternehmen ausmacht
Die Umfrage wurde zwischen November 2025 und Januar 2026 durchgeführt und umfasst Unternehmen aller Grössenordnungen aus allen Branchen der untersuchten Volkswirtschaften. Die Fragestellungen wurden vereinheitlicht, um mögliche Verzerrungen zu minimieren. Die Studie identifiziert vier zentrale Erkenntnisse zur Verbreitung von KI.
Im Durchschnitt geben 69 Prozent der befragten Unternehmen an, KI einzusetzen – von 78 Prozent in den USA bis 59 Prozent in Australien. Besonders dominant sind grosse Sprachmodelle (LLMs), auf die allein 41 Prozent der Anwendungen entfallen, während lediglich 30 Prozent auf Technologien basieren, die klassische Methoden des maschinellen Lernens nutzen. Zudem zeigt sich, dass produktivere, grössere und besser zahlende Unternehmen KI häufiger einsetzen als Firmen mit im Durchschnitt älteren Führungskräften.
Produktivitätsgewinne werden von KI-Investitionen abhängen
Auf individueller Ebene und über alle Unternehmen hinweg nutzen lediglich 28 Prozent der Befragten keine KI am Arbeitsplatz. Demgegenüber geben 41 Prozent der Anwender an, KI «bis zu einer Stunde pro Woche» zu verwenden, während 24 Prozent sie zwischen einer und fünf Stunden pro Woche einsetzen.
Zusammengefasst haben bereits viele Unternehmen KI-Werkzeuge eingeführt. Innerhalb der Organisationen befindet sich diese Nutzung jedoch noch in einem frühen Stadium, und die eingesetzten Anwendungen bleiben bislang vergleichsweise rudimentär. Die Umfrage untersucht zudem die erwartete Entwicklung in den kommenden drei Jahren.
In den vier untersuchten Ländern rechnen 75 Prozent der Unternehmen damit, innerhalb der nächsten drei Jahre KI-Technologien einzusetzen. Gleichzeitig planen sie, den Einsatz datenbasierter Anwendungen des maschinellen Lernens auszubauen. Dies deutet auf bevorstehende Investitionen hin, um die notwendigen Fähigkeiten und Infrastrukturen für die Nutzung dieser Technologien aufzubauen.
Die Ergebnisse der Studie stärken damit die Überzeugung, dass wir schrittweise in ein neues wirtschaftliches Paradigma eintreten: Produktivitätsgewinne und letztlich auch die Unternehmensperformance werden zunehmend davon abhängen, ob Unternehmen kontinuierlich investieren und ob diese Technologien individuell breit angenommen werden. Europa wird in diesem Zusammenhang jedoch eine erhebliche Zahl struktureller Hindernisse überwinden müssen.
Mabrouk Chetouane, Head of Global Market Strategy und Romain Aumond, Quantitative Macro Strategist, bei Natixis Investment Managers.
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