KI macht die Energiewende zum Investmentthema

Die Spannungen im Nahen Osten, der Ukraine-Krieg oder die anhaltende Abhängigkeit Europas von fossilen Energieträgern haben das Thema Versorgungssicherheit erneut ins Zentrum gerückt. Doch für Romeo Deplazes, CEO von Energie 360°, geht es eigentlich um was anderes.

«Der Haupttreiber ist nicht die geopolitische Abhängigkeit, sondern der CO₂-Ausstoss», sagt er im Gespräch mit finews. Beide Themen gingen allerdings Hand in Hand. Fossile Energieträger stammten häufig aus politisch instabilen Regionen – umso wichtiger werde der Umbau hin zu erneuerbaren Energien.

Milliarden für die Infrastruktur

Für Investoren eröffnet diese Entwicklung langfristige Chancen. Deplazes verweist auf die kürzlich platzierte Green-Bond-Emission seines Unternehmens über 150 Millionen Franken.

«Für uns war das der Beweis, dass die Finanzwelt diese Transformation aktiv unterstützen will», sagt er. 

«Das sind Investitionen mit einem Zeithorizont von fünfzig Jahren und mehr. Genau dies macht sie für Investoren attraktiv.»

Die eigentliche Herausforderung liege jedoch nicht beim Kapital, sondern bei der Infrastruktur. Bevor Haushalte und Unternehmen erneuerbare Wärme oder Elektromobilität nutzen könnten, müssten zunächst neue Netze und Anlagen entstehen.

Allein Energie 360° werde bis Anfang der 2030er-Jahre rund 700 bis 750 Millionen Franken investieren – vor allem in Fernwärmenetze und Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge.

Energie 360 EZ Volketswil
Mit der Abwärme aus Rechenzentren liefert die Energiezentrale Volketswil CO2-neutrale Energie, um ab 2027 rund 20'000 Haushaltungen in der Region mit lokaler Wärme zum Heizen und fürs Warmwasser zu versorgen. (Bild: zVg)

«Das sind Investitionen mit einem Zeithorizont von fünfzig Jahren und mehr. Genau diese langfristige Perspektive macht sie für institutionelle Investoren attraktiv», so Deplazes. 

Fernwärme statt Erdgas

Ein Schwerpunkt liegt auf dem Ersatz von Öl- und Gasheizungen durch Fernwärmenetze.

Energie 360° betreibt oder realisiert derzeit schweizweit rund 30 Energieverbünde, einen Grossteil davon im Grossraum Zürich. Dabei stammt die Wärme fast ausschliesslich aus erneuerbaren Quellen – etwa aus Seen, Kehrichtverbrennungsanlagen oder Rechenzentren.

«Ein Rechenzentrum ist letztlich nichts anderes als ein grosser Kühlschrank», sagt Deplazes: «Die entstehende Abwärme wäre viel zu schade, um sie ungenutzt an die Umgebung abzugeben.»

KI macht Abwärme wertvoll

Mit dem Boom künstlicher Intelligenz steigt weltweit der Bedarf an Rechenzentren – und damit auch das Potenzial, deren Abwärme für die Wärmeversorgung zu nutzen.

Energie 360° entwickelt derzeit mehrere Projekte, bei denen ganze Gemeinden künftig mit der Abwärme von Rechenzentren beheizt werden sollen, unter anderem in Volketswil und Dielsdorf.

«Das ist in dieser Dimension schweizweit einzigartig», sagt Deplazes.

Der Vorteil sei erheblich: Während Seewasser lediglich wenige Grad warm sei, lieferten Rechenzentren kontinuierlich Wasser mit rund 30 Grad Celsius. Dadurch sinke der Strombedarf der Wärmepumpen deutlich.

«Es wäre fahrlässig, dieses Potenzial nicht konsequent zu nutzen», so Deplazes. 

Intelligente Stromnetze statt Netzausbau

Auch bei der Elektromobilität sieht Deplazes weniger ein Kapazitätsproblem als eine Frage der intelligenten Steuerung.

Viele befürchteten, das Schweizer Stromnetz könne den wachsenden Strombedarf durch Elektroautos nicht bewältigen.

«Man muss die Lasten intelligent verschieben», sagt er.

Autos müssten dann geladen werden, wenn genügend Strom vorhanden oder der Strompreis tief sei. Gleiches gelte für Wärmepumpen oder Warmwasserboiler.

«Wenn wir die Infrastruktur intelligent nutzen, können wir viele Spitzen brechen, ohne das Netz massiv auszubauen», sagt er. 

Zusätzlich setzt Energie 360° bei Schnellladestationen vermehrt auf Batteriespeicher, welche Lastspitzen abfedern und das Stromnetz entlasten.

Nachhaltigkeit verliert ihr Etikett

Bemerkenswert ist für Deplazes auch der Wandel auf Investorenseite.

Während vor wenigen Jahren noch das ESG-Label im Vordergrund gestanden habe, interessierten sich Anleger heute stärker für konkrete Projekte.

«Wir sprechen kaum mehr über Nachhaltigkeit. Wir sprechen über erneuerbare Technologien und über die Transformation des Energiesystems.»

«Der Bedarf an Investitionen in erneuerbare Energie ist enorm.»

Bei der Green-Bond-Emission sei das Interesse entsprechend breit abgestützt gewesen – von Pensionskassen über Versicherungen bis hin zu Banken und Vermögensverwaltern.

Attraktive Anlageklasse

Für Deplazes dürfte der Kapitalbedarf in den kommenden Jahren weiter steigen.

Die Energiewende werde Milliardeninvestitionen in Stromproduktion, Wärmeversorgung, Ladeinfrastruktur und Netze erfordern.

«Der Bedarf an Investitionen in erneuerbare Energie ist enorm», betont er. 

Gerade langfristig orientierte Anleger könnten davon profitieren: «Es handelt sich um Infrastruktur mit einer Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten. Das sind stabile, planbare Investments – und genau das suchen viele institutionelle Investoren heute», sagt Deplazes.