Warum 100 Finanzfrauen an einem Abend in Zürich zusammenkommen

100 Teilnehmerinnen an einem Dienstagabend – offenbar haben die Fondsfrauen einen Nerv getroffen. So viel weibliche Finanzpower in eleganter Business-Garderobe auf einem Fleck sieht auch finews nicht alle Tage. Die meisten dürften direkt aus dem Büro ins Zürcher Museum für Gestaltung gekommen sein. Die angeregten Gespräche im Saal lassen zudem vermuten, dass einige Frauen nicht zum ersten Mal dabei sind. Und: Ganz unter sich bleiben sie nicht. Auch eine Handvoll Männer hat sich unter die Teilnehmerinnen gewagt.

Karriere macht man nicht allein

Die Mission dahinter bringt Mitgründerin Manuela M. Fröhlich ziemlich unverblümt auf den Punkt: Die Frauen sollen ein Stück weit zum Netzwerken «gezwungen» werden. Denn neben Beruf und teilweise auch Kinderbetreuung komme das sonst häufig zu kurz.

«Ein Netzwerk steht und fällt mit Grösse, Engagement der Teilnehmer und Qualität der diskutierten Themen. In allen Aspekten sind die Fondsfrauen Weltklasse», sagt Anja Hochberg, Chief Investment Officer (CIO) der Zürcher Kantonalbank und langjähriges Mitglied des Advisory Boards.

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Manuela M. Fröhlich, Mitgründerin der Fondsfrauen, eröffnete den Anlass in Zürich. (Bild: zVg)

6'000 Frauen und vier Länder

Beziehungen spielen für die berufliche Laufbahn eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wer kennt wen? Wer empfiehlt jemanden für eine Position? Wer weiss von einer Stelle, bevor sie öffentlich ausgeschrieben wird? Und wer kann bei einer schwierigen Karriereentscheidung aus eigener Erfahrung weiterhelfen?

Die Fondsfrauen wurden vor elf Jahren in Deutschland gegründet, 2016 folgte die erste Veranstaltung in der Schweiz. Inzwischen ist das Netzwerk in der DACH-Region sowie in Luxemburg aktiv. Hierzulande finden mittlerweile vier Abendveranstaltungen pro Jahr statt. Aus der ursprünglichen Initiative sei mittlerweile ein Netzwerk mit mehr als 6'000 Frauen aus Finance und Asset Management geworden. Zu den Unterstützern gehört auch BNY Investments, das den Zürcher Anlass als Sponsor begleitete.

Wer nicht sichtbar ist, wird übersehen

Dabei gehe es nicht allein um neue Kontakte. Wissen, Jobs, gegenseitige Unterstützung und vor allem Sichtbarkeit sind wiederkehrende Themen. Dafür setze das Netzwerk unter anderem auf Buddy- und Mentoringprogramme, Veranstaltungen und Studien zur Geschlechterdiversität. Mehr als 55 weibliche Führungskräfte engagieren sich nach eigenen Angaben als Mentorinnen.

«You can't be what you can't see», heisst es dazu in der Präsentation der Fondsfrauen.

Wenn plötzlich alle perfekt klingen

Karina Audrey Jeker, Gründerin und CEO von Female Business Seminars, näherte sich in ihrer Keynote der Frage über ein Thema, das derzeit kaum eine Branche unberührt lässt: künstliche Intelligenz. Ihr Gedanke: Wenn sich mit KI in wenigen Sekunden ein nahezu perfektes LinkedIn-Profil formulieren lässt, verliert sprachliche Perfektion als Unterscheidungsmerkmal an Bedeutung.

«When everyone can sound perfect, perfection no longer differentiates you», sagte sie. Entscheidend werde vielmehr, wofür jemand stehe, welche Erfahrungen und Werte eine Person mitbringe – und womit sie von anderen in Verbindung gebracht werde.

Dafür müsse man zunächst selbst wissen, was man besonders gut könne. Jeker empfahl den Teilnehmerinnen allerdings auch einen Perspektivwechsel: Nicht nur die eigene Einschätzung sei entscheidend, sondern die Frage, wie andere die Zusammenarbeit mit einem erleben. Wahrnehmung beeinflusse schliesslich Glaubwürdigkeit, Einfluss – und letztlich auch die Karriere.

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Wie wird man sichtbar, ohne sich selbst zu vermarkten? Karina Audrey Jeker sprach über Personal Branding in Zeiten von künstlicher Intelligenz. (Bild: zVg)

Eigenlob stinkt?

Besonders hängen blieb ein Satz: «We have to stop confusing visibility with self-promotion.»

Darin liegt wohl eine der grössten Hürden beim Personal Branding. Wer über die eigene Arbeit spricht, möchte nicht zwangsläufig mit ihr prahlen. Für Jeker geht es vielmehr darum, eine glaubwürdige Verbindung zwischen Persönlichkeit, eigenen Werten und dem tatsächlichen Handeln herzustellen.

Persönlichkeit als Future Skill

Personal Branding versteht sie deshalb nicht als Marketingübung, sondern als «Future Skill». In einer Arbeitswelt, in der KI immer professionellere und austauschbarere Texte produziert, könnten Persönlichkeit und Wiedererkennbarkeit an Bedeutung gewinnen.

Sie forderte die Frauen im Saal deswegen dazu auf, den Mut zu haben, die Lücke zwischen der eigenen Persönlichkeit und jener Person zu schliessen, die sie im Berufsleben nach aussen darstellen.

Karriere ohne Patentrezept

Im anschliessenden Fireside Chat rückte schliesslich die eigene Karriere stärker in den Vordergrund. Ulrike Beck, Senior Relationship Manager bei BNY Investments, sprach mit Gesa Johannsen, Managing Director und Executive Platform Owner der Global Collateral Platform bei BNY, über berufliche Entwicklung, Führung und die Rolle von Netwerken.

Johannsen sprach über einen Wendepunkt in ihrer eigenen Laufbahn. In ihren Dreissigern habe sie einen sehr guten Job verlassen – ohne Sicherheitsnetz und ohne bereits zu wissen, was danach kommen würde. Die Zusammenarbeit mit einem Coach habe sie damals gezwungen, sich von ihren fachlichen Qualifikationen zu lösen und sich eine grundsätzlichere Frage zu stellen: Was zeichnet mich eigentlich aus, wenn ich nicht nur über meine Expertise und bisherigen Erfolge spreche?

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Kontakte knüpfen statt nur Visitenkarten sammeln: Beim Zürcher Fondsfrauen-Event stand der persönliche Austausch im Zentrum. (Bild: zVg)

Lieber wenige Kontakte, die wirklich zählen

Rückblickend würde Johannsen vor allem eines anders machen: früher in ihr Netzwerk investieren. Erst sei die Karriere im Vordergrund gestanden, später seien Beruf und Familie zusammengekommen. Einen Grund, Networking aufzuschieben, habe es eigentlich immer gegeben. Je länger man damit warte, desto schwieriger werde es jedoch.

Dabei gehe es ihr nicht darum, möglichst viele Kontakte anzuhäufen. Lieber habe sie ein kleineres, vielfältiges Netzwerk mit Menschen, die sie im Zweifel auch nachts anrufen könne – und die sich umgekehrt bei ihr meldeten, wenn sie glaubten, dass sie eine ehrliche Rückmeldung brauche. Einige Mentoren begleiteten Johannsen bereits seit mehr als 25 Jahren.

Auch als Führungskraft versucht sie diesen Gedanken weiterzugeben. Vertrauen und Offenheit seien für sie entscheidend – ebenso die Bereitschaft, eigene Schwächen zu zeigen. Wer von seinem Team erwarte, offen zu sagen, wenn es einmal nicht gut laufe, müsse diese Verletzlichkeit schliesslich auch selbst zulassen.

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Das Museum für Gestaltung in Zürich bot die Kulisse für den jüngsten Schweizer Anlass der Fondsfrauen. (Bild: zVg)

Mehr als ein guter Abend?

Damit schloss sich auch der Kreis zum Thema des Abends. Sichtbarkeit beginne nicht erst beim LinkedIn-Profil. Wer beruflich wahrgenommen werden wolle, müsse zunächst selbst einordnen können, wofür er oder sie stehen möchte.

Ob aus der Mitgliedschaft später ein neuer Job, eine Empfehlung oder schlicht ein hilfreiches Gespräch entsteht, liess sich an diesem Abend natürlich nicht feststellen. Aber vielleicht muss ein Netzwerk zunächst auch gar nicht mehr leisten, als Menschen zusammenzubringen, die sich sonst womöglich nie begegnet wären.

100 Frauen an einem Abend sind dafür zumindest ein ziemlich deutliches Zeichen.